Griechenland

Lockdown in Moria: „Jetzt sind wir gefangen“

Die COVID-19-bedingten Lockdown-Maßnahmen haben uns alle betroffen. Bei vielen haben sie vermehrt Stress und Ängste ausgelöst. Für die Tausenden von Menschen, die in den Flüchtlingslagern in Moria und Vathy auf den griechischen Inseln festsitzen, haben die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit verheerende Auswirkungen.

Als COVID-19 Griechenland erreichte, lebten mehr als 30.000 Menschen unter unzumutbaren Bedingungen in den Aufnahmezentren auf den griechischen Inseln – ohne Zugang zu regelmäßiger medizinischer Betreuung oder einer Basisversorgung.

Im März 2020 verhängte die griechische Regierung als Reaktion auf COVID-19 Bewegungseinschränkungen. Seitdem dürfen die Menschen, 55 % von ihnen Frauen und Kinder, die überfüllten und unhygienischen Lager im Wesentlichen nicht verlassen. Somit können sie den gefährlichen Bedingungen, mit denen sie täglich konfrontiert sind, nicht entkommen.

Psychische Auswirkungen des Lockdowns

Bisher hat es in den Aufnahmezentren auf den griechischen Inseln keine COVID-19-Fälle gegeben, und das Leben hat sich für die Lokalbevölkerung und Touristen wieder normalisiert. Trotzdem werden die diskriminierenden Maßnahmen für die Geflüchteten alle zwei Wochen verlängert. Die Menschen sind weiterhin in den Lagern eingeschlossen, wo katastrophale Bedingungen vorherrschen. Das wirkt sich negativ auf ihre physische und psychische Gesundheit aus.

„Die Spannungen sind dramatisch angestiegen, es gibt seit dem Lockdown viel mehr Gewalt, und das Schlimmste ist, dass nicht einmal mehr die Kinder davor fliehen können“, sagt der Vater eines Patienten unserer Klinik für psychische Gesundheit für Kinder. „Das Einzige, was ich früher tun konnte, um meinem Sohn zu helfen, war, ihn von Moria wegzubringen – für einen Spaziergang oder um an einem ruhigen Ort im Meer schwimmen zu gehen. Jetzt sind wir gefangen.“

Greg Kavarnos, Psychologe von Ärzte ohne Grenzen vor Ort, berichtet:

„Die Bewegungseinschränkungen haben dramatische Auswirkungen auf die psychische Gesundheit meiner Patientinnen und Patienten. Der Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung, zu Sozialleistungen und zu Aktivitäten, die ihnen Hoffnung oder einen Grad von Unabhängigkeit gegeben haben, ist noch weiter eingeschränkt. Vor dem Lockdown hatten die Menschen zum Beispiel Zugang zu verschiedenen psychosozialen Unterstützungsangeboten und zu einfacheren, aber für ihre psychische Gesundheit wichtigen Aktivitäten. Sie konnten die Lebensmittel einkaufen, die sie lieber essen. Sie konnten außerhalb des Lagers spazieren gehen. Sie konnten im Ort unter Leute kommen. Jetzt haben sie selbst zu diesen einfachen Dingen keinen Zugang mehr, und darüber hinaus gibt es verstärkt Spannungen im Lager und mehr gewalttätige Vorfälle.

Ich arbeite hauptsächlich mit Folterüberlebenden. Für sie ist es besonders schwierig, diese Gewaltvorfälle mitzuerleben. Sie sind auf der Suche nach Sicherheit nach Griechenland, in die Europäische Union, gekommen, und stattdessen lösen das Lager und das Leben im Lager immer wieder Erinnerungen an traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit aus.

COVID-19 betrifft die ganze Welt, und wir haben alle gesehen und gespürt, wie schwierig es ist, zu Hause eingesperrt zu sein, ohne unsere Alltagsaktivitäten. Es besteht kein Zweifel, dass ein geschlossener Raum und Bewegungseinschränkungen sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken. Wenn Sie und ich uns während des Lockdowns daheim gestresst gefühlt haben und reizbar waren, dann stellen Sie sich vor, wie sich Menschen fühlen, die äußerst traumatische Erfahrungen gemacht haben und weiterhin in einem Lager wie jenem in Moria eingesperrt sind – einem Ort, wo sie nicht zur Ruhe kommen, wo sie keine Privatsphäre haben und sich für Lebensmittel, für Toiletten, für Wasser, für alles anstellen müssen. Dieses Lager war schon davor ein Albtraum, aber die verhängten Bewegungseinschränkungen machen alles noch schlimmer.“

Unterbringung in sicheren Unterkünften nötig

COVID-19 sollte nicht dafür herangezogen werden, geflüchtete Menschen einzusperren. Ärzte ohne Grenzen fordert weiterhin die Evakuierung der Menschen aus den Aufnahmezentren und eine Unterbringung in sicheren Unterkünften, insbesondere jener Menschen, die zur COVID-19-Hochrisikogruppe zählen. Die Lebensbedingungen in diesen Zentren sind schon in normalen Zeiten inakzeptabel. Wenn die Bewegungsfreiheit von Menschen willkürlich eingeschränkt wird, werden diese Zentren jedoch zu noch gefährlicheren Brutstätten von Gewalt, Krankheiten und Elend.

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