Guinea

Guinea: Psychosoziale Hilfe wesentlich im Kampf gegen Ebola

Im Ebola-Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen in Guéckédou unterstützen sieben MitarbeiterInnen des psychosozialen Teams die von Ebola betroffenen Menschen und Gemeinden – eine schwierige aber unentbehrliche Aufgabe im Rahmen der Hilfsaktivitäten zur Eindämmung der Epidemie.

Hilfe von Anfang an

Die psychologische Hilfe beginnt bereits bei der Aufnahme in das Behandlungszentrum: „Es herrscht weiterhin viel Unwissen über die Krankheit in dieser Region“, so Alexi, Leiter des psychosozialen Teams von Ärzte ohne Grenzen in Guéckédou. „Gerüchte und Mundpropaganda verbreiten sich schneller, als unser Team für Gesundheitsaufklärung nachkommt, und haben einen großen Einfluss auf die Gemeinden. Die Menschen, die in unser Zentrum kommen, sind verwirrt und verzweifelt. In dieser Situation besteht unsere erste Aufgabe darin, Vertrauen aufzubauen.“

Wenn ein Patient aus seiner Gemeinschaft verstoßen wird, treffen sich Alexi und sein Team mit den Menschen. Sie versuchen zu erklären, dass man Ebola überleben kann, und dass die Kranken und Geheilten die Unterstützung ihrer Familien brauchen. „Mehrere Überlebende arbeiten nun in unserem Team – ihr Beitrag ist besonders wertvoll: Wenn sie einem Patienten und seiner Familie von ihren eigenen Erfahrungen erzählen, lassen sich die Vorurteile gegenüber Ebola und dem Behandlungszentrum abbauen.“

Betreuung auf der Station

Die MitarbeiterInnen des psychosozialen Teams müssen sich und andere vor einer Ansteckung schützen, indem sie Schutzkleidung tragen, die den Körper und das Gesicht bedecken. „Die optische Distanz und der mangelnde Kontakt zwischen uns und den PatientInnen erschweren unsere Aufgabe“, erklärt Reine Lebel, Psychologin von Ärzte ohne Grenzen in Guéckédou.

„Das Schwierigste für uns sind die Kinder“, so Alexi. „Die Kinder fürchten sich, wenn sie hier ankommen, und ihre Angst verstärkt sich auf der Station noch weiter, wenn sie die anderen kranken Ebola-PatientInnen sehen. Wir bringen ihnen Spielsachen, und sobald andere PatientInnen sich erholen, kümmern sie sich manchmal um eines der Kinder. Diese Zuneigung ist eine immense Kraftquelle für ein Kind.“

Reine war bereits bei anderen Nothilfeprojekten von Ärzte ohne Grenzen wie in Haiti und auf den Philippinen im Einsatz – doch die Arbeit in Guinea ist anders: „Unter anderen Bedingungen nehme ich die Kinder in den Arm und kann die Hand eines Patienten halten. Sie können mein Gesicht sehen. Hier muss ich neue Wege finden, um mit einem Patienten eine Beziehung aufzubauen.“

Fokus auf individuelle Bedürfnisse

 „Wir konzentrieren uns auf die Bedürfnisse jeder einzelnen Person. Es geht darum, das bestimmte kleine Etwas zu finden, das jemanden motiviert, die Krankheit zu bekämpfen – weiterhin zu trinken, zu essen und die Medikamente einzunehmen“, erklärt Reine. „Vor ein paar Wochen kam zum Beispiel Sebastian (Name geändert, Anm.) in unser Behandlungszentrum, nachdem seine Frau und seine beiden Schwestern an Ebola gestorben waren. Weil er selbst Krankenpfleger war, wurde er von seinem Dorf beschuldigt, Menschen anzustecken – er wurde schlichtweg vertrieben. Als ich das erste Mal auf ihn zuging war er wütend: ‚Was willst du von mir? Ich brauche nichts!’ – er war deprimiert und hatte sich selbst davon überzeugt, dass er sterben müsse. Doch dann fanden wir heraus, dass er eine Schwäche für Tonic hatte! Also brachten wir ihm eines nach dem anderen, und er fing langsam wieder an, etwas zu essen – gemeinsam mit seinem Tonic. Er erholte sich und konnte entlassen werden."

Für einen würdevollen Umgang mit PatientInnen

„Man darf nie aus den Augen verlieren, worum es eigentlich geht: Um einen respektvollen Umgang und die Wahrung der Würde des Patienten und seiner Familie”, führt Reine weiter aus. „Das gilt auch für einen verstorbenen Patienten.“

Das Ebola-Virus bleibt im Körper eines Verstorbenen weiterhin aktiv, daher ist ein traditionelles Begräbnis, wo der Körper von Familienmitgliedern gewaschen und berührt wird, nicht möglich. Doch das muss nicht heißen, dass keine respektvolle Beerdigung stattfinden kann: Im Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen waschen eigens in Sachen Hygiene ausgebildete MitarbeiterInnen in Schutzkleidung den Körper und geben ihn in einen „Body Bag“. Der obere Bereich bleibt offen und wird mit Blumen geschmückt, so dass die Familie den Verstorbenen sehen kann. Dann macht Bakari von unserem psychosozialen Team ein Foto vom Gesicht der Person – ein Bild, das der Familie bei der Trauer helfen wird.

Diese Aufgabe lastet schwer auf Bakaris Schultern: „Letzte Woche hatten wir elf Todesfälle an einem einzigen Tag, und ich musste mich um alle kümmern. In dieser Nacht hatte ich Alpträume, und seitdem arbeite ich nur mehr jeden zweiten Tag.“ Ein Psychologe von Ärzte ohne Grenzen unterstützt auch die MitarbeiterInnen, die bei den Hilfsaktivitäten zur Eindämmung der Epidemie mitwirken.

Unterstützung auch nach der Entlassung

Genesene PatientInnen versuchen, ihr Leben nach der Ebola-Erkrankung wiederaufzunehmen und bleiben mit dem Team in Kontakt. „Ein Überlebender ist möglicherweise einer Stigmatisierung oder Angst und Zweifeln innerhalb seiner Gemeinde ausgesetzt. Die Überlebenden in unserem Team spielen eine besonders wichtige Rolle dabei, den Familien zu vermitteln, dass ein genesener Patient nicht mehr ansteckend ist“, so Reine.

Derzeit leisten insgesamt 22 MitarbeiterInnen psychosoziale Hilfe für die von Ebola betroffenen Menschen in unseren Behandlungszentren in Guinea: Sechs in Guéckédou, zwölf in Conakry und vier in der Durchgangsstation Macenta.

Mehr erfahren: "Die Kranken vertrauen mir mehr als dem Pflegepersonal" - ehemalige Ebola-PatientInnen klären Bevölkerung auf und unterstützen Erkrankte

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