Haiti

Interview zur Situation in Port-au-Prince 24 Stunden nach dem Erdbeben

Dr. Greg Elder ist stellvertretender Programmverantwortlicher von Ärzte ohne Grenzen in Haiti. Er beschreibt die Situation in der Hauptstadt Port-au-Prince 24 Stunden nachdem ein Erdbeben der Stärke 7.0 das Land schwer getroffen hat. Zehntausende wurden dabei verletzt und eine noch unbekannte Zahl an Menschen getötet. Ärzte ohne Grenzen hatte bereits zuvor zahlreiche Hilfsprogramme in Haiti und konnte deshalb sofort Nothilfe leisten.

Können Sie uns die Situation vor Ort nach dem Erdbeben beschreiben?

Die Kommunikation war schwierig. Wir haben sofort versucht unsere Mitarbeiter zu kontaktieren und es geschafft die meiste Zeit des Abends und des heutigen Tages mit dem Team in Kontakt zu bleiben. Aber natürlich ist die Kommunikation ein Problem.

Unsere Teams waren in der Lage, uns einen guten Eindruck von den Geschehnissen am Abend zu vermitteln. Menschen waren auf den Straßen, sie wussten nicht, wohin sie gehen sollten, wen sie um Hilfe bitten sollten. Wir mussten praktisch zu Fuß durch die Straßen gehen, um das Ausmaß der Zerstörung unserer eigenen Gesundheitsstrukturen und anderer Einrichtungen abzuschätzen und beurteilen zu können, ob es heute irgendeine funktionsfähige Gesundheitsversorgung geben würde oder nicht.

Die meisten Menschen werden auf der Straße schlafen, aus Angst davor sich in den zerstörten Gebäuden aufzuhalten. Auch viele unserer Mitarbeiter leben draußen mit der Bevölkerung.

Ärzte ohne Grenzen hatte bereits Hilfsprogramme und medizinische Einrichtungen in Haiti. Sind diese Strukturen weiterhin funktionsfähig und wie bekommen Sie zusätzliche Hilfe ins Land?

Wir arbeiteten in drei Krankenhäusern, einschließlich eines Traumazentrums und einer Geburtsklinik, und haben ungefähr 800 Mitarbeiter in Port-au-Prince. Die Einrichtungen wurden durch das Erdbeben so schwer beschädigt, dass wir Patienten in benachbarte Anlagen evakuieren mussten. Aber wir konnten heute während des Tages einige Erste-Hilfe-Zelte aufstellen. Diese Zentren sind von Verletzten überrannt worden. Unsere Teams haben in diesen behelfsmäßigen Einrichtungen mehr als 1000 Verwundete mit offenen Brüchen und anderen Verletzungen behandelt.

Das Gesundheitssystem in Port-au-Prince ist ziemlich fragil und die Krankenhäuser, die wir am Dienstagabend und Mittwoch tagsüber besucht haben, waren überfüllt. Wir versuchen nun, diese Lücke kurzfristig zu füllen und dann in den kommenden Tagen 70 internationale Mitarbeiter, einschließlich einiger Chirurgenteams, als Verstärkung zu entsenden. Eine Chartermaschine wird am Donnerstag mit der Ausstattung für ein aufblasbares 100-Betten-Krankenhaus mit zwei Operationssälen starten. Zwei chirurgische Teams brechen am Donnerstagmorgen von Miami, Florida, auf, um zusätzliche Unterstützung vor Ort zu leisten. 

Können Sie uns einen Eindruck vom Grad der Zerstörung geben?

Port-au-Prince ist eine sehr dicht besiedelte Stadt mit ziemlich schlechter Infrastruktur. Vor dem Erdbeben lebten in der Metropole 3,5 Millionen Menschen, die Hälfte davon in Slums. Es gab 21 öffentliche Gesundheitseinrichtungen, darunter vier Krankenhäuser. Bereits vor der Katastrophe funktionierte das Gesundheitssystem nur geringfügig - es ist in keiner Weise dafür geeignet mit einer Katastrophe dieser Größenordnung umzugehen. Es braucht internationale Unterstützung und die Hilfe internationaler Organisationen, um diese Lücken zu füllen.

Die Situation ist wirklich katastrophal. Niemand weiß im Moment, wie viele Verletzte und Todesopfer es gibt. Es wird noch dauern, bis man das Ausmaß einschätzen kann, weil viele Menschen unter dem Schutt begraben sind.

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