Honduras

Honduras: Psychologische Hilfe für Gewaltopfer

2016 erweiterte Ärzte ohne Grenzen ihre Aktivitäten in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, und deren Zwillingsstadt Comayaguela. Die Organisation bietet psychologische Unterstützung für Opfer von Gewaltverbrechen wie Entführung, Erpressung, tätliche Angriffe, Bedrohung und weitere schwerwiegende Gewalttaten.

In Honduras steht Gewalt an der Tagesordnung. Sie gehört praktisch zum Alltag und viele unterschätzen ihre kurz- und langfristigen Folgen oder sind sich derer gar nicht bewusst.

Im Jahr 2015 betreute das psychologische Team von Ärzte ohne Grenzen 158 Gewaltopfer. 2016 hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt, auf 340. Angesichts der besorgniserregenden Entwicklung der Gewalt in Honduras ist mit immer mehr Hilfesuchenden zu rechnen. „Wir sprechen hier von Menschen, die gewaltsame Übergriffe selbst erlebt haben, aber auch von den Verwandten der Opfer und von Zeugen von Morddelikten oder anderen Gewaltverbrechen, die häufig gezwungen sind, sich zu verstecken“, erklärt Edgard Boquín, Leiter des psychologischen Dienstes von Ärzte ohne Grenzen. „Wir sind uns bewusst, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist.“

Die Folgen der Gewalt

Die Reaktionen der Betroffenen sind sehr unterschiedlich. Für die meisten ist es jedoch nicht einfach, in die Normalität zurückzufinden. „Solche Ereignisse können sehr traumatisierend sein. Opfer von Gewalt haben häufig Schwierigkeiten, ein normales Leben zu führen“, führt Edgard Boquìn aus. „Manche Symptome treten sehr rasch auf, wie etwa akuter Stress und Angstzustände. Viele Betroffenen leiden unter gravierenden Schlafstörungen wie Schlaflosigkeit oder Albträumen. Dazu kommen sogenannte ‚Flashbacks‘ tagsüber: Die Opfer erinnern sich so lebhaft an das belastende Ereignis, dass sie es wieder und wieder durchleben.“

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen wollen mit ihrer Unterstützung verhindern, dass sich der Zustand der Betroffenen verschlechtert. „Kommt die Hilfe zu spät, besteht das Risiko schwerwiegender Depressionen, akuter Angstzustände oder posttraumatischer Belastungsstörungen, die psychiatrisch oder medizinisch behandelt werden müssen“, erläutert Juan Carlos Arteaga, psychologischer Berater bei Ärzte ohne Grenzen.

Unsere Psychologenteams führen Einzelsprechstunden und Gruppensitzungen durch und bieten Aktivitäten wie Workshops an. Die meisten Patienten besuchen insgesamt zwischen einer und acht Sitzungen.

„Wir arbeiten an Emotionen, Empfindungen und Gedanken, welche die Betroffenen infolge des Erlebten begleiten“, so Boquín. „Wir setzen kognitive Verhaltenstherapie ein, um den Betroffenen zu helfen, die belastenden Elemente mit positiven Bewältigungsstrategien zu überwinden. Dazu gehören Angstbewältigung, Atem- und Entspannungsübungen oder das Festlegen kurzfristiger, erreichbarer Lebensziele. Das ermöglicht den Patienten, sich erneut in ihrem Umfeld zurechtzufinden.“

Ein unterstützendes Netzwerk ist lebenswichtig

Die Teams geben den Betroffenen auch Informationen über Hilfe anderer Art an die Hand, so über Notschlafstellen, Umzüge in einen anderen Teil des Landes, Sozialdienste und rechtlichen Beistand.

Nach der Erfahrung von Ärzte ohne Grenzen sind die Heilungschancen umso höher, je mehr externe Unterstützung die Opfer erhalten. „Am Ende der Beratung wissen die Patienten genau, wie sie ihre psychische Gesundheit erhalten können. Wenn sie jedoch tagtäglich mit bedrohenden Situationen konfrontiert sind, ohne einen erkennbaren Ausweg aus einer solchen Lage, stehen die Chancen auf eine Besserung eher schlecht“, sagt Edgard Boquín. „Die Unterstützung von Patienten bei der Suche nach externen Anlaufstellen, sei es für ihre Gesundheit oder andere unmittelbare Bedürfnisse, hat sich in der Vergangenheit als äusserst wirksam für ihre Heilung erwiesen.“

Ärzte ohne Grenzen betreibt seit 2011 den „Servicio prioritario“, einen Nothilfedienst, der in Zusammenarbeit mit dem honduranischen Gesundheitsministerium entwickelt wurde. Dieser gewährt den Opfern von Gewalt, insbesondere von sexuellen Übergriffen, medizinische und psychologische Nothilfe. Dieser kostenlose und vertrauliche Dienst wird in zwei Gesundheitszentren und im größten Spital der Hauptstadt angeboten.

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