Haiti

Haiti: „Alle Krankenhäuser in Port-au-Prince sind mit Patienten überfüllt”

Der Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Haiti, Stefano Zannini, berichtet über die Situation in Port-au-Prince.

„Die Situation ist für uns im Moment sehr beunruhigend. Alle Krankenhäuser in Port-au-Prince sind mit Patienten überfüllt und wir sehen siebenmal so viele Fälle wie wir drei Tage zuvor insgesamt hatten.

Im Armenviertel Cite Soleil im Norden der Stadt haben wir gestern 216 voneinander unabhängige Cholerafälle verzeichnet, während es fünf Tage zuvor insgesamt 30 Fälle waren. Die Patienten kommen von überall innerhalb der Stadt, aus Armenvierteln und wohlhabenderen Gegenden. Im Moment haben wir 400 Betten für die Stabilisierung und Rehabilitation der Patienten bereitgestellt und hoffen bis zum Ende der Woche auf 1.000 Betten zu erweitern. Aber wir sind sehr besorgt um Platz. Wenn die Anzahl der Fälle weiterhin in dieser Geschwindigkeit ansteigt, dann müssen wir drastische Maßnahmen ergreifen, um in der Lage zu sein, Patienten zu behandeln. Wir müssten öffentliche Plätze und sogar Straßen nutzen. Ich kann mir leicht vorstellen, dass sich die Situation soweit verschlechtert, dass Patienten in den Straßen liegen und auf eine Behandlung warten. Im Moment haben wir einfach nicht viele Möglichkeiten.

Wir suchen alternative Plätze, aber man darf nicht vergessen, wie die Situation in Port-au-Prince ist. Seit dem Erdbeben sind auf jedem verfügbaren nicht zerstörten Platz Lager entstanden, in denen die Menschen unter extrem prekären Bedingungen leben. Es ist eine große logistische Herausforderung in dieser Stadt einen freien Platz zu finden. So ist es für uns sehr schwierig, einen Platz für die Behandlung der Patienten zu finden.

Haiti 2010: Cholera-Behandlung in St. Marc

Im Moment arbeiten mehr als 100 internationale und mehr als 400 haitianische Mitarbeiter in Cholerabehandlungszentren im ganzen Land. Aber das reicht nicht aus.

Weitere medizinische Mitarbeiter kommen an, aber es besteht ein chronischer Mangel an Personal in Haiti und wir stoßen an unsere Grenzen. Unsere Teams arbeiten 24 Stunden am Tag und Müdigkeit ist ein Thema geworden. Unsere Teams sind am Limit ihrer Kapazität angekommen und von der Arbeitsbelastung sehr erschöpft. Es ist nicht einfach, in einem Cholerabehandlungszentrum zu arbeiten, mit dem Geruch, dem Lärm und dem Druck aufgrund der zahlreichen Patienten. Wir werden aber nicht aufhören, eine Behandlung anzubieten.

Als Einsatzleiter bin ich sehr stolz auf die Leidenschaft und den Einsatz meines Teams in Port-au-Prince. Aber wir sind an einem kritischen Punkt angelangt. Es gibt in Haiti keine Erinnerung an frühere Choleraausbrüche und wenig Wissen über die Krankheit. Das bedeutet, dass es zahlreiche Missverständnisse und Gerüchte rund um die Krankheit gibt, was zu einer Panik in der Bevölkerung führt. Manche Menschen meiden die Umgebung von Cholera-Behandlungszentren oder haben Angst davor, ein solches in ihrer Nachbarschaft zu haben, da sie glauben, die Krankheit würde sich von dort aus verbreiten. Wir versuchen zu erklären, dass das Gegenteil der Fall ist: je näher das Behandlungszentrum, desto besser für die Bevölkerung.

Wir versuchen zu erklären, dass die Cholera zwar tödlich sein kann, es aber eine Krankheit ist, die sich gut behandeln lässt. Es ist enorm wichtig, dass die Patienten so schnell wie möglich in den medizinischen Einrichtungen eintreffen und behandelt werden.

Cholera-Behandlungszentren, in denen Patienten isoliert werden können, sind für eine effektive Behandlung entscheidend. Die Ein- und Ausgänge werden kontrolliert, so dass jeder beim Betreten oder Verlassen desinfiziert wird, um eine weitere Verbreitung der Infektion zu verhindern. Abhängig von der Anzahl der Betten nimmt ein Behandlungszentrum von 50 Quadratmetern bis zu einem Hektar ein. Jeder Patient bekommt ein Bett und bleibt üblicherweise nicht länger als zwei Tage.Ein weiteres Problem entsteht jedoch, wenn Menschen ihre Behandlung abgeschlossen haben, die Gesundheitseinrichtung verlassen und dann in ein von Cholera bedrohtes Gebiet zurückkehren. Hier in Port-au-Prince leben noch immer 1,4 Millionen Menschen in Lagern, in denen die Hygienebedingungen schlecht sind und es an Sanitäranlagen und sauberem Wasser mangelt. Diese 1,4 Millionen Menschen sind bei der Versorgung mit sauberem Wasser völlig von humanitären Hilfsorganisationen abhängig. Die Infrastruktur ist schwach und es ist schwierig, all die Menschen mit Wasser und medizinischer Hilfe zu versorgen.

Vor zwei Wochen war ich in Petite Riviere in der Region Artibonite, wo der Cholera-Ausbruch seinen Ursprung hatte, und besuchte unser Krankenhaus und das Cholera-Behandlungszentrum. Menschen wurden in unsere Gesundheitseinrichtungen gebracht, viele weinten, manche schrien. Panik hat sich in der ganzen Stadt breit gemacht, weil Cholera etwas völlig Unbekanntes für die Bewohner war.

Als einer der traurigsten Momente ist mir im Gedächtnis geblieben, wie ein 10 bis 12 jähriges Kind seine Mutter in unser Cholera-Behandlungszentrum brachte. Das Kind saß neben seiner Mutter und wartete darauf, dass sie behandelt wurde. Normalerweise bringen die Mütter und Väter ihre Kinder ins Krankenhaus, aber hier sind es oftmals die Kinder, die ihren Eltern helfen.“

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