Irak

“Jeder neue Fall ist eine neue Herausforderung.“

In der jordanischen Hauptstadt Amman betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Projekt für rekonstruktive Chirurgie . Tausende verwundete Iraker konnten bereits behandelt werden. Dr. Ali Al-Ani ist als orthopädischer Chirurg vor Ort tätig und berichtet von der Komplexität von Kriegsverletzungen, den Schwierigkeiten für die PatientInnen und der Geschichte des 7-jährigen Buben Wael.

Wie sind Sie beim Projekt in Amman eingestiegen?

Mein Name ist Dr. Ali Al-Ani, und ich stamme aus dem Irak. 2005 bin ich aufgrund der desolaten Sicherheitslage mit meiner Familie aus dem Irak nach Amman gekommen, weil wir kein normales Leben mehr führen konnten. 2007 bin ich dann als orthopädischer Chirurg zum Projekt gestossen.

Welche PatientInnen behandeln Sie?

Alle unsere PatientInnen sind Opfer des Konflikts in dieser Region. In den ersten zwei Jahren des Programms kamen nur Verwundete aus dem Irak zu uns. 2008 haben wir die Aktivitäten ausgeweitet und damit begonnen, auch PatientInnen aus anderen Konfliktgebieten aufzunehmen. Seitdem kommen Menschen aus Gaza, dem Jemen und Syrien zu uns. Die meisten der von uns behandelten Fälle erweisen sich als hoch komplex.

Welche Fälle können in diesem Projekt aufgenommen werden?

Wir decken drei Spezialgebiete ab: orthopädische Chirurgie, plastische Chirurgie und Kieferchirurgie. Bei vielen unserer PatientInnen ist es zu Knocheninfektionen gekommen, daher benötigen sie eine langfristige Behandlungen. Es kommen aber auch Menschen zu uns, deren gebrochene Knochen nicht wie gewünscht zusammengewachsen sind und die Weichgewebedefekte aufweisen. Es gibt PatientInnen mit Knochenschwund, Nervenschäden und körperlichen Fehlbildungen, wie sie nach unbehandelten Traumata auftreten können.

Bei kriegsbedingten Verletzungen ist es so, dass jeder neue Fall eine neue Herausforderung darstellt; kein verwundeter Patient ist gleich wie der andere.

Wie schwierig ist die Arbeit für Sie persönlich?

Natürlich bin ich in erster Linie Chirurg, trotzdem bin ich auch ein menschliches Wesen. Die schlimmen Dinge, die mir in meiner Arbeit begegnen, lassen mich nicht unberührt. Es schmerzt mich, wenn ich unschuldige Kinder oder alte Menschen vor mir habe, deren Leben durch den Konflikt für immer verändert wurde.

Als Chirurg kann ich diesen Menschen jedoch helfen. Ich kann ihnen eine gewisse Unabhängigkeit verschaffen und sie manchmal auch dazu bringen, wieder zu lächeln. Ich bin sehr stolz darauf, dass dieses Projekt das Leiden vieler PatientInnen erleichtert hat, indem wir ihre versehrten Körper rekonstruiert und ihnen geholfen haben, bestimmte Funktionen wiederzuerlangen. Die hierher überwiesenen Menschen hätten sich eine solche Behandlung an anderer Stelle vermutlich niemals leisten können.

Gibt es einen Patienten, der Sie besonders berührt hat?

Jeder Patient wurde auf andere Weise vom Krieg getroffen. Besonders berührt hat mich jedoch die Geschichte eines siebenjährigen irakischen Jungen, der 2009 bei uns aufgenommen wurde. Wael wollte gerade seine Großeltern besuchen, als am Straßenrand eine Bombe explodierte. Seine Mutter wurde getötet und Wael schwer verletzt. Er verlor sein rechtes Bein, das linke war stark verletzt. Trotz der Komplexität der Eingriffe gelang es dem Operationsteam nach mehreren Operationen, das verletzte Bein so zu rekonstruieren, dass der Junge es wieder belasten konnte. Anschließend wurden für ihn Prothesen angefertigt, so dass Wael wieder gehen konnte.

Mit welchen Schwierigkeiten sind die PatientInnen bei ihrer Rückkehr in den Irak konfrontiert?

Am schwierigsten nach der Rückkehr ist sicherlich der Zugang zur Nachbehandlung - dazu gehören übrigens auch psychosoziale Unterstützung und Physiotherapie. Auch wenn wir uns bemühen, die Behandlung in Amman zu Ende zu führen, erfordern diese Verletzungen jedoch häufig eine postoperative Betreuung. Das stellt eine große Herausforderung dar.

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft des Projekts?

Das Programm wurde seit 2006 stark ausgebaut, und wir haben große Pläne für die Zukunft. Wir werden bald in ein neues Gebäude übersiedeln, wodurch sich die Behandlungsqualität stark verbessern wird. Auch die technischen Kapazitäten und der Umfang des Projekts werden steigen. Möglicherweise können wir dann auch neue Operationsarten in unser Programm aufnehmen.

Lesen Sie mehr über unser Projekt in Amman:  Chirurgische Behandlungen für irakische Gewaltopfer

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