Jemen

Jemen: Hilfe unter schwierigen Bedingungen

Im Norden des Jemen herrscht seit acht Wochen wieder Krieg. Andréas Romero, Einsatzleiter in Sanaa, beschreibt den Verlauf der Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen in der aktuellen Krisensituation.

Wie hat sich die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen im Norden des Jemen verändert?

Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) ist im Gouvernorat Saada im Nord-Jemen seit 2007 tätig und leistet dort medizinische Hilfe für die Bevölkerung, die vom seit 2004 andauernden Konflikt zwischen Regierungstruppen und der Al Houthi-Gruppe betroffen ist.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt zwei Spitäler des Gesundheitsministeriums in Shara’a (Distrikt Razeh) und in Al Talh (Distrikt Saher). In beiden Spitälern leisten die Teams kostenlose medizinische Hilfe und führen allgemeine Untersuchungen, Nothilfe, Überweisungen und gynäkologische Betreuung sowie Geburtshilfe durch. In Al-Talh werden in Notfällen auch Operationen durchgeführt. In den Städten der Umgebung von Razeh und Al-Talh unterstützt Ärzte ohne Grenzen medizinische Einrichtungen des jemenitischen Gesundheitsministeriums und führt ebenfalls Behandlungen und Überweisungen in Spitäler durch.

Nachdem am 11. August 2009 der mittlerweile sechste Krieg im Nord-Jemen begann, hat Ärzte ohne Grenzen auch damit begonnen, Hilfe für Vertriebene in Mandabah im Norden von Saada durchzuführen. Ein System zur Trinkwasserversorgung für 250 Familien wurde eingerichtet.

Während der heftigen Kämpfe in den letzten beiden Monaten wurden die Hilfeleistungen trotz der Genehmigungen von beiden Konfliktparteien aber zunehmend schwieriger: Wir mussten unsere chirurgische Hilfe in Al Talh vorübergehend beenden und die Unterstützung der primären Gesundheitseinrichtungen einschränken. Außerdem mussten wir den Start unseres medizinischen Programms in Mandabah verschieben. In Razeh gehen unsere Untersuchungen und Überweisungen aber weiter, und unsere Teams führen rund 560 Nothilfebehandlungen pro Monat durch. Außerdem wird demnächst ein chirurgisches Team von Ärzte ohne Grenzen dieses Krankenhaus zusätzlich unterstützen.

Was sind die derzeit größten Bedürfnisse der Bevölkerung von Saada?

Durch die anhaltenden Kämpfe wurden viele Menschen oft mehrfach zur Flucht innerhalb Saadas oder in die benachbarten Provinzen gezwungen. Es ist schwierig, präzise Zahlen über die Zahl der Vertriebenen zu bekommen, da Hilfsteams und andere humanitäre Akteure Schwierigkeiten haben, manche Teile Saadas zu erreichen. Nach Angaben der UN wurden bisher 60.000 Vertriebene in Saadda, Amran und Hajia registriert. Zusätzlich sind zahlreiche Familien unterwegs von einem Ort zum Nächsten, auf der Suche nach Sicherheit. So wurden beispielsweise Familien im Norden Saadas zunächst von Dahyan nach Jesnem vertrieben, von dort weiter nach Baqim, und von Baqim nach Mandabah. Aber auch in Mandabah ist es sehr schwierig, Sicherheit zu finden, da auch hier Kämpfe ausbrachen.

In Mandabah haben unsere Teams die Lage von ca. 3.000 Menschen untersucht. Die meisten von ihnen lebten unter prekären Bedingungen, mit unzureichendem Zugang zu Trinkwasser und Mangel an alltäglichen Gütern wie Decken und Material zum Kochen. Auch Nahrungsmittel sind ein ernsthaftes Problem, da Schwierigkeiten beim Nachschub zu einem Preisanstieg auf das bis zu Vierfache der üblichen Preise führten. Während andere Akteure sich auf Nahrungsmittelverteilungen und die Verteilung anderer Hilfsgüter konzentrieren, liegt der Schwerpunkt der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen auf der medizinischen Versorgung der Bevölkerung.

Wie schafft es Ärzte ohne Grenzen, die Aktivitäten unter so schwierigen Sicherheitsbedingungen aufrecht zu halten?

In Anbetracht der zahlreichen Probleme, vor allem durch die unsichere Lage und die mangelnde Kommunikation, ist die Aufrechterhaltung unserer Hilfsprogramme eine tägliche Herausforderung. Die Festnetz- und Mobilfunkverbindungen sind unzuverlässig, die Verbindungsstraßen zwischen Saada und dem Rest des Landes sind blockiert, und unsere lokalen Mitarbeiter arbeiten oft ohne Kontakt zu ihren Familien im Krankenhaus.

Ärzte ohne Grenzen reagierte auf diese Situation und schickte medizinische Hilfsgüter und weitere Mitarbeiter (u.a. ein chirurgisches Team) über Saudi Arabien. Die Entwicklung der Lage wird genau verfolgt. Alle Beteiligten dieses Konflikt respektieren die Neutralität und Unparteilichkeit von Ärzte ohne Grenzen, dadurch konnten unsere Teams in Razeh und Al-Talh alle Personen mit medizinischen Bedürfnissen – auch Kriegsverletzte – ungeachtet ihrer politischen Zugehörigkeit behandeln.

Ärzte ohne Grenzen hat zwischen Jänner und Juli 2009 in der Provinz Sadaa etwa 30.000 Behandlungen durchgeführt. 1.450 dieser Patienten wurden stationär behandelt. Insgesamt wurden 720 chirurgische Eingriffe durchgeführt, wovon etwa 100 auf kriegsbedingte Verletzungen zurückzuführen sind.

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