Libanon

„Ich bin hier ein Gast“

Als die 54-jährige Itaf vor zwanzig Jahren hierher zog, konnte sie von ihrem Haus aus den Flughafen sehen. Heute geht das nicht mehr, weil die vielen neuen Bauten die Sicht versperren. Das Lager wächst unaufhörlich, allerdings nur noch in die Höhe, da sich auch die nahe gelegene Hauptstadt immer mehr ausdehnt und langsam an die Grenzen des Lagers anschliesst. Ahmed, ihr 72-jähriger Ehemann, „verliess Palästina am 15. Mai 1948, als er zehn war“, erzählt sie, als ob sie dabei gewesen wäre.

„Nach einer langen Reise mit vielen Zwischenstopps kam er in Tripolis an, wo er in einem Zelt lebte. Später gelangte er nach Burj el-Barajneh und fand dort ebenfalls in einem Zelt einer UN-Organisation Unterschlupf. Jetzt ist alles anders. Ein Haus wurde gebaut und durch weitere Stöcke ergänzt, damit unsere Kinder einziehen konnten. Aus dem kleinen Haus wurde ein richtiges Gebäude.“ Die Familie besteht aus rund fünfzig Personen, doch nicht alle leben im Lager. Einer der Söhne kam 1987 bei einem Gefecht innerhalb des Lagers ums Leben. Vor nicht allzu langer Zeit erblindete Ahmed an den Folgen des grauen Stars.

„Wir haben nur wenige Stunden am Tag Strom und das Wasser ist salzig – doch wir haben nichts anderes,“ erzählt Itaf. Der Libanonkrieg 2006 scheint weit weg von Beirut, doch die Auswirkungen sind immer noch spürbar. Als ehemaliger Angestellter einer Tankstelle ist Ahmed auf Sozialbezüge angewiesen und braucht auch sonst Unterstützung. Heute ist er ruhig und hat stets ein breites Lächeln auf den Lippen. Doch das war nicht immer so, berichtet seine Frau: „Ahmed hat einige Male versucht, Selbstmord zu begehen. Er wurde sehr aggressiv, weil er einfach nichts mehr ertragen konnte: das Geschrei der Kinder, das Gelächter der Nachbarn, die Geräusche der Mofas... er schrie ohne ersichtlichen Grund herum, zerschlug Möbel, geriet ständig an Verwandte und Nachbarn, hatte Kopfschmerzen.“ Der Psychiater von Ärzte ohne Grenzen behandelt ihn seit zwei Jahren und hilft ihm dabei, die Ursachen seines Leidens besser zu verstehen.

Ahmed ist einer der ersten Patienten von Ärzte ohne Grenzen in Burj el-Barajneh. Der alte Mann mit dem freundlichen Lächeln unterbricht seine Frau, um uns einzuladen: „Mein Haus ist Ihr Haus. Hier, in diesem Lager, bin ich nicht zu Hause, ich bin ein Gast. Früher liebte ich das Leben und genoss es in vollen Zügen. Ich tanzte bei jeder Gelegenheit mit meiner Frau, besonders an Hochzeiten, und ich liebte es zu singen. Ich würde so gerne in meine Heimat zurückkehren, wenn das möglich wäre.“

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