Guinea

Guinea: „Man vergisst, dass die Masern immer noch tödlich sein können“

Letzten Samstag begann Ärzte ohne Grenzen in Conakry, der Hauptstadt Guineas, eine Impf­kampagne gegen Masern, nachdem die Behörden am 14. Januar offiziell den Ausbruch einer Epidemie erklärt hatten. Die Organisation plant, im Laufe von zwei Wochen rund 500.000 Kinder im Alter von sechs Monaten bis zu zehn Jahren zu impfen.

Seit fünf Tagen befindet sich Halimatou Touré im Spital Donka in Conakry. Mit düsterer Miene und zusammengepressten Lippen streicht sie ihrem Sohn Oumar über die Haare. Deutlich ist der rote Ausschlag auf der Haut des kleinen Jungen zu sehen. Der knapp einjährige Oumar hat schon jetzt Gewicht verloren: Weil sein Mund ganz wund ist, will er nicht mehr essen und lässt sich seit zwei Wochen nicht mehr stillen. Schuld daran sind die Masern. Während diese Krankheit in den entwickelten Ländern als harmlos gilt, fordert sie in Guinea Todesopfer. Halimatou ist wütend. „Ich wusste nicht, dass er geimpft werden musste. Und jetzt haben die Masern mein Kind angegriffen.“

Die Kinderabteilung ist immer voll besetzt. Jeden Tag werden neue Kinder mit Masern aufgenommen, und die drei Säle des Krankenhauses werden bald nicht mehr genügen, wenn sich die Krankheit im gleichen Tempo weiterverbreitet. Die meisten Kinder im Spital kämpfen wie Oumar bereits mit Komplikationen, weil ihre Krankheit zu spät diagnostiziert wurde.

Viele kommen erst bei Komplikationen ins Spital

Dr. Namory Keita stellt bedauernd fest: „Manche Eltern warten zu lange, bis sie ins Spital kommen, und verlassen sich stattdessen auf die Selbstmedikation. In Guinea glauben die Leute zum Beispiel, dass die Kinder mit Palmwein geheilt werden können. Derartige Fälle kommen erst spät ins Spital, wenn der Hautausschlag sich schon vollständig entwickelt hat und Komplikationen eingetreten sind. Die Leute scheinen zu vergessen, dass die Krankheit tödlich verlaufen kann, wenn sie nicht rechtzeitig bekämpft wird.“

Sein Telefon läutet. Eine Impfstation informiert ihn über einen neuen Fall: „Die Arbeit ruft. Ich muss hingehen, um den Gesundheitszustand eines Kindes zu überprüfen. Die Untersuchung mache ich an Ort und Stelle; wenn jedoch das Kind ernsthaft krank ist, muss es in ein spezialisiertes Zentrum für schwere Fälle überwiesen werden, wie dieses hier.“

Neben zwei großen Mangobäumen im Bezirk Matam, im Schatten einer kleinen Moschee, hat das Team von Ärzte ohne Grenzen die Impfstation eingerichtet. In ihren rot karierten Uniformen werden die Schüler einer benachbarten Schule in Reih und Glied von ihren Lehrern hergeführt. Der Bezirksverantwortliche gibt Anweisungen per Megafon: „Unser Team impft in dieser Station 1.000 bis 1.300 Kinder pro Tag. Wir haben bereits sieben kranke Kinder entdeckt und überwiesen. Ich bin sehr froh, dass so viele Kinder zu uns kommen. Die Helfer von Ärzte ohne Grenzen und ich haben Sensibilisierungs­maßnahmen durchgeführt. Heute Morgen bin ich wieder um fünf Uhr mit dem Motorrad los, um die Leute zu informieren, in den Schulen, in den Wohnhöfen, in den Moscheen…“

Nur die Hälfte der Kinder sind geimpft

In Guinea sind Masern in der Bevölkerung wohl bekannt, denn 2009 starben zehn Kinder bei einer Epidemie. Auf Grund der lückenhaften Routineimpfungen ist die Durchimpfungsrate weiterhin ungenügend: Nur wenig mehr als die Hälfte der guineischen Kinder haben eine Impfung erhalten. Um eine Epidemie zu verhindern, muss aber in einer Population eine Immunisierung von mindestens 95 Prozent erreicht werden. In den Gemeinden Ratoma, Matoto und Matam, wo die Epidemie grassiert, kommen die Eltern deshalb in Massen zu den Impfstationen von Ärzte ohne Grenzen, um ihre Kinder zu schützen.

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