Kampf gegen „Gewaltepidemie“

Seit 2011 steht Ärzte ohne Grenzen schutzbedürftigen Bewohnern von Tegucigalpa bei. Die Hauptstadt Honduras ist von extremer Gewalt und einem Mangel an medizinischen Einrichtungen geprägt.

Auf den ersten Blick scheint alles friedlich in den Strassen der Hauptstadt Tegucigalpa. Dennoch verzeichnet Honduras die weltweit höchste Mordrate. Diesen traurigen Rekord verdankt das Land vor allem dem Drogenhandel, denn der grösste Teil des in den Vereinigten Staaten konsumierten Kokains wird durch diese Region geschleust. Die Gangs treten als Kleinhändler auf, erpressen die Geschäftsleute, terrorisieren die Bevölkerung und liefern sich gegenseitig einen gnadenlosen Revierkampf. Ärzte ohne Grenzen hat sich entschieden, die Opfer dieser „Gewaltepidemie“, wie Javier Rio Navarro sie nennt, zu betreuen. Navarro untersuchte vor kurzem im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen, wie sehr die Menschen in den Strassen von Tegucigalpa der Gefahr gewalttätiger Übergriffe ausgesetzt sind. „Die Gewalt ist ein Mittel, mit dem einfach jedes Problem angegangen wird, egal, ob im Zusammenhang mit Drogen oder nicht“, stellt er fest.

In der Umfrage von Ärzte ohne Grenzen gaben 2010 fast 59 Prozent der jungen Menschen unter 18 Jahren, die auf der Strasse leben, an, im vergangenen Jahr physische Gewalt erfahren zu haben. 45 Prozent von ihnen erklärten, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Die Mehrzahl der Opfer hat darauf verzichtet, Anzeige zu erstatten, weil sie den Behörden nicht vertraute oder der Meinung war, eine solche Anzeige sei zwecklos.

„Ein riesiger Fortschritt"

Von 2005 bis 2010 leitete Ärzte ohne Grenzen ein Zentrum, in dem junge Obdachlose betreut wurden. Die Hilfsorganisation hat ihre Aktivitäten anschliessend ausgeweitet, um all jenen Menschen zu helfen, die Opfer von Gewalt wurden und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Dazu gehören auch diejenigen Bevölkerungsgruppen, die auf der Strasse leben und deshalb der Gewalt am meisten ausgesetzt sind, aber auch die Bewohner der von den Gangs kontrollierten Viertel.

Seit Ende März 2011 ist ein Einsatzteam von Ärzte ohne Grenzen jeden Tag in den gefährlichsten und ärmsten Vierteln der Stadt unterwegs, um die obdachlosen Menschen ausfindig zu machen, die nicht die Möglichkeit haben, sich medizinisch behandeln zu lassen. Häufig wollen sie dies auch gar nicht. Die Mehrheit von ihnen ist abhängig von Lösungsmitteln, Kokain, Crack oder Alkohol. Sie leben vom Sortieren oder Recyceln von Abfällen, vom Verkauf von Drogen oder auch ihres eigenen Körpers.

Über ein Jahr nach Aufnahme des Betriebs konnten die freiwilligen Helfer der Organisation erste Erfolge melden. „Es ist uns gelungen, das Vertrauen der obdachlosen Menschen zu gewinnen, und langsam schaffen wir es auch, dass sie sich behandeln lassen. Das ist schon ein riesiger Fortschritt", stellt Dr. Gustavo Fernandez fest, Ärzte ohne Grenzen-Projektleiter in Honduras, der gerade von einem Besuch vor Ort zurückgekehrt ist.

Das Einsatzgebiet von Ärzte ohne Grenzen umfasst 95.000 Einwohner. Schätzungsweise 9.000 von ihnen sind bereits einmal Opfer eines gewalttätigen Übergriffs geworden.

Die Ärzte stellen den Menschen, die sie auf der Strasse antreffen, eine erste Diagnose oder leisten Erste Hilfe, nähen oder verbinden beispielsweise eine Wunde. In den Psychologen finden die Gewaltopfer geduldige Zuhörer. Bei schwerwiegenden oder chronischen gesundheitlichen Problemen werden sie in eines der vier Gesundheitszentren überwiesen, in denen Ärzte ohne Grenzen ebenfalls arbeitet.

Hier bemühen sich ein Arzt und ein Psychologe von Ärzte ohne Grenzen darum, die medizinische Betreuung von Opfern physischer, sexueller oder psychologischer Gewalt auszubauen und zu verbessern. Sie wollen auch den benachteiligten Menschen, die vom mobilen Ärzte ohne Grenzen-Team ins Zentrum geschickt werden, den Zugang zu medizinischer Versorgung erleichtern. Dazu begleiten sie die Patienten während der ganzen Behandlungsdauer.

Gewaltige Herausforderungen

Bei den schwerwiegendsten Fällen, die eine sofortige Behandlung erfordern, kämpft MSF jedoch immer noch mit den Unzulänglichkeiten des honduranischen Gesundheitssystems. So fahren zum Beispiel die Krankenwagen nicht mehr in die gefährlichsten Viertel der Stadt, und die einzige öffentliche Nothilfestation von Tegucigalpa ist völlig überlastet.

Zudem kommt es immer wieder zur Schliessung verschiedener Gesundheitszentren, die den Banden die geforderten Abgaben nicht mehr bezahlen können. Und das Personal, dessen Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte, hat diese Einrichtungen längst verlassen.

Für die Opfer sexueller Übergriffe bleibt noch erschreckend viel zu tun. In Honduras existiert immer noch kein nationales Behandlungsprotokoll, und die „Pille danach" ist seit 2009 strikt verboten. Die Angst vor der Polizei und vor den Angreifern hindert die Patienten daran, sich behandeln zu lassen. Die gesetzliche Pflicht der Ärzte, jeden Fall polizeilich zu melden, ist eher hinderlich für eine schnelle Behandlung der Opfer, die einer HIV/Aids-Infektion wie auch anderen sexuell übertragbaren Krankheiten vorbeugen könnte. Denn es gibt antiretrovirale Medikamente, die das Risiko einer Ansteckung erheblich senken – allerdings nur, wenn sie innerhalb von 72 Stunden nach dem sexuellen Kontakt eingenommen werden.

Von Januar bis September 2012 führte das multidisziplinäre mobile Einsatzteam insgesamt 4.500 Sprechstunden auf der Strasse durch. In 850 Sprechstunden wurden psychologische Probleme behandelt. Gut 600 Gewaltopfer konnten so identifiziert und behandelt oder an andere Einrichtungen überwiesen werden, darunter 68 Opfer sexueller Gewalt.

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