Irak

Irak: Gewalt gefährdet Gesundheitsversorgung

Seit dem Aufflammen der Gewaltausbrüche im Irak vor einem Monat fliehen Hunderttausende Menschen vor den Kämpfen zwischen Oppositionsgruppen und der irakischen Armee aus Städten wie Mosul, Falludscha und Tikrit. Ärzte ohne Grenzen unterstützt Spitäler in den von der Gewalt betroffenen Gebieten und versorgt mittels mobiler Kliniken Vertriebene.

Die Ungewissheit in Bezug auf das schnelle Vordringen verschiedener bewaffneter Gruppen zwingt die Zivilbevölkerung, panikartig aus den Provinzen al-Anbar und Salah ad-Din zu fliehen. Die meisten haben Zuflucht in der Autonomen Region Kurdistan, in der Provinz Kirkuk oder in anderen Gebieten gefunden, die noch als relativ sicher eingestuft werden. Doch einige Menschen stecken in Gebieten fest, wo weiterhin heftig gekämpft wird.

Unterstützung von Krankenhäusern

In den vergangenen Wochen hat Ärzte ohne Grenzen verschiedene Spitäler in den Städten Tikrit, Hawijah, Heet und Falludscha mit Personal, Arzneimitteln und medizinischem Bedarfsmaterial unterstützt (siehe Bericht ). Chirurgische Eingriffe und Notfalldienste dieser Einrichtungen können jedoch aufgrund der äußerst schwierigen Bedingungen und fehlender Unterstützung durch die Gesundheitsbehörden nur mit Mühe aufrechterhalten werden.

„Das Engagement des irakischen Personals in diesen Spitälern ist beeindruckend“, so Fabio Forgione, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen im Irak. „Ärzte, Pflegefachleute und Hilfskräfte arbeiten trotz der schwierigen Bedingungen unermüdlich weiter. Es ist eine verzweifelte Lage, mit ständig schwindenden Vorräten und einer wachsenden Zahl von Patienten, die eine Notfallbehandlung brauchen. Sie müssen mit einem Mangel an Medikamenten und medizinischem Material zurechtkommen, mit Wasser- und Stromausfällen sowie mit der äußerst unsicheren Lage, die die Bewegungsfreiheit stark einschränkt.“

Notfalldienste weiterhin aufrecht

Dank des Engagements des lokalen medizinischen Personals können in verschiedenen Spitälern in Gebieten, die von der Gewalt betroffen sind, weiterhin grundlegende Leistungen angeboten werden. In der Stadt Heet beispielsweise werden immer noch Notfalleingriffe sowie orthopädische und gynäkologische Operationen vorgenommen. Ein Team bestehend aus drei irakischen Ärzten und zwei Pflegefachleuten hat außerdem begonnen, in den Bereichen Mutter-Kind-Gesundheit und chronische Krankheiten Behandlungen anzubieten. Das Team wird aus der Ferne von Ärzte ohne Grenzen unterstützt. Rund 82.000 Personen haben sich in Heet niedergelassen, nachdem sie vor den Kämpfen in Falludscha geflohen waren, darunter auch einige Ärzte.

Gleichzeitig leisten Teams von Ärzte ohne Grenzen medizinische Hilfe für Vertriebene, die in Lagern leben, sowie für weitestgehend „unsichtbare“ Menschen in entlegenen Gegenden, wo weiterhin gekämpft wird. Auch Menschen, die in leer stehenden Gebäuden wie Schulen, Kirchen oder Moscheen Unterschlupf gefunden haben, werden versorgt.

Medizinische Hilfe für Kinder und chronisch Kranke

Im Süden von Kirkuk sind weitere Teams mit mobilen Kliniken unterwegs – ebenso in der Gegend zwischen den Provinzen Dohuk und Erbil, wo sich die Mehrheit der vertriebenen Menschen niedergelassen hat. Die mobilen Teams halten täglich etwa 50 Sprechstunden ab, hauptsächlich für Kinder mit ansteckenden Krankheiten wie Windpocken und Durchfall sowie für Erwachsene mit chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes. Die Teams bieten auch Schwangerenvorsorge an.

Die größte Schwierigkeit für Ärzte ohne Grenzen ist derzeit die Sicherheitslage in den umkämpften Gebieten und in den Gegenden, die unter der Kontrolle von bewaffneten Gruppen sind. Am 11. Juni zog sich Ärzte ohne Grenzen angesichts der sich verschlechternden Sicherheitslage aus einer Klinik zurück, die die Organisation in Tikrit eröffnen wollte. Zwei Tage später wurde die Klinik in den Kämpfen zerstört.

„Angesichts der Sicherheitslage ist für humanitäre Organisationen vor Ort das Leisten von Hilfe mit großen Schwierigkeiten verbunden“, betont Forgione. „Die medizinischen Bedürfnisse im Irak sind besonders groß in Gebieten, die äußerst schwierig und nur unter Gefahr zu erreichen sind. Die gesundheitliche Lage der Menschen, die auf der Flucht sind oder wegen den Kämpfen feststecken, wird zunehmend prekärer. Die Hilfe, die wir zu leisten imstande sind, reicht bei Weitem nicht aus.“

Ärzte ohne Grenzen ist seit 2006 im Irak tätig. Zur Wahrung ihrer Unabhängigkeit nimmt die Organisation keine Mittel von Regierungen, religiösen Institutionen oder internationalen Agenturen an und finanziert ihre Projekte im Irak ausschließlich aus Privatspenden. Derzeit sind 300 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen im Irak im Einsatz.

Lesen Sie im Einsatzblog die persönlichen Eindrücke des Österreichers Martin Zinggl von seinem Einsatz in einem Flüchtlingslager im Norden des Irak: " Würde trotz Leid - Fotoreportage aus Domiz "

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