Italien

Medizinische Hilfe für Obdachlose in Mailand

Eine sichere Umgebung ist für die erfolgreiche Genesung von PatientInnen besonders wichtig – vor allem wenn sie auf Grund einer akuten Erkrankung behandelt werden müssen oder nach einer Operation aus dem Krankenhaus entlassen werden. Doch obdachlose Menschen haben oft keine solche Rückzugsmöglichkeit, deshalb können sie sich nicht ausreichend erholen und sind besonders anfällig für Rückfälle. Ärzte ohne Grenzen bietet den Betroffenen in einer neu gegründeten Einrichtung rund um die Uhr medizinische Betreuung an.

In Italien leben die meisten obdachlosen Menschen in Mailand: Von den rund 13.000 Betroffenen müssen in der zweitgrößten Stadt des Landes geschätzte 3.500 auf der Straße schlafen. Im Jahr 2013 führte Ärzte ohne Grenzen in der Stadt eine Erhebung der medizinischen Bedürfnisse Obdachloser durch, die im Laufe der vergangenen zwei Jahre aus dem Krankenhaus entlassen worden waren; sowohl MigrantInnen als auch italienische StaatsbürgerInnen wurden miteinbezogen.

Kein Zugang zu weiterführender Betreuung

Laut dieser Untersuchung benötigten insgesamt rund 850-900 PatientInnen eine weiterführende medizinische Betreuung auf Grund verschiedener gesundheitlicher Probleme: Atemwegserkrankungen, Lungenentzündungen, Hautinfektionen aber auch chronische Erkrankungen wie Herz-, Leber- und Nierenprobleme, HIV/AIDS und Tuberkulose. All diese Krankheiten sind vor allem bei Obdachlosen sehr schwer zu stabilisieren. Daher hat Ärzte ohne Grenzen mit Anfang 2014 eine Gesundheitseinrichtung mit 20 Betten eröffnet, um die medizinischen Bedürfnisse derjenigen Menschen erfüllen zu können, die eine weiterführende Betreuung benötigen. Das Team von Ärzte ohne Grenzen bietet in Ergänzung des lokalen Gesundheitssystems 24 Stunden pro Tag medizinische Versorgung und Pflege an.

Hohes Risiko für Rückfälle oder Folgeerkrankungen

„Obdachlose Menschen sind besonders verletzlich – sie haben keine Unterkunft, leiden oft unter Mangelernährung und leben unter schwierigen Bedingungen. Wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen werden und keine Möglichkeit einer weiterführenden Therapie haben, sind sie einem besonders hohen gesundheitlichen Risiko ausgesetzt: Entweder erleiden sie Rückfälle ihrer vorhergehenden Krankheiten oder sie müssen erneut stationär aufgenommen oder sogar operiert werden“, erläutert Gianfranco De Maio, Einsatzkoordinator von Ärzte ohne Grenzen . „In unserer Gesundheitseinrichtung bieten wir diesen Menschen weiterführende medizinische Hilfe an. Während der ersten Wochen unserer Aktivitäten haben wir viele Anfragen von den Krankenhäusern in Mailand und außerhalb der Stadt erhalten, um mehr als 30 Leute zu versorgen, die sowohl eine Betreuung als auch Medikamente und Verbände benötigten.“

Familiäre Konflikte und finanzielle Probleme

Die PatientInnen von Ärzte ohne Grenzen sind fast ausschließlich Männer: Sie leiden neben großer Einsamkeit auf Grund von familiären Konflikten auch unter finanziellen Problemen, die von der derzeitigen wirtschaftlichen Krise im Land weiter verschärft werden.

Die in Brasilien geborene Patientin Maria lebt seit fast 20 Jahren in Italien – sie hat als erste Frau die neue Gesundheitseinrichtung aufgesucht. Während sie derzeit einen Drogenentzug durchmacht, wurde sie von Ärzte ohne Grenzen aufgenommen, um sich von einer größeren Operation zu erholen.

Neustart in die Zukunft

Maria blickt ihrer Zukunft mit einer neuen Entschlossenheit entgegen: „Ich habe meinen Sohn seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen und möchte meine Beziehung zu ihm wieder neu aufbauen. Deshalb werde ich in ein Rehabilitationszentrum gehen, sobald ich hier entlassen werde, um ein neues Kapitel meines Lebens zu beginnen. Es wird schmerzhaft werden, diesen Ort und die familiäre Atmosphäre zu verlassen – ich denke, dass dieses Projekt Menschen wie mir, die auf der Straße leben und keine andere Unterstützung bekommen, wirklich helfen kann.“

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