Libyen

Libyen: 77 Menschen harren auf Frachtschiff aus, darunter Folteropfer

Auf dem Frachtschiff „Nivin“ im Handelshafen der libyschen Stadt Misrata harren seit Tagen 77 Menschen aus, die auf dem Mittelmeer aus Seenot gerettet worden waren. Sie weigern sich, von Bord zu gehen, da sie in Libyen willkürlich inhaftiert werden würden. Nach dem Anlegen des Schiffes waren zunächst zwei Menschen von Bord gegangen, am Mittwochabend weitere 14, darunter mehrere Minderjährige und eine Mutter mit ihrem Baby. Sie wurden in Internierungslagern inhaftiert. Teams von Ärzte ohne Grenzen konnten in den vergangenen Tagen mehrfach das Schiff betreten. Sie haben 60 medizinische Behandlungen durchgeführt.

„Medizinische Teams von Ärzte ohne Grenzen konnten am Mittwoch auf dem Frachtschiff erneut medizinische Hilfe leisten, wo sich zu diesem Zeitpunkt 91 Menschen seit Samstag weigerten, von Bord zu gehen“, erklärt der Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen, Julien Raickman. „Unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen behandelten vor allem Verätzungen, die durch verschütteten Treibstoff verursacht worden waren. Die Menschen waren völlig verzweifelt. In der Gruppe befinden sich mehrere Personen, darunter Minderjährige, die in Libyen ein Jahr oder länger gefangen gehalten und von Menschenhändlern gefoltert worden waren, um Lösegeld zu erpressen. Ein Patient in ernstem Zustand weigerte sich, in eine medizinische Einrichtung in Libyen gebracht zu werden. Er sagte, lieber würde er auf dem Frachtschiff sterben.“

„Die europäische Politik der Abschottung, die die Aufnahme geretteter Migranten verweigert, hat zu einem Anstieg der Todesfälle im Mittelmeer geführt. Sie verschärft die humanitäre Krise in Libyen“, so Raickman weiter. „14 besonders verletzliche Personen gingen am Mittwochabend von Bord und wurden in die offiziellen Internierungslager in Libyen gebracht, darunter waren eine Mutter mit ihrem Baby und mehrere unbegleitete Minderjährige. Es ist eine große Schande, dass die einzige Antwort, die den Menschen auf der Suche nach Sicherheit gegeben wird, eine lange willkürliche Inhaftierung in dem Land ist, das sie verzweifelt zu verlassen versuchen.“

Die Menschen waren auf dem Mittelmeer aus Seenot gerettet und gemäß der EU-Abschottungspolitik nach Libyen zurückgebracht worden, obwohl das Land nicht sicher ist. In Libyen drohen Flüchtlingen und Migranten Misshandlung, Folter, Vergewaltigung und Zwangsarbeit. Die italienische Seenotrettungsleitstelle erklärt seit diesem Sommer die nur begrenzt einsatzfähige libysche Seenotrettungsleitstelle für zuständig. Diese weist Schiffe an, die Menschen nach Libyen zurückzubringen. Unter den Menschen, die auf der „Nivin“ nach Misrata zurückgebracht wurden, befinden sich unter anderen Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia und dem Sudan.

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