Libanon

Libanon: Hitzewelle macht syrischen Flüchtlingen zu schaffen

In der libanesischen Beeka-Ebene leben Familien aus Syrien, die vor der Gewalt in ihrem Land geflohen sind, in behelfsmäßigen Zeltsiedlungen. In den Kliniken von Ärzte ohne Grenzen werden derzeit zahlreiche Erkrankungen behandelt, die auf die hohen Temperaturen und die schlechten Lebensbedingungen der Flüchtlinge zurückzuführen sind.

Vor nicht einmal fünf Minuten betrat ein Aufklärungsteam von Ärzte ohne Grenzen das Zelt der syrischen Flüchtlingsfamilie, und schon rinnt ihnen der Schweiß von der Stirn. Fast die ganze Region des Nahen Osten hatte in den vergangenen Wochen mit ungewohnt hohen Temperaturen zu kämpfen. In der libanesischen Bekaa-Ebene, wo rund 410.000 syrische Flüchtlinge Zuflucht suchen, kletterte das Thermometer bisweilen auf 42 Grad. Doch die Hitze ist nicht nur unangenehm, sie bringt auch Krankheiten mit sich.

Familien leben in Rohbauten und Zelten

Viele Flüchtlinge in der Bekaa-Ebene leben in Rohbauten oder in einer der über 900 inoffiziellen Zeltsiedlungen, die willkürlich auf Feldern oder entlang von Straßen errichtet wurden. Die dünnen Plastikplanen, die hier als Wände und Dächer dienen, bieten kaum Schutz vor der sengenden Sonne. Überall dringt Staub ein, unzählige Fliegen schwirren durch die Luft. Sauberes Wasser ist nur begrenzt verfügbar. Die Abwasserleitungen sind häufig undicht, so dass Abwasser in die Bereiche rund um die Zelte sickert, wo Kinder spielen.

Mehr als die Hälfte der Patienten, die derzeit eine der vier Kliniken von Ärzte ohne Grenzen in der Bekaa-Ebene aufsuchen, leiden an Krankheiten, die auf das heiße Wetter zurückzuführen sind. „Im Sommer haben wir es häufig mit Atemwegsinfektionen zu tun, aber auch mit Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall sowie mit Hautproblemen“, berichtet Dr. Bilal Qassem, unser Arzt in der Klinik in Baalbek. „Diese Erkrankungen stehen alle in unmittelbarem Zusammenhang mit den schlechten Lebensbedingungen. Im Vergleich zum Vorjahr haben wir 20 Prozent mehr dieser sommertypischen Erkrankungen, was vermutlich mit der aktuellen Hitzewelle zusammenhängt.“

Atemwegsinfektionen und Hauterkrankungen

In den Monaten Juni und Juli handelte es sich bei über 40 Prozent der behandelten Erkrankungen um Infektionen der oberen und unteren Atemwege. Im Juli machten wässriger Durchfall und Magen-Darm-Probleme über einen Fünftel der Beschwerden aus, die von Ärzte ohne Grenzen behandelt wurden.

Wegen des begrenzten Zugangs zu sauberem Wasser und den engen Wohnverhältnissen in den Zelten kommen auch Hauterkrankungen wie die Krätze häufig vor. Gerade als sich die Teams zur Gesundheitsaufklärung auf den Rückweg machen wollen, eilt ein Mann herüber, um ihnen seinen Bauch und seine Arme zu zeigen, die mit roten Flecken übersät sind – ein typisches Symptom für die Krätze. „In solch beengten Lebensbedingungen reicht eine kranke Person, damit sich alle anderen anstecken“, so Dr. Wael Harb, der medizinische Leiter von Ärzte ohne Grenzen in der Bekaa-Ebene.

„Wir stellen Medikamente zur Verfügung, und unsere Aufklärungsteams informieren die Menschen, wie sich die Ausbreitung der Infektion verhindern lässt. Doch gegen die eigentlichen Ursachen – die schlechten Hygieneverhältnisse und engen Wohnbedingungen – können wir nichts tun“, fügt er hinzu.

Winter ist noch viel schlimmer

Mit dem Wechsel der Jahreszeiten ändern sich auch die Schwierigkeiten für die Flüchtlinge. „Der Sommer ist definitiv hart, doch der Winter ist noch viel schlimmer“, sagt Leila*, eine syrische Mutter von fünf Kindern, die in einer Zeltsiedlung in der Nähe von Majdal Anjar lebt. „Im Winter schafft man es nicht, seine Kinder warm zu halten, die Plastikplanen reißen immer wieder und man schaufelt den ganzen Tag Schnee vom Dach.“

Ärzte ohne Grenzen war erstmals 1976 im Libanon tätig und leistete medizinische Hilfe für die Opfer des Bürgerkriegs. Derzeit bietet die Organisation in der Bekaa-Ebene, in Tripoli, Beirut und Sidon medizinische Grundleistungen an, die auch die Behandlung von akuten und chronischen Krankheiten umfassen. In den Lagern Arsal und Schatila für palästinensische Flüchtlinge ist Ärzte ohne Grenzen auch im Bereich der Mutter-Kind-Gesundheit tätig. Abgesehen von den Behandlungen chronischer Krankheiten stehen alle Leistungen syrischen Flüchtlingen, mittellosen Libanesen, libanesischen Rückkehrern aus Syrien und palästinensischen Flüchtlingen aus Syrien zur Verfügung. Ärzte ohne Grenzen behandelt alle syrischen Flüchtlinge, ungeachtet ihres vom UNHCR verliehenen Status.

*Name geändert

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