Jemen

Jemen: “Aus Optimismus wurde Verzweiflung und Angst vor der Zukunft.”

„Ich strich mit meinen Fingern durch das Haar des Jungen, um ihm etwas Zuwendung und Wärme zu geben - beides zurzeit Mangelware für Kinder hier", erzählt Dr. Tammam Aloudat, stellvertretender medizinischer Leiter der Schweizer Sektion von Ärzte ohne Grenzen. Er berichtet aus einem der schlimmsten Kriegsgebiete, dem Jemen, den er 2011 als ein ganz anderes Land kennengelernt hatte.

Dr. Tammam Aloudat, stellvertretender medizinischer Leiter der Schweizer Sektion von Ärzte ohne Grenzen

„Als wir das Ernährungszentrum unserer Mutter-Kind-Klinik betraten, saß eine Frau am Rande ihres Bettes und blickte etwas misstrauisch auf uns. Denn zu dieser Tageszeit begleiten normalerweise keine Fremden das medizinische Personal. Das Baby der Frau atmete sehr schnell. Es schien Schmerzen zu haben. Ich bat seine Mutter um Erlaubnis, es untersuchen zu dürfen. Erst als ich sie auf Arabisch ansprach, wirkte sie etwas entspannter. Ich sagte ihr, dass ich für Ärzte ohne Grenzen arbeite und dass wir nach Ibb kamen, um hier die Gesundheitssituation zu untersuchen und neue Möglichkeiten zu entwickeln, mit denen die Gesundheitseinrichtungen unterstützt werden können. Denn diese haben sehr unter einer Blockade, den Luftangriffen und dem Krieg zu leiden.

Luftangriffe erschweren Zugang zu Gesundheitseinrichtungen

Der Leiter des Krankenhauses schulte meine Kollegen, während ich meine Unterhaltung mit der Mutter fortsetzte. Sie sagte mir, dass sie aus einem Dorf gekommen war, ungefähr zwei Stunden von Ibb entfernt. Die besorgte Frau beschrieb mir, wie sehr ihr fünf Monate altes Baby an Durchfall und Erbrechen leidet. Als ich das Baby untersuchte, sagte mir der Kinderarzt, dass das Baby dehydriert war, sich aber nach einem Tag Behandlung schon erholt hat. Die Mutter lächelte. Sogleich wurde ihr Gesicht wieder ernster. Als ich sie fragte, warum, sagte sie, sie und ihr Ehemann hätten 15.000 YP (ca. 67 Euro) bezahlen müssen, um das Krankenhaus zu erreichen. Noch einmal die gleiche Summe müssten sie für den Rückweg bezahlen, eine Menge an Geld, die sich nur sehr wenige Jemeniten leisten können und durch die die ganze Familie noch für lange Zeit mit Schulden belastet sein wird.

"Einer der heftigsten bewaffneten Konflikte"

Dies ist mein zweiter Besuch im Jemen. Seit meinem letzten Aufenthalt im Jahr 2011 haben sich einige Dinge nicht verändert, wie die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Aber auch die langen Stromausfälle. Allerdings haben sich viele Dinge verschlechtert. Heute müssen viele Autos in langen Schlangen vor Tankstellen warten. Es gibt viel mehr Kontrollpunkte. Jemens Nächte sind laut geworden, durchdrungen vom Lärm der Luftangriffe und Flaks. Für mich war der größte Unterschied zu damals, dass das allgemeine Gefühl von Optimismus in Verzweiflung und Angst vor der Zukunft umgeschlagen ist. Es ist leider eine berechtigte Angst, da die Jemeniten einen der heftigsten bewaffneten Konflikte erleiden, die wir bei Ärzte ohne Grenzen je erlebt haben.

Kinder des Jemen sind Zeugen eines rücksichtslosen Krieges

Später, während meiner Reise in eine Schule in Ibb, wo Menschen auf der Flucht eine Unterkunft gefunden haben, trafen wir Familien, die aus Gegenden geflohen waren, wo sie Kämpfe oder heftige Bombardierungen gesehen hatten. Viele waren aus Taiz und Al Dhale gekommen. Andere haben die lange Reise von Sanaa oder sogar Saada angetreten. Rund 20 Männer und einige neugierige Jungen versammelten sich um uns, um sich zu unterhalten. Die meisten Jungen standen neben ihren Vätern oder älteren Brüdern. Aber ein fünfjähriger Junge stand neben mir. Seine kleine Hand klammerte sich an mein Hemd. Ich war nicht ganz in der Lage mich auf die Diskussion zu konzentrieren, weil ich die unmenschlichen Bedingungen, unter denen jemenitische Kinder heute leben, reflektierte. Die meisten von uns im Westen erhalten psychologische Unterstützung nach einem traumatischen Ereignis. Aber die Kinder des Jemen sind Zeugen eines rücksichtslosen Krieges, wurden gezwungen ihre Häuser zu verlassen. Sie wurden ihrer Grundbedürfnisse, Gesundheit, Schule und sogar Nahrung beraubt, während ihre Familien ums Überleben kämpfen. Ich strich mit meinen Fingern durch das Haar des Jungen, um ihm etwas Zuwendung und Wärme zu geben - beides zurzeit Mangelware für Kinder hier.     

Kein Geld für Medikamente

Es war die Stimme meines Kollegen, die mich ins Gespräch zurückbrachte. Mit einem Verweis auf mich sagte er zu einem Mann: „Sprechen Sie mit dem Arzt.” Ein großer Mann mit müdem Lächeln, altem Hemd und traditionellem jemenitischen Futah (ein Wickelrock oder Kilt) näherte sich mir. Er berichtete mir von seinem Herzleiden und beschrieb, wie seine Gesundheit sich seit seiner Ankunft in Ibb verschlechtert hatte. Als ich ihn fragte, warum er erst jetzt zum Krankenhaus kam, lächelte er. Selbst wenn die Konsultation kostenlos sei, habe er kein Geld, um Medikamente zu kaufen.

Lebensmittelknappheit verschärft Mangelernährung

Bald drehte sich die Diskussion um das Thema Lebensmittelknappheit. Während des Ramadan hatten die Menschen, die in den Schulen lebten, von ihren Nachbarn zum Iftar (das Abendmahl, dass das Fasten am Tage unterbricht) etwas zu essen angeboten bekommen. Solche Spenden gab es nach dem Ramadan nicht mehr. Internationale Hilfsorganisationen bieten keine Nahrungsmittelhilfen für die Menschen in den Schulen an. Selber können sie es sich nicht leisten. Jemenitische Kinder, die bereits seit Jahren unter Mangelernährung gelitten haben, werden noch mehr leiden, wenn die Welt ihnen nicht Nahrung und medizinische Hilfe anbietet. Doch noch werden diesbezügliche Anstrengungen von der Blockade, Kämpfen und konstanten Bombenanschlägen behindert.

Jemen erlebt einen rücksichtslosen Krieg. Ich hoffe, dass bei meinem nächsten Besuch der Krieg im Jemen vorbei sein wird. Bis dahin wird Ärzte ohne Grenzen weiterhin für die Menschen im Jemen Hilfe leisten und ihre Geschichten in die Welt tragen. Damit die Menschen überall auf der Welt die Wirklichkeit hinter den Schlagzeilen kennen, in denen es immer nur um Siege, Rückzug und Verhandlungen geht."

Lesen Sie im Einsatzblog die Berichte der Krankenschwester Vera Schmitz, die sich von Wien aus auf den Weg machte, um in einem Krankenhaus in Sadaa Verletzte zu versorgen: Zum Einsatzblog

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