Indien

Gesundheitsversorgung in Indiens roten Wäldern

In den Wäldern Zentralindiens, kämpfen maoistische Rebellengruppen, genannt Naxalites, gegen Regierungstruppen um die Kontrolle weiter Landstriche. Die Menschen, die dort in den Wäldern in kleinen Dörfern leben, sind in diesem Konflikt gefangen und können die staatliche Klinik im Bundesstaat Chhattisgarh nicht mehr erreichen. Dr. Rebecca Cuthbert berichtet, wie Ärzte ohne Grenzen die Kliniken zu den Menschen bringt. 

Fünf Minuten dauert der Weg die sandige Straße entlang bis zu unserem Büro. Dort angekommen überprüfe ich frühmorgens als erstes die Tafel mit den Aufgaben, die auf das Team heute warten und die wir noch abends zuvor festgelegt haben.

Jede Woche betreiben wir fünf mobile Kliniken. Heute werden 14 von uns unterwegs sein, was auch bedeutet, dass wir sehr viel Wasser mitnehmen müssen. Im Sommer, wenn die Temperaturen am höchsten sind müssen wir für jeden bis zu drei Liter Wasser mitnehmen. Wir trage außerdem auch die nötige Ausrüstung, die Vorräte, darunter Laborausrüstung und Medikamente, Gesundheitskarten und Aufnahmebücher, Plastikplanen, Paravents und Kühlboxen.

Aufbruch

Nachdem auch das restliche Team versammelt ist und alles Wesentliche für den Tag besprochen wurde, brechen wir mit den Autos auf. Nach einer Stunde Fahrt müssen wir sie jedoch stehen lassen, unsere Rucksäcke schultern, die Fahne von Ärzte ohne Grenzen in die Hand nehmen und nun zu Fuß hintereinander weitergehen.

Handtücher, Hüte und Schals schützen unsere Köpfe vor der Sonne, die jetzt schon auf uns niederbrennt. Der schmale Pfad führt durch den Wald, an Reisfeldern vorbei und über Flüsse, deren Wasser uns während der Regenzeit bis zur Taille steht aber jetzt nur ein kleines Rinnsal bildet. Wir treffen auf Dorfbewohner, darunter auch Frauen, die ein Reisbündel oder Holzstücke auf dem Kopf tragen und ein Kind auf ihren Hüften.

Aufbau der Klinik

Nach einer Stunde Fußmarsch kommen wir im Dorf an und bauen die Klinik auf. Das Team arbeitet präzise wie ein Uhrwerk: grüner Stoff wird zwischen Pfosten aufgespannt damit abgeschirmte Bereiche gewährleistet werden können, etwa für Untersuchungen in der Geburtshilfe. Auch Wartebereiche werden eingerichtet und Bereiche für Labortätigkeiten und Impfungen. Auf einem alten Feldbett werden die Medikamente hergerichtet und platziert. Waagen werden aufgehängt und die Schwestern und Pfleger bereiten die Impfungen vor: Polio, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Hepatitis-B. Auch der Arzt bereitet sich vor und die wartenden Menschen werden von einem Berater über mögliche Behandlung und Prävention von Krankheiten wie Diarrhöe, Skabies oder Malaria informiert. Alle diese Erkrankungen kommen in dieser Gegend häufig vor.

Alltag in der mobilen Klinik

Die ersten Patientinnen und Patienten werden angemeldet. Die Kommunikation braucht Zeit und Geduld, da viele Informationen auf Hindi und/oder Englisch oder in den örtlichen Dialekt übersetzt werden müssen. Dann werden die Patienten ausführlich zu ihrer Krankengeschichte befragt. Nachdem sie beim Arzt waren, werden manche zu weiteren Tests oder zur Medikamentenausgabe geschickt. Andere wiederum werden geimpft oder müssen zur Wundversorgung. Schwangere Frauen und unterernährte Menschen werden direkt zu den Krankenschwestern oder -pflegern gebracht. Alle, die Fieber haben, werden auf Malaria getestet. Alle, die an Tuberkulose leiden, erhalten Unterstützung und Beratung.

Viele Kinder, die gebracht werden, sind sehr dünn. Krankheiten haben zu ihrem Untergewicht geführt, vor allem im Alter von ein bis zwei Jahren. Manche von ihnen müssen Zusatznahrung bekommen, andere wiederum sind so schwer erkrankt, dass sie in ein Ernährungsprogramm aufgenommen werden. Ärzte ohne Grenzen gibt auch Müttern angereicherte therapeutische Fertignahrung und sie erhalten Beratung über die Wichtigkeit eines regelmäßigen Ernährungsplans für ihre Kinder und auch die Beobachtung der Fortschritte, die die Kinder machen.

Notfälle

Oft sind wir mit Fällen schwerer Anämie bei schwangeren Frauen konfrontiert, denn die Ernährung der Menschen in dieser Gegend besteht vor allem aus Reis und Gemüse. In solchen Fällen können schwere Komplikationen bei der Geburt auftreten und deshalb müssen wir die Hämoglobin-Werte überwachen, Eisen zur Verfügung stellen und manchmal auch Transfusionen vornehmen. Mit dem Distriktkrankenhaus in Bijapur arbeitet Ärzte ohne Grenzen an der Einrichtung eines Blutvorrates, der in Notfällen verwendet werden kann. 

Wir versorgen auch viele Notfälle in der mobilen Klinik. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der mit einer großen, sehr tiefen Wunde auf der Stirn – verursacht durch eine Axt – zu uns kam. Wir reinigten die Wunde und brachten ihn in das Distriktkrankenhaus von Bijapur. Später organisierten wir seine Überstellung in die neurochirurgische Abteilung in Raipur.

Es wird spät und wir achten immer auf die Zeit, denn wir müssen aus Sicherheitsgründen vor Einbruch der Dunkelheit im Büro zurück sein. Da wir erst wieder in einer Woche zurückkehren, stellen wir sicher, dass wir auch alle Patientinnen und Patienten noch untersuchen und nötige Tests machen können. Dann bauen wir die Klinik ab, wandern zu unseren Autos zurück und fahren nach Bijapur zurück. „Gute Klinik?“ fragt unser Projektkoordinator bei unserer Rückkehr. „Wie viele Patienten habt Ihr gehabt?“

Es war eine gute Klinik. Dafür sind wir hier: für die guten und die schweren Tage, Tage, die früh beginnen und spät enden. Und für das Gefühl ordentliche Arbeit mit der Unterstützung eines enthusiastischen und engagierten Teams getan zu haben. 

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