Österreich

Humanitäre Hilfe: „Wir setzen bewusst ein Zeichen“

Franz Luef ist im Wiener Büro von Ärzte ohne Grenzen für humanitäre Angelegenheiten zuständig. Ein Interview über Flüchtende, Bewusstseinsarbeit bei Politikern – und über die Ablehnung von EU-Geldern durch Ärzte ohne Grenzen.

Sie sind für humanitäre Angelegenheiten zuständig. Was bedeutet das konkret?

Als Ärzte ohne Grenzen vor 45 Jahren von Medizinern und Journalisten gegründet wurde, war eines ihrer Anliegen, Menschen in Not eine Stimme zu verleihen, die in der Öffentlichkeit, aber auch von Entscheidungsträgern gehört wird. Darum geht es auch in Österreich: Das Ziel unserer Bewusstseinsarbeit ist es, eine positive Veränderung für Notleidende zu bewirken, indem wir Behörden und Politiker über die Situation in unseren Einsatzgebieten informieren und humanitäres Engagement einfordern. Auch klären wir sie über die Folgen auf, die ihre Entscheidungen für unsere Patienten haben.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir erleben das derzeit in Europa im Rahmen der sogenannten Flüchtlingskrise. In Wahrheit handelt es sich um eine politische Krise, da EU-Mitgliedstaaten ihre Verantwortung für Schutzbedürftige nicht wahrnehmen möchten. Das trifft auch auf Österreich zu. Zwar wurden 2015 rund 90.000 Schutzsuchende aufgenommen, inzwischen gehört Österreich aber zu den Vorreitern einer EU-Abschottung. Wir versuchen den Entscheidungsträgern sehr klar zu kommunizieren, welche humanitären Folgen das für Flüchtende hat. Etwa, dass Menschen im Kriegsgebiet festsitzen, wenn Grenzen gesperrt werden. Ein weiteres Thema, das uns derzeit beschäftigt, sind Angriffe auf Krankenhäuser. Wir versuchen, die Behörden für dieses Problem zu sensibilisieren.

Vor einem Jahr ging eine Welle der Solidarität für Flüchtlinge durch Österreich. Was hat sich geändert?

Ich glaube, die Politik hat sich in die falsche Richtung drängen lassen. Anstatt die Solidarität zu unterstützen, wird Panikmache betrieben, in der Hoffnung, Österreichs „Attraktivität“ für Flüchtende zu senken. Das hält verzweifelte Menschen aber nicht davon ab zu fliehen.

Ärzte ohne Grenzen lehnt EU-Gelder für die Hilfsprogramme ab. Warum?

Wir können keine Finanzierung durch die EU oder ihre Mitgliedstaaten akzeptieren, wenn wir gleichzeitig die Opfer ihrer Abwehrmaßnahmen behandeln. Derzeit erleben unsere Teams „live“ mit, welche Folgen die EU-Politik für verzweifelte Menschen hat. Auf den griechischen Inseln werden Familien hinter Stacheldraht gesperrt; in Nord-Syrien sitzen 100.000 Menschen fest, weil die Grenze geschlossen ist. Das sind Folgen des EU-Pakts mit der Türkei, der eine Aufnahme syrischer Flüchtlinge nur vorsieht, wenn andere Flüchtlinge abgeschoben werden. Das ist menschenverachtend. Mit der Ablehnung von EU-Mitteln für unsere Hilfsprogramme setzen wir deshalb bewusst ein Zeichen gegen diese Politik. Sie bedroht das Grundrecht von Menschen, Schutz zu suchen.

Wirkt sich die Ablehnung auf die Hilfe aus?

Nein, die Entscheidung hat keinerlei Auswirkungen auf unsere Programme und Patienten. Wir können den Ausfall mit finanziellen Reserven für Notfall-Programme kompensieren. Mittel der EU und anderer institutionellen Geber machen nur einen kleinen Teil unseres Budgets aus. Über 90 Prozent unserer Finanzierung verdanken wir unseren 5,7 Millionen privaten Spendern und Spenderinnen.

Dieses Interview wurde im Original in der Ausgabe 03/2016 unseres Magazins Diagnose veröffentlicht. Das Magazin können Sie online lesen oder hier kostenlos bestellen

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