Demokratische Republik Kongo

Masern-Ausbruch: “Wir sind mit einer beispiellosen Epidemie konfrontiert.”

In der Provinz Katanga im Süden der Demokratischen Republik Kongo wütet weiterhin die schlimmste Masern-Epidemie seit dem Jahr 2011 – im März war der Ausbruch gestartet. In westlichen Ländern wurde die äußerst ansteckende Infektionskrankheit dank Impfungen weitergehend eingedämmt, doch für ungeschützte Bevölkerungsgruppen kann sie fatal sein, besonders für Kinder.

Dr. Louis Albert Massing ist der medizinische Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in der Demokratischen Republik Kongo und berichtet von der aktuellen Lage vor Ort.

Wie ist die aktuelle Lage in Katanga?

Masern sind praktisch endemisch in Katanga. Anfang März 2015 stellten wir einen signifikanten Anstieg der Fälle fest, vor allem in der Gesundheitszone Malemba Nkulu. Also führten wir von Ärzte ohne Grenzen im April eine Erhebung der Lage durch. Diese Zone befindet sich im Gesundheitsbezirk Haut-Lomami und hat eine geschätzte Einwohnerzahl von knapp 308.000 Menschen. Die bestätigten Masern-Fälle stiegen von 400 auf 800 pro Woche, in einer Woche registrierten wir sogar mehr als 1.100 Fälle. Das ist eine riesige Epidemie. Unsere medizinischen Teams mussten mit einem Ansturm an schwer erkrankten Patienten und Patientinnen zurechtkommen. In der ersten Woche registrierten wir eine Sterblichkeitsrate von fast 19% in unserem Masern-Behandlungszentrum. Der Grund dafür war, dass die eingelieferten Kinder neben Masern auch unter anderen Infektionen litten wie Atemwegserkrankungen oder Neuro-Malaria. Deshalb waren auch viele schon sehr geschwächt aufgrund von Mangelernährung oder Malaria. Zum Glück konnten wir in der Folgewoche die Sterblichkeitsrate drastisch senken, aber sie ist immer noch sehr hoch.

Was tut Ärzte ohne Grenzen vor Ort?

Vom 20. April bis zum 20. Mai verteilten wir Materialnachschub an 19 der insgesamt 23 Gesundheitszentren innerhalb der Zone. So konnten mehr als 4.000 Patienten und Patientinnen mit einfachen Fällen direkt ambulant behandelt werden. Wir implementierten auch ein Überweisungssystem für die komplizierteren Fälle und brachten sie mit Motorrad-Taxis in das Masern-Behandlungszentrum in Malemba. Dort haben wir insgesamt 50 Betten: 38 stationär und 12 für eine intensivmedizinische Behandlung. Innerhalb eines Monats nahmen wir im Zentrum 342 Kinder auf, von denen 90% im Alter unter fünf Jahren waren.

Weiters impfen wir seit 20. Mai alle Kinder in der Gesundheitszone Malemba Nkulu, die im Alter von sechs Monaten bis zu zehn Jahren sind – das sind insgesamt 101.000 Kinder.

Eine unserer größten Herausforderungen ist momentan, den Ausbruch einzudämmen. Denn die Epidemie wütet immer noch in rund ein Dutzend Gesundheitszonen, die sehr eng beisammen liegen. Das Hauptproblem ist die Logistik, die Verfügbarkeit von Personal und der Nachschub an ausreichend Impfstoffen, um rund 600.000 Kinder zu schützen. Die betreffenden Zonen sind in einem geografischen Gebiet, dass sehr schwer zu erreichen ist, und dieser Umstand wird auch Auswirkungen darauf haben, wie lange wir brauchen um die Impfkampagne abzuschließen.

Wir passen unsere Aktivitäten so weit wie möglich an und lassen unsere Erfahrungen von der letzten Epidemie im Jahr 2011 einfließen – damals haben wir fast 1,5 Millionen Kinder geimpft.

Warum ist diese Epidemie so beispiellos?

Ein Faktor, der diese Epidemie verschlimmert, ist der schlechte allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung. Die Jüngsten sind besonders verletzlich, denn sie leiden bereits unter Mangelernährung, Malaria und Atemwegsinfektionen. Diese Umstände lassen die Sterblichkeitsrate in die Höhe schnellen und machen rasche Hilfe noch dringlicher.

Die Straßen sind in dieser Region allerdings manchmal nicht passierbar, es gibt viele schlammige Abschnitte und wir müssen manchmal sehr weite Strecken zurücklegen – das sind unsere logistischen Einschränkungen. Die Kühlkette der Impfstoffe muss auch unbedingt eingehalten werden, damit deren Wirkstoff erhalten bleibt.

Deshalb haben wir uns dazu entschieden, die Bevölkerungsgruppen danach zu priorisieren, wie leicht wir sie erreichen können. Es ist immer noch eine große Herausforderung, denn im Zentrum und im Osten von Katanga kämpfen 13 von 68 Gesundheitszonen mit dem Ausbruch. Alles in allem sprechen wir von insgesamt knapp 2,5 Millionen Menschen. Die offiziellen Gesundheitsbehörden sind völlig überfordert, und nur wenige medizinische Organisationen bringen sich ein, um den Behörden im Umgang mit dieser Krise zu helfen.

Lesen Sie hier den Einsatzblog der österreichischen Apothekerin Michi Posch über ihren Einsatz im Kampf gegen Masern im Südsudan: "Jedes geimpfte Kind zählt - eine Impfkampagne gegen Masern in Yida"

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