Papua-Neuguinea

„Geschlagen, getreten und traktiert“

Ein Mädchen, sechs Jahre alt, wurde sexuell missbraucht. Die Krankenschwester Rolling Morgan ist froh, dass sie dieser jungen Patientin helfen konnte: „Ein Jahr lang ist sie umhergelaufen, ohne zu wissen, was mit ihrem Körper passiert war. Die Ärzte, bei denen sie war, konnten ihr nicht helfen. Für ein kleines Mädchen ist es ein Alptraum und qualvoll, chronisch an einer sexuell übertragbaren Krankheit zu leiden." In Papua Neuguinea ist das Wissen um sexuelle Gewalt und die Wichtigkeit einer Behandlung der Überlebenden kaum vorhanden. Ärzte ohne Grenzen hat daher in der Hauptstadt Port Moresby ein neues Projekt eröffnet.

Ärzte ohne Grenzen/ Médecins sans Frontières (MSF) hatte bereits seit 2007 in der Stadt Lae ein identisches Projekt durchgeführt, das vor kurzem erfolgreich dem staatlichen Gesundheitssystem übergeben wurde. Martha Pogo ist Supervisorin für klinische Betreuung von Ärzte ohne Grenzen . Sie arbeitet heute in Port Moresby und sagt, in Lae, wo sie ebenfalls ein Jahr gearbeitet hat, gebe es inzwischen viel mehr Kenntnisse über das schwierige Thema: „Das zeigt, wie viel wir dort erreicht haben."

Nah am Wohnort

Ein weiterer Grund, warum das neue Projekt innerhalb der „9 Mile Klinik" in Port Moresby eröffnet wurde, ist die Wichtigkeit einer raschen Behandlung nach dem Vorfall. Für Betroffene gab es zuvor keine Anlaufstelle in ihrer direkten Nähe. „Eine Frau, die in die Klinik gekommen ist, war von ihrem Mann geschlagen worden, als sie im zweiten oder dritten Schwangerschaftsmonat war", erzählt Martha Pogo. „Geschlagen, getreten und überall, auch im Unterleib, mit Fausthieben traktiert. Sie wohnt nur ein paar Häuser weiter, aber sie konnte nicht sofort herkommen, weil sie nach dem Vorfall eine Fehlgeburt hatte und blutete. Sie war so schwach, dass sie sich kriechend fortbewegen musste. Als sie aufstehen und Schritt für Schritt gehen konnte, ist sie direkt hierhergekommen, und ich habe sie untersucht. Sie war dankbar, hierher kommen zu können und Hilfe zu erhalten, denn um zur Bushaltestelle zu gehen, hatte sie nicht die Kraft."

Fünf elementare Versorgungsleistungen

Im ersten Monat hat das Team schon Dutzende Überlebende sexueller und familiärer Gewalt versorgt. Martha Pogo bildet das Krankenpflegepersonal weiter und lehrt einen strukturierten Behandlungsplan. Dieser stellt sicher, dass die Patienten die wichtigsten fünf Versorgungsleistungen erhalten. Dazu gehören: die medizinische Notversorgung von Wunden, psychologische Erste Hilfe, die Aids-Prophylaxe und Medikamente gegen andere sexuell übertragbare Infektionen (STIs), die Notfall-Empfängnisverhütung sowie die Impfung gegen Hepatitis und Tetanus.Obwohl Martha Pogo erfahrenes Pflegepersonal anleitet, stellen sich bei ihm doch verschiedene Wissenslücken heraus. Auch sind die Patientinnen oft überrascht zu erfahren, dass sie sich vor Aids schützen können, wenn sie sich innerhalb von 72 Stunden nach dem sexuellen Gewaltakt zur Behandlung einfinden.

Gesprächsbedarf

Abgesehen vom Angebot einer direkten medizinischen Versorgung erwirbt sich die „9 Mile Klinik" allmählich den Ruf, ein sicherer Ort zu sein, an den die Betroffenen kommen und sich aussprechen können, ob sie nun vor einer Stunde oder vor Jahren sexuelle Gewalt erlitten haben.Martha Pogo erinnert sich, dass die erste Patientin, die das Team von Ärzte ohne Grenzen in der Klinik behandelt hat, eine Jugendliche war, die schon zwei Jahre zuvor sexuelle Gewalt erlitten hatte, sich aber nie getraut hatte, über ihr Erlebnis zu sprechen. „Sie litt nicht an irgendeinem Gesundheitsproblem; sie wollte einfach nur mit jemandem reden. Nach zwei Jahren hatte sie endlich das Gefühl, wir seien die Richtigen dafür."

Nachhaltige Wirkung

In Papua-Neuguinea ist sexuelle und familiäre Gewalt weit verbreitet. In dem Land, in dem viele verschiedene Ethnien leben, sind rivalisierende Clanstrukturen stark ausgeprägt. Diese tragen zu der hohen Gewaltbereitschaft bei, unter der vor allem Frauen und Kinder leiden. Das neue Projekt in Port Moresby hilft dabei, die Möglichkeiten der Behandlung nachhaltig zu verbessern und auszuweiten. „Es macht mich wirklich froh, zu sehen, wie begierig die Kolleginnen und Kollegen Informationen aufnehmen, die neu für sie sind", sagt Martha Pogo hoffnungsvoll.

Außer dem Projekt in Port Moresby arbeitet Ärzte ohne Grenzen in Tari, wo die Organisation ein Familienhilfezentrum betreibt. Ärzte ohne Grenzen unterstützt auch primäre und Mutter-Kind- Gesundheitsvorsorgedienste im Gesundheitszentrum Buin in Bougainville. In Papua Neuguinea haben Ärzte ohne Grenzen 1992 zu arbeiten begonnen.

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