Sudan

Kala Azar: Zeiten der Not

Die Amerikanerin Jane Boggini, die seit 1999 auf 20 Einsätzen mit Ärzte ohne Grenzen war, leitet das medizinische Team in Malakal in Upper Nile. Sie beschreibt die Situation in Malakal nach dem schweren Kala Azar Ausbruch.

Ich wurde im November in den südlichen Sudan geschickt, um das medizinische Notfallteam von Ärzte ohne Grenzen im Kampf gegen Kala Azar, eine parasitäre Krankheit, die durch den Biss einer Sandfliege verursacht wird, zu leiten. Jeder kann von Kala Azar betroffen sein – Kinder, Erwachsene, Schwangere, ältere Menschen. Die üblichen Symptome sind hohes Fieber, das mehr als zwei Wochen anhält, Gewichtsverlust und allgemeine körperliche Schwäche.

Heuer ist der Ausbruch besonders schwer – wir haben fast acht Mal so viele Fälle wie zum selben Zeitpunkt im Vorjahr: 2009 behandelte Ärzte ohne Grenzen 231 Patienten, im Gegensatz dazu sind es 2010 schon 2049 Menschen. Die Krankheit tritt nur in einer bestimmten Region im Südsudan auf, die „Kala Azar Gürtel“ genannt wird. Die Sandfliege versteckt sich in der Rinde der Akazienbäume und in den Rissen der schwarzen Erde entlang des Nils. Sie ist vor allem in der Nacht aktiv, da sie Hitze und Licht nicht gut verträgt.

Bei unserer Ankunft in Malakal starteten wir den Noteinsatz einerseits mit mobilen Kliniken, die Behandlung anbieten. Andererseits unterstützen wir die Kala Azar-Abteilung im Krankenhaus von Malakal. Die größte Herausforderung hier ist die Fortbewegung. Die einzige Möglichkeit Malakal zu erreichen, ist über den Luftweg. Wir müssen alles einfliegen lassen - unsere Medikamente, unsere Ausrüstung, die Decken und die Moskitonetze. Auch in Malakal selbst ist es unglaublich schwierig sich fortzubewegen und in abgelegene Gebiete zu gelangen.

Fast alle unsere Gesundheitsposten in ländlichen Gegenden erreichen wir per Boot auf dem Nil. Nach der Regenzeit beginnt das Land nun wieder zu trocknen und in den vergangenen zwei Wochen konnten wir endlich mit dem Auto zu zwei unserer kleinen Kliniken fahren. Es gibt keine richtigen Straßen, nur Feldwege. Gestern fuhr das Team mehr als fünf Stunden, in denen es gerade einmal 85 Kilometer schaffte, um dann einen Kilometer entfernt vom Gesundheitsposten festzustellen, dass es wegen des Wassers nicht durchkommen kann. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mussten diesen letzen Kilometer zu Fuß gehen, um die Klinik zu erreichen – durch schlammiges Wasser bis hoch zu ihren Knien und das Material über ihren Köpfen tragend!

Die meisten Patienten in unseren Kliniken sind Männer. Wir glauben, dass die Mehrheit von ihnen von den Sandfliegen gebissen wird, wenn sie nachts lange draußen unter den Bäumen sitzen. Es sind auch viele Buben betroffen, die in der Nacht die Kühe und Ziegen hüten. Frauen und Kinder können aber auch gebissen werden, weil sie zuhause oftmals keine Fenster haben und es innen dunkel ist.

Wir sind außerdem sehr besorgt um die Menschen, die in ihre Heimatdörfer in den Südsudan zurückkehren, damit sie beim Referendum im Jänner abstimmen können. Einige von ihnen waren lange Zeit nicht in der Region, manche bis zu 20 Jahre nicht. Nun kommen sie zurück in den „Kala Azar Gürtel“ und haben ihre früher erworbene Immunität gegen die Krankheit verloren. Ihre Kinder sind noch nie mit Kala Azar in Berührung gekommen und wissen nicht, wie sie sich schützen können. Wir gehen davon aus, dass unsere Patientenzahlen steigen werden, wenn diese Menschen zurückkommen. Es wird kein sofortiger Anstieg sein, denn es kann vier Monate dauern bis man Symptome bemerkt. Ohne Behandlung ist Kala Azar fast zu 100 Prozent tödlich. Manchmal kommen Menschen zu spät zu uns und wir können dann nicht mehr viel tun. Wenn die Krankheit aber behandelt wird, liegt die Chance auf Heilung bei 94 Prozent.

Ich habe einige ergreifende Momente hier im Krankenhaus erlebt. Eine der Mütter, deren Kinder von uns behandelt werden, ist eine wunderbare Frau. Es gibt einen jungen Patienten, Peter, der erst 16 Jahre alt ist und keine Familie hat. Diese Mutter hat Peter in ihre Familie aufgenommen, kocht für ihn und hilft ihn zu füttern. Eines Nachts sah ich einen Vater, der seine Tochter im Bett neben Peter fütterte. Mit einem Löffel versorgte er seine Tochter und mit dem anderen den jungen Mann. Eine der Krankenschwestern sah überrascht zu und erklärte mir, dass sie verschiedenen Stämmen angehörten. Es scheint, als ob diese Krankheit viele unterschiedliche Menschen in Zeiten der Not zusammenbringen kann.

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