Guatemala

Guatemala: Den Teufelskreis der Angst durchbrechen

Guatemala zählt zu den Ländern mit der weltweit höchsten Gewalt- und Kriminalitätsrate. Ärzte ohne Grenzen behandelt in der Hauptstadt Opfer sexueller Gewalt - eine Art von Verbrechen, die zunehmend zur Geißel der guatemaltekischen Bevölkerung wird.

„Die größte Veränderung für mich ist, dass ich nun ständig Angst habe. Vorher fürchtete ich mich auch, doch jetzt kann ich nicht mal mehr alleine auf die Strasse gehen. Ich fürchte mich vor Menschen, die ich noch nie gesehen habe, und unbekannte Männer jagen mir Angst und Schrecken ein. Allein die Vorstellung, sie könnten mich berühren, versetzt mich in Panik.“

Maria wird niemals in ihrem Leben jenen Novembertag vergessen können. Nur fünf Häuserblocks von ihrem Zuhause entfernt saß sie an diesem Tag in einem Bus, als plötzlich ein schwarzes Auto die Straße versperrte. Zwei maskierte Männer stiegen in den Bus und hielten Maria ein Gewehr an die Schläfe. „Sie zwangen mich, mit ihnen zu gehen, und verbanden mir die Augen“, erzählt Maria wenige Tage später einer Psychologin von Ärzte ohne Grenzen. „Sie schafften mich an einen unbekannten Ort und schlugen zu siebt auf mich ein. Danach fingen sie an, mich zu vergewaltigen.“

Sexuelle Gewalt ist auch ein medizinischer Notfall

Maria, die das sexuelle Gewaltverbrechen überlebt hat, ist längst nicht das einzige Opfer der im Land herrschenden Gewalt. In Guatemala werden jährlich an die 10.000 Vergewaltigungen angezeigt, die Dunkelziffer liegt weit höher. Doch trotz der Allgegenwärtigkeit von Gewalt in Guatemala erhalten die Opfer wenig adäquate Versorgung und Hilfe. Ärzte ohne Grenzen hat deshalb im Jahr 2007 ein Programm gestartet, in dessen Rahmen die Hilfsorganisation monatlich 100 neue Patienten medizinisch und psychologisch versorgt. Das MSF-Team von Guatemala-Stadt tut jedoch noch mehr: Mittels Aufklärungs- und Informationskampagnen macht es den Behörden, der Ärztegemeinschaft und der Öffentlichkeit in Guatemala deutlich, dass sexuelle Gewalt auch ein medizinischer Notfall ist.

In den vergangenen Jahren haben Kriminalität und Gewalt in Guatemala merkbar zugenommen. Bereits Anfang 2009 belief sich die Zahl der ermordeten Personen auf täglich 20 Opfer. Dabei scheint der Großteil der Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit Bandenkriminalität zu stehen. Innerhalb von nur drei Monaten wurden beispielsweise 40 Busfahrer ermordet, deren Unternehmen nicht die geforderten Bestechungsgelder gezahlt hatten. Die meisten Morde geschehen in der Hauptstadt des Landes, Guatemala-Stadt.

„Frauen werden hier als sexuelles Objekt behandelt“

„Wir haben einen 30-jährigen Bürgerkrieg durchlebt, doch der Konflikt wurde nicht gelöst und schwelt weiter“, erklärt Mayra Rodas, psychologische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Guatemala. Die Opfer der Gewalttaten sind in den meisten Fällen Frauen. „Wir leben in einer machistischen und patriarchalisch geprägten Gesellschaft. Frauen werden hier als sexuelles Objekt behandelt, das zur freien Verfügung steht. Unsere Patienten berichten uns, was es bedeutet, eine Frau in Guatemala zu sein: nämlich wie Dreck behandelt zu werden.“Und genauso gingen die sieben Männer mit der 17-jährigen Maria um. Sie entführten sie und demütigten und vergewaltigten sie. Nach einem Tag unfassbarer Grausamkeiten ließen die Männer ihr Opfer frei. „Vorher drohten sie mir aber, meine Familie umzubringen, wenn ich Anzeige erstatten sollte“, sagt Marie leise. „Deshalb bin ich nicht zur Polizei gegangen.“

Der Arzt eines örtlichen Krankenhauses verwies Maria an das Programm von Ärzte ohne Grenzen. „Sie verabreichten mir sofort an die 15 Tabletten, die überhaupt nicht schmeckten. Und auch die Spritzen waren alles andere als angenehm“, erinnert sich die 17-Jährige. „Ich hatte große Angst, schwanger zu sein oder mich mit Aids infiziert zu haben. Dank Gottes Hilfe und der medizinischen Behandlung, die ich erhielt, waren jedoch alle Ergebnisse negativ.“

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