Guinea

“Ich erfülle die Träume unserer medizinischen Teams.”

Der Schweizer Pascal Piguet ist Logistiker von Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Guéckédou in Guinea. Er erzählt im Interview über die Besonderheiten beim Bau einer Isolationsstation, stickige Schutzkleidung und Herausforderungen der Teams sowie die Lebenssituation von PatientInnen unter Quarantäne.

Wie bist du beim Bau der Ebola-Klinik vorgegangen?

Ganz am Anfang macht man hauptsächlich Krisenmanagement: Du musst jeden Tag improvisieren. Nichts ist nur temporär, und du kannst einmal getroffene Entscheidungen nicht mehr rückgängig machen. Zum Beispiel die Größe der Isolationsstation: Du kannst dieses Areal nicht mehr verkleinern, sobald wir dort Ebola-Erkrankte behandeln – das Gelände ist mit Erregern infiziert. All diese Dinge muss man vorab mitbedenken. Daher haben wir beim Bau der Isolationsstation einige Betonplatten extra verlegt, damit wir im Fall eines Anstiegs der PatientInnen rasch den Behandlungsbereich von Außen ohne Schutzkleidung erweitern können.

Wir mussten auch eine Lösung finden, um kontaminiertes Wasser zu entsorgen. Ebola wird zwar nicht mittels Wasser übertragen, aber wir müssen sicherstellen, dass sich im Wasser selbst keine kontaminierten Teil befinden.

Beim Bau der Station haben wir sehr eng mit dem medizinischen Team zusammengearbeitet – beispielsweise um den Ablauf der PatientInnen richtig einzuplanen. Mein Job besteht darin, ihre Idealvorstellung in die Realität umzusetzen. Ich bin derjenige, der diese Träume wahr werden lässt.

Welche Herausforderungen gibt es derzeit vor Ort?

Viele. Erstens will niemand aus meinem Team in den Behandlungsbereich. Eine der Herausforderungen besteht daher darin, unsere guineischen MitarbeiterInnen über die Einrichtung aufzuklären, damit sie sich wohler dabei fühlen, innerhalb der Klink zu arbeiten.

Im Bereich des Materialmanagements muss man wiederum sehr genau darauf achten, dass alles, was einmal im Isolationsbereich war, nicht mehr außerhalb verwendet wird. Kürzlich ist mein Klebeband unabsichtlich in den Isolationsbereich gerollt – ich kann es nun nicht mehr verwenden. Wir befinden uns hier 800km von der Hauptstadt entfernt, daher ist die Lieferkette bereits sehr lang. Noch dazu benötigen wir hier in diesem speziellen Fall sehr viel mehr Material als bei einem herkömmlichen Hilfseinsatz.

Auch die Einrichtungsgegenstände innerhalb der Station sind eine Herausforderung: Wir müssen immer exakt wissen, welche Änderungen das medizinische Team braucht. Wenn sie von uns wollen, dass wir ein Bett verschieben, müssen wir vorher wissen, wohin genau. Derzeit verwenden wir einen genauen Lageplan mit Magneten, um uns jedes Mal vorbereiten zu können, bevor wir in den Isolationsbereich gehen.

Jedes Mal, wenn wir die Station betreten, müssen wir bis ins kleinste Detail vorausplanen: Die Schutzkleidung ist nämlich so stickig, dass man es in ihr kaum länger als 30-40 Minuten aushält. Außerdem können wir nur 3-4 Mal pro Tag hineingehen. Wenn uns also das medizinische Team bittet, einen Patienten zu transportieren, folgt eine 15-minütige Diskussion: Welcher Patient muss wo genau hin, und so weiter – damit wir wirklich wissen, was zu tun ist. Wir erhalten jedes Mal ein halbstündiges Briefing um zu erfahren, was zu tun ist, und wir bereiten alle Materialien vorab vor.

Wir müssen uns auch genau darauf vorbereiten, wenn wir in die Station müssen, um einen Verstorbenen zu holen. Wir sprechen uns mit dem medizinischen Personal genau ab wie die Person aussieht, ob der Körper bedeckt ist oder nicht, und dann sprechen wir darüber, wie wir ihn nach draußen bringen.

Im Gegensatz dazu müssen wir außerhalb des Isolationsbereichs zur Errichtung eines Zauns einfach nur das Absperrband abrollen und einige Stangen in den Boden versenken.

Welche Risiken bestehen für die MitarbeiterInnen?

Die Sicherheit unserer Teams hat für uns höchste Priorität. Wir entscheiden uns immer für diejenige Lösung, die am besten geeignet ist und gleichzeitig das geringste Risiko beinhaltet. Wir versuchen, die Bedenken der MitarbeiterInnen auch entsprechend miteinzubeziehen, damit sie sich innerhalb der Station sicher fühlen. Das medizinische Team sollte sich ganz auf seine Aufgabe konzentrieren können, und sich nicht über seine Sicherheit Sorgen machen müssen.

Ich persönlich habe keine Angst davor, in die Isolationszone zu gehen – man gewöhnt sich daran, je öfter man es tut. Ich bin wahrscheinlich diejenige Person, die den Aufbau und die Struktur am besten kennt. Ich bin auch sehr konzentriert wenn ich die Station betrete. Drinnen bewegen wir uns wie Astronauten: Die Bewegungen sind langsamer, und ich achte immer darauf, dass niemand um mich herum ist. Wenn ich mit einer Metallstange hantiere, könnte ich leicht ein Loch in einen Schutzanzug machen und so jemanden in Gefahr bringen.

Wie sieht die Situation der PatientInnen unter Quarantäne aus?

Beim Zaire-Stamm des Ebola-Virus sterben 9 von 10 Erkrankten – deshalb müssen wir leider davon ausgehen, dass die meisten PatientInnen unsere Isolationsstation nicht lebend verlassen werden. Wir tun aber unser Möglichstes, um ihnen zu geben, was sie brauchen. Die Wünsche waren auch bisher immer recht bescheiden: Ein bestimmtes Essen, neue Kleidung… Diese Dinge kann man einfach organisieren und sie bereiten eine kleine Freude.

Es gibt auch innerhalb der Isolationsstation eine kleine Terrasse, damit die PatientInnen Tageslicht sehen können. Aber diejenigen, die nicht mehr mobil sind und nicht auf die Terrasse gehen können, sehen wegen all der Schutzkleidung nur mehr unsere Augen. Das ist wirklich hart. Doch wir versuchen alles, um die Situation zu verbessern. Wir haben zum Beispiel PatientInnen, die morgens Kaffee mit Milch wollten. Unser Team verbrachte eine Stunde damit, zu überlegen, wie wir das bewerkstelligen können, ohne täglich eine kontaminierte Thermoskanne zerstören zu müssen. Unsere Lösung war dann folgende: Jemand mit voller Schutzkleidung stand innerhalb der Isolationszone mit einer Thermoskanne, und eine Person mit leichter Schutzkleidung und einer weiteren Thermoskanne mit dem Kaffee außerhalb der Zone. Dann füllten sie die heiße Flüssigkeit von einer Kanne in die andere um, ohne sich zu berühren. Wir versuchen wirklich, so viel wie möglich für die PatientInnen zu tun.

Lesen Sie mehr über die seltene Krankheit Ebola im Interview mit der Ärztin Dr. Esther Sterk, Spezialistin für tropische Krankheiten:  "Es gibt weder Therapie noch Impfung - Isolierung ist das Allerwichtigste."

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