Nigeria

Gewalt in der Region Tschadsee: 2,5 Mio. Menschen heimatlos

In den Staaten Nigeria, Kamerun, Tschad und Niger sind insgesamt 2,5 Millionen heimatlos geworden. Grund für die Massenvertreibung sind die Attacken der terroristischen Gruppierung „Islamic State’s West Africa Province“ (ISWAP), bisher bekannt als Boko Haram. Die Gewalt wird durch die Gegenschläge seitens der Regierungen noch verstärkt. Ärzte ohne Grenzen erweitert daher die medizinischen und humanitären Hilfsaktivitäten in den vier Ländern der Tschadsee-Region.

Dr. Jean-Clément Cabrol ist Leiter der Einsätze von Ärzte ohne Grenzen in Genf und hat kürzlich Kamerun und den Tschad besucht. Er berichtet über den großen humanitären Bedarf in der Region:

„Die Krise in der Tschadsee-Region hat weitreichende humanitäre Auswirkungen. Die Menschen fliehen vor der Gewalt über die Landesgrenzen hinweg, aber auch innerhalb ihrer eigenen Länder. Manche fliehen vor den Angriffen des ISWAP, andere vor den Vergeltungsaktionen und Offensiven, die von den regionalen Streitkräften ausgehen. Es ist ein Teufelskreis der Gewalt, in dem die Zivilisten mittendrin gefangen sind.

Mangelnde Gesundheitsversorgung

Es gibt kaum noch Gesundheitseinrichtungen. Mancherorts wurden sie geschlossen, weil es an Medikamenten und Material mangelte oder das medizinische Personal zur Flucht gezwungen war. Die Zivilbevölkerung hat nicht einmal mehr Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung.

Die Menschen, die fliehen mussten, leben unter äußerst schwierigen Bedingungen ohne Obdach und ohne Einkommen. Manche konnten ihre Felder nicht abernten und die Nahrungsmittelpreise sind drastisch angestiegen. Dies stellt eine weitere Belastung für die ohnehin geschwächte und vernachlässigte Region dar.

Ärzte ohne Grenzen bietet Flüchtlingen, Vertriebenen und Dörfern, die vertriebene Menschen bei sich aufnehmen, in den vier angrenzenden Ländern des Tschadsees humanitäre und medizinische Hilfe an. Unsere Teams in Kamerun, Tschad, Nigeria und Niger verstärken die jeweiligen Gesundheitsbehörden in den Bereichen primäre Gesundheitsversorgung, Ernährungshilfe, psychologische Betreuung, chirurgische Versorgung und Behandlung für Verwundete und Opfer von Gewalt. Zudem stellen wir Wasser und Hilfsgüter zur Verfügung.

Gesamtbedarf nicht bekannt

Es gibt viele Menschen, die wir schlicht nicht erreichen können und es gibt Gegenden, in denen wir das Ausmaß des Bedarfs nicht abschätzen können. Es ist schwierig, die innerhalb ihrer Länder vertriebenen Menschen zu erreichen, da die meisten weit verstreut in unsicheren und schwer zugänglichen Gebieten leben. Trotzdem bemühen wir uns nach Kräften, auch diesen Menschen Gesundheitsversorgung zu bieten. Wir unterstützen auch die Dörfer, die vertriebene Menschen bei sich aufnehmen. Denn diese müssen selbst mit beschränkten Mitteln ums Überleben kämpfen.

Ungewisse Zukunft

Hervorstechendes Merkmal dieser Krise ist der blanke Terror, unter dem die Menschen leben. Anschläge auf Märkte, Gebetsstätten und Schulen lösen ringsherum Angst und Schrecken aus und treiben die Menschen in die Flucht. Inzwischen führen auch die Gegenangriffe zu Vertreibungen. Die Menschen fühlen sich nicht mehr sicher und wollen nicht in ihr Zuhause zurückkehren. Es ist, als ob sie einfach warten würden. Es ist schwierig vorauszusagen, was die Zukunft für sie bereithält. Die einzige Gewissheit ist im Moment, dass sie weiter in Angst leben und nicht in ihre Heimat zurückkehren können.“

Aktuell sind unsere Teams an verschiedenen Orten in den vier an den Tschadsee angrenzenden Ländern im Einsatz. In den Bundesstaaten Borno und Yobe im Norden Nigerias bietet Ärzte ohne Grenzen medizinische Grundversorgung für Vertriebene und die einheimische Bevölkerung an. Im Norden Kameruns betreibt die Organisationen Gesundheitseinrichtungen in Minawao, Mora, Mokolo und Kousseri. Ebenso gewährleisten unsere Teams lebensrettende medizinische Versorgung in Baga Sola und Bol im Tschad sowie in der Region Diffa in Niger.

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