Pakistan

„Ich habe für meine Patientinnen gekämpft“

Von Februar bis August 2011 arbeitete die Hebamme Rose-Louise Cadot an der Grenze zu Afghanistan, in Hangu. Ihre Aufgabe war es, das Team des dortigen städtischen Krankenhauses auf der Entbindungsstation zu unterstützen, um die Qualität der Arbeit zu erhöhen. Sie stellte sich auf die vorhandenen Praktiken ein und versuchte ihre Kenntnisse dort so einzubringen, dass Verbesserungen in der Qualität der Versorgung erreicht werden konnten.

Ärzte ohne Grenzen leistet am städtischen Krankenhaus in Hangu kostenlos medizinische Hilfe, wozu auch die Notfall-Chirurgie gehört. Rose-Louise Cadots Rolle war es, Verbesserungsmöglichkeiten in der Geburtshilfe aufzuzeigen. Dabei musste sie sich in ein sehr gemischtes Team einfinden. Es bestand zum einen aus „Dais“ - traditionellen paktistanischen Hebammen -, die einige Monate klinisches Training hinter sich haben, zum anderen aus „Lady Health Visitors“ mit zwei Jahren Schulungshintergrund (davon ein Jahr in der Geburtshilfe) und den fest angestellten Krankenschwestern mit drei Jahren Ausbildung.

Der schwierigste Faktor an der bestehenden Situation ist, dass viele Frauen, die auf die Geburtsstation kommen, wenig bis gar keine vorgeburtliche Versorgung erhalten haben und es somit auch keine Patientenakte gibt. „Das Team des Gesundheitsministeriums bietet zwar vorgeburtliche Untersuchungen an, aber es ist für uns sehr schwierig, die Qualität dieses Monitorings zu untersuchen. Im besten Fall kommen die werdenden Mütter mit einem Ultraschall oder einer Verschreibung, die während der Schwangerschaft gemacht wurden“, erklärt die Hebamme. Bevor Ärzte ohne Grenzen kam, hatte das Hangu-Krankenhaus allerdings nicht einmal einen Geburtshilfe-OP. Patientinnen, die operiert werden mussten, wurden in Nachbarstädte überwiesen.

Veränderungen brauchen Zeit

Veränderungen konnte Rose-Louise Cadot zum Beispiel dahingehend initiieren, dass sie ein festes Team für den Wehen- und Geburtsraum organisierte, während vorher das Krankenhauspersonal durch alle Abteilungen rotiert war. „Das Team ist sehr engagiert und hat große Fortschritte gemacht”, erzählt sie und fügt hinzu: „Natürlich brauchen die Teams Zeit, um Veränderungen anzunehmen.“ Am Ende ihres Einsatzes befragten die Kollegen sie regelmäßiger und sie erhielt so Gelegenheit, sie in klinischer Diagnose zu schulen. “An einem Tag kam eine Patientin mit einer Geburtskomplikation, bei der das Kind querliegt und deshalb nicht vaginal geboren werden kann. Ich nahm die Mutter mit in den OP für einen Not-Kaiserschnitt. Sie bekam Zwillinge, beide in gutem Zustand! Dies hätte ein schwieriger Fall werden können, aber das Team hatte richtig entschieden und mich dazu gerufen.“

Ein neues Krankenhaus in Peshawar

Rose-Louise Cadot arbeitet außer in Hangu auch regelmäßig mit dem Team von Ärzte ohne Grenzen in Peshawar zusammen. Im Mai 2011 wurde dort von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Krankenhaus für Frauengesundheit, Gynäkologie und Geburtshilfe eröffnet. Auch dort gibt es noch immer viel zu tun. So kommen zum Beispiel Frauen, die eine Notfallbehandlung brauchen, häufig spät – manchmal zu spät. “Wir hatten eine Patientin, die nach einer Eklampsie (eine schwerwiegende Komplikation in der Schwangerschaft, die für die Mutter und/oder den Fötus tödlich verlaufen kann, und durch Krämpfe gekennzeichnet ist) im Koma lag – in diesem Zustand wurde sie eingeliefert. Trotz eines Not-Kaiserschnitts und der folgenden Behandlung starb sie einige Stunden später. Sie hatte keine Geburtsvorsorge erhalten und kam zu spät – wir konnten nichts mehr für sie tun. Diese Beispiele sind häufiger, als ich mir je hätte vorstellen können.“ Zudem stillen junge pakistanische Frauen nach der Geburt üblicherweise nicht auf der Geburtsstation, sondern zuhause. “Noch ist Ärzte ohne Grenzen nicht anerkannt genug, um die Frauen überzeugen zu können, das zu verändern. Daher verlassen Patientinnen die Station zu früh - manchmal nur eine Stunde nach der Geburt. Auch die nachgeburtliche Überwachung ist nicht so sorgfältig wie in Europa beispielsweise in Frankreich.“

Trotz allem entwickelt sich das Programm weiter: Ärzte ohne Grenzen versorgt die Geburtsstation seit Juli mit den notwendigen Medikamenten – vorher waren dort oft die Vorräte ausgegangen. Außerdem waren es die Familien, die für den Kauf der Medikamente verantwortlich waren – zu Preisen von bis zu zehn Prozent eines pakistanischen Durchschnittsgehalts. “Unsere Arbeit mag nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein”, so Rose-Louise, “aber ich habe für die Patientinnen in Hangu gekämpft.”

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