Griechenland

Griechenland: “Unmenschliche Lebensbedingungen“

Zwei Monate lang arbeitete der Arzt Miltos Vasiliadis für Ärzte ohne Grenzen/Médecins sans Frontières (MSF) in einem Internierungslager im Norden Griechenlands. Dort werden Migranten und Flüchtlinge monatelang eingesperrt und festgehalten. Viele werden durch die harten Lebensbedingungen im Lager krank.

 

Welche Schwierigkeiten gab es bei der Arbeit in den Internierungslagern in Nordgriechenland?

 

Unser Einsatz dort war ein ständiger Hindernislauf. Probleme waren Teil unseres Alltags, und selbst einfachste Dinge waren schwierig, z. B. das Verteilen von Medikamenten. Für diese Arbeit war die Polizei zuständig. Polizisten haben aber weder Ahnung von Pharmazie noch von Krankenpflege. Einige Patienten erhielten deshalb ihre täglich notwendigen Medikamente nicht. Außerdem wurden viele der Menschen im Lager durch die schlechten Lebensbedingungen krank. Doch wie soll man einen Patienten mit Atemwegsinfektion gut behandeln, wenn der gleichzeitig in einem unbeheizten Raum leben muss?

Ein zusätzliches Problem ist die Wirtschaftskrise in Griechenland. Dadurch ist das Gesundheitssystem geschwächt und kaum noch in der Lage, den medizinischen Bedarf der Menschen zu decken - ganz gleich ob für Griechen oder Migranten. Besonders hart trifft es diejenigen ohne Sozialversicherung.

 

Woher kamen die Migranten in den Internierungslagern?

 

Hauptsächlich aus Afghanistan, Pakistan, Syrien, Bangladesch und Somalia. Aber zu unseren Patienten gehörten auch Menschen aus Marokko, dem Sudan, Eritrea, Mali, Kongo, der Elfenbeinküsten und vielen anderen Ländern.

 

Wie waren die Lebensbedingungen?

 

Die Lebensbedingungen waren unmenschlich. Ich habe noch kein Internierungslager gesehen, wo es nicht an Heizung - in den  Regionen Evros und Drama ist es bitterkalt - und Hygiene mangelt. Warmes Wasser war Luxus, die Räume waren dunkel, und in vielen Fällen kamen die Migranten nur selten an die frische Luft. Alle diese Faktoren erhöhen das Risiko übertragbarer Krankheiten.

Eine medizinische Versorgung gab es dabei nur auf dem Papier. In Wirklichkeit war der Zugang für die Migranten schwierig oder gar nicht möglich. Bei der Polizei fehlten Dolmetscher, sodass die Lagerinsassen praktisch keine Möglichkeit hatten, ihre gesundheitlichen Beschwerden verständlich zu machen. Und selbst wenn es ihnen gelang, so entschied die Polizei, die gar nicht über das nötige Fachwissen verfügt, über eine mögliche medizinische Behandlung. Dadurch können Menschen in Lebensgefahr geraten.

 

Unter welchen Erkrankungen litten die Menschen?

 

Meist hatten die Gesundheitsprobleme direkt oder indirekt mit den Lagerleben zu tun. Durch die extrem schlechten hygienischen Bedingungen sahen wir beispielsweise verstärkt Hautkrankheiten, vor allem Scabies, die hochgradig ansteckende Krätze. Viele hatten Magen-Darm-Erkrankungen, die oft durch die schlechte Lebensmittelqualität oder Lebensmittelunverträglichkeit ausgelöst wurden oder Atemwegsinfektionen, wahrscheinlich als Folge von Heizungsmangel und Überfüllung. Sehr häufig sahen wir auch psychische Probleme, die von einfacher Traurigkeit bis zu Depression, posttraumatischer Belastungsstörung und Psychose reichten. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier über Menschen sprechen, die  Opfer von Krieg, Gewalt, Folter, Vergewaltigung, Menschenhandel und extremer Armut geworden sind.

Außerdem gab es chronische Erkrankungen, die schon vor der Internierung bestanden. Die Lagerbedingungen und die völlige Abwesenheit medizinischer Hilfe könnten den Zustand dieser Menschen deutlich verschlimmern.

 

Wie half Ärzte ohne Grenzen den Internierten?

 

Es gab einen Scabies-Ausbruch, den wir bekämpften. Davon unabhängig waren wir täglich mit der Untersuchung und Behandlung der Migranten beschäftigt und arbeiteten dafür mit Kulturmittlern zusammen. Oft mussten wir unsere Patienten zur weiteren Diagnose oder Behandlung an die örtlichen Krankenhäuser überweisen. Unser Psychologe unterstützte darüber hinaus Menschen, die Opfer von Gewalt und Folter geworden waren. Und wenn wir schwere chronische Erkrankungen diagnostizierten, setzten wir uns  für eine Freilassung aus medizinischen Gründen ein und betreuten die Leute nach ihrer Entlassung aus dem Lager noch so lange, bis sie an Fachärzte überwiesen werden konnten.

 

Was war für Sie persönlich besonders schwierig?

 

Auch wenn ich während meiner früheren Tätigkeit  schon menschliches Leid miterlebt habe, so war dies dennoch eine sehr besondere Situation: Die Menschen waren vor heftiger Gewalt oder Armut aus ihrer Heimat geflohen und wurden dann interniert. Das größte Problem für mich war die Frustration darüber, wie Regierungen und Menschen mit anderen Menschen umgehen. Manchmal fällt es schwer, den Menschen in den Internierungslagern weiterzuhelfen, wenn man sieht, wie sie an Krankheiten leiden, die durch die Internierung selbst ausgelöst oder verschlimmert werden. Das ist, als ob man mit dem Kopf immer wieder gegen eine Wand rennt. Die Frustration in den Griff zu bekommen, ist meiner Meinung nach die absolute Grundvoraussetzung, wenn man bei Ärzte ohne Grenzen oder allgemein als Mediziner arbeiten möchte.

Teilen

Vervielfältigen