Afghanistan

Hilfe für pakistanische Flüchtlinge in Afghanistan

Zehntausende Menschen flüchten vor Militäroperationen in der pakistanischen Bergregion Nord-Wasiristan nach Afghanistan. Seit einigen Monaten suchen sie Schutz in den Provinzen Khost, Paktia und Paktika.  Teams von Ärzte ohne Grenzen versorgen die Flüchtlinge im Lager Gulan in Khost mit medizinischer und humanitärer Hilfe.

Die meisten der Flüchtlinge werden von der lokalen Bevölkerung in der Provinz Khost aufgenommen. Doch geschätzte 1.770 Menschen haben sich im Flüchtlingslager Gulan niedergelassen, das rund 19 Kilometer von der pakistanischen Grenzen entfernt liegt. Seit 5. Juli 2014 betreiben die Teams von Ärzte ohne Grenzen eine Klinik außerhalb des Lagers und arbeiten an der Verbesserung der schlechten sanitären Verhältnisse innerhalb des Camps.

Masern-Impfungen für Kinder

Die Durchimpfungsrate der Bevölkerung in Nord-Wasiristan ist sehr niedrig, deshalb liegt die Priorität von Ärzte ohne Grenzen derzeit auf der Impfung von Kindern im Alter von sechs Monaten bis zu 15 Jahren gegen Masern. Die Krankheit kann unbehandelt für Kinder tödlich enden und sich innerhalb eines Lagers rasch verbreiten. Bisher haben die Teams an den Impf-Stationen 2.965 Kinder gegen Masern immunisiert, was einem Anteil von rund 87 Prozent aller Kinder im Lager entspricht. Für Neuankömmlinge und Kinder, die bisher noch nicht erreicht werden konnten, wird es weiterhin die Möglichkeit einer Impfung in der Klinik geben. In der Zwischenzeit suchen GesundheitshelferInnen von Ärzte ohne Grenzen die Familien in ihren Zelten auf, um sie darüber aufzuklären, ihre Kinder impfen zu lassen.

„Zwei Kinder mit Masern kamen zu uns, als wir die Klinik eröffneten: Daher wussten wir, dass wir rasch handeln müssen“, so Anthony Pedsizay, medizinischer Referent von  Ärzte ohne Grenzen  im Flüchtlingslager Gulan. „Wir haben uns mit den Stammesältesten zusammengesetzt, um mit ihnen die Wichtigkeit von Impfungen zu diskutieren – sie haben die Impfkampagne vollauf unterstützt.“

Das Lager liegt auf einer steinigen und staubigen Ebene – die Flüchtlinge haben sich in Gruppen niedergelassen, die ihre Familienbande, Stammeszugehörigkeit und Herkunft widerspiegeln. Bis zu dreißig Zelte sind in einem Kreis aufgebaut. Die bestehenden Stammesstrukturen werden so aufrechterhalten; jede Gemeinschaft wird von den Ältesten der vier Hauptstämme geführt.

Täglich rund 100 PatientInnen in Behandlung

In der Klinik von  Ärzte ohne Grenzen  behandelt das medizinische Team täglich rund 100 PatientInnen. „Viele Menschen kommen mit Halsentzündungen zu uns – doch mehr Grund zur Sorge gibt uns das Risiko von Durchfallerkrankungen und Hauptinfektionen wegen der schlechten sanitären Bedingungen im Lager“, erklärt Pedsizay.

Das heiße und feuchte Wetter, bei dem die Temperaturen auf bis zu 35°C steigen, erhöht das Risiko für die Verbreitung von Krankheiten, wenn nicht entsprechende Sanitäranlagen eingerichtet werden. Die Teams von  Ärzte ohne Grenzen  haben zwei Wasserspeicher aufgebaut und chlorieren gerade einen dritten, der von der lokalen Gemeinde zur Verfügung gestellt wurde. Auch 178 Latrinen haben die Teams gegraben, obwohl der Prozess durch Minen erschwert wird, die noch nicht explodiert sind – eine Hinterlassenschaft der jahrzehntelangen Kriege in dieser Gegend. Das betreffende Gebiet wurde von einer Organisation, die auf die Entschärfung von Minen spezialisiert ist, geräumt – nun plant  Ärzte ohne Grenzen  den Bau weiterer Latrinen, um den steigenden Bedürfnissen zu begegnen.

Flucht mit wenig Hab und Gut

Für die meisten Familien im Grenzgebiet, die jetzt im Flüchtlingslager Gulan leben, war die Flucht nach Afghanistan die bessere Option, statt große Entfernungen innerhalb Pakistans zurückzulegen. Manche Menschen konnten sich auf ihre Reise vorbereiten und erreichten das Lager mit ein paar Besitztümern, darunter auch Ziegen, Esel, Kühe, Matratzen und Kochutensilien. Sie sind in ihren eigenen Autos oder auf gemieteten Lastwägen angereist und nach der kurvenreichen Fahrt durch die bergige Region in Khost angekommen. Wer ein Auto besitzt, kann manchmal in die rund 18 Kilometer entfernte Stadt Khost fahren, um Vorräte zu kaufen – doch die unerschwinglichen Benzinpreise erlauben solche Fahrten nur selten. Seit ihrer Ankunft in Afghanistan mussten viele der Flüchtlinge ihre wenigen Habseligkeiten verkaufen, um ein wenig Geld einzunehmen. Andere Familien wurden von den Bombenangriffen überrascht – sie mussten alles hinter sich lassen und die Grenze zu Fuß überqueren.

Vor sechs Wochen sind die ersten Flüchtlinge im Lager Gulan angekommen, und es ist unwahrscheinlich, dass sie noch vor dem Winter wieder nach Hause zurückkehren werden können. Angesichts der unzulänglichen Lebensbedingungen im Lager wird sich das Team von  Ärzte ohne Grenzen  darauf konzentrieren, die sanitären Einrichtungen wie Latrinen und Duschen auszubauen und weiterhin die medizinischen Bedürfnisse der Menschen abzudecken.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 2012 in der Stadt Khost tätig und betreibt dort eine Geburtenklinik, in der monatlich mehr als 1.100 Frauen bei einer sicheren Geburt begleitet werden. In Kunduz im Norden des Landes führt Ärzte ohne Grenzen ein  Trauma-Zentrum  und arbeitet im östlichen Kabul gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium im Bezirkskrankenhaus Ahmad Shah Baba sowie im  Boost Provinzkrankenhaus  in Lashkar Gah in der Provinz Helmand. Die medizinische Versorgung in all diesen Einrichtungen wird von Ärzte ohne Grenzen kostenfrei angeboten, in den Krankenhäusern sind keine Waffen erlaubt. Die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan werden ausschließlich aus privaten Spenden finanziert. Die Organisation akzeptiert für die Arbeit keinerlei staatlichen Mittel.

Lesen Sie im Einsatzblog die persönlichen Eindrücke des Österreichers Marcus Bachmann von seinem derzeitigen Einsatz als Projektkoordinator in Afghanistan:  "Wenn sich Patienten Betten teilen..."

Das könnte Sie auch interessieren

Teilen

Vervielfältigen