Kenia

Sexueller Missbrauch in Kenia: Das Leben nach der Gewalt

Jeden Monat behandeln die Teams von Ärzte ohne Grenzen rund 200 neue Opfer sexueller Gewalt in den Mathare-Slums im Osten von Nairobi. Ein bisher einzigartiges Programm wurde entwickelt, um sowohl die Verletzungen der Opfer zu behandeln als auch ihnen bei der Aufarbeitung ihrer Traumata zu helfen.

„Die Opfer, die zu uns kommen, sind in jedem Alter – von nur wenigen Monaten bis zu über 80 Jahren“, erklärt Ginny Ponsford, ein Arzt in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Mathare. „Vergangenen April kamen zwei Schwestern zu uns, 7 und 9 Jahre alt. Die Ältere war von einem Nachbarn vergewaltigt worden. Ihre Mutter ist Alleinerzieherin und arbeitet, um ihre Töchter ernähren zu können – daher konnte sie die beiden nicht in die Klinik begleiten. Wir sind daher sehr besorgt, was der Jüngeren zustoßen könnte. Doch das ist nur ein Beispiel der furchtbaren Situation, in der sich viele der BewohnerInnen von Mathare befinden. Es ist auch für uns, das medizinische Personal, sehr schwierig, wenn so junge PatientInnen ohne Eltern zu uns kommen.“

„Lavendel-Klinik“ bietet rund um die Uhr Hilfe

Jeden Monat werden in der sowohl namentlich als auch farblich als „Lavendel-Klinik“ bekannten Einrichtung mehr als 200 neue Opfer sexueller Gewalt behandelt. Der Großteil von ihnen sind Frauen und Kinder, und die Zahl wächst weiter an. Die Klinik wurde 2008 in Mathare in einem Gebiet namens „Eastlands“ eröffnet. In diesem Slum im Osten von Nairobi leben rund 200.000 Menschen unter extrem prekären sozialen und hygienischen Bedingungen.

„Damit wir in Notfällen rasch Hilfe leisten können, ist unser Rettungsfahrzeug rund um die Uhr verfügbar, um Opfer so schnell wie möglich nach einem Übergriff zu holen“, erklärt Corinne Torre, unsere Programmkoordinatorin. „Eine Krankenschwester und eine SozialarbeiterIn kümmern sich gemeinsam um das Opfer und nehmen eine erste Aussage über den Vorfall auf. Nach der Ankunft in der Klinik dokumentiert die PatientIn gemeinsam mit einer SozialhelferIn, was genau vorgefallen ist. Als nächstes wird das Opfer von einer ÄrztIn untersucht und behandelt – es erhält unter anderem eine Prophylaxe, um das Risiko einer Übertragung von HIV/Aids und anderen ansteckenden Krankheiten zu verringern. Das Opfer erhält danach ein Dokument mit einem medizinischen Zertifikat, das alle Verletzungen und Wunden auflistet und ihr damit ermöglicht, Anzeige zu erstatten. Doch das ist erst der Anfang des langen Kampfes all dieser Opfer.“

Zahl der Opfer steigt monatlich

Es hat etwas Zeit gebraucht, bis sich das Programm in einem solch großen Umfeld mit mehr als 2 Millionen EinwohnerInnen und einer extremen Bandbreite an kulturellen Einflüssen etablieren konnte. Viel Arbeit auf den Straßen und Diskussionen mit Communities, lokalen Behörden und medizinischen Strukturen waren notwendig, um Skepsis abzubauen und die Menschen davon zu überzeugen, Opfern sexueller Gewalt die Klinik von  Ärzte ohne Grenzen  zu empfehlen. Seit dem Jahr 2011 ist die Klinik rund um die Uhr geöffnet, um den Bedarf decken zu können. Seitdem ist die Zahl der neuen PatientInnen monatlich gestiegen. Im ersten Quartal 2014 haben die medizinischen Teams mehr als 650 PatientInnen behandelt. Die intensivsten Zeiten sind nachts und am Wochenende – denn die Gewalt wird durch Drogenmissbrauch und den Konsum von lokal hergestelltem Alkohol noch verstärkt. Glücklicherweise besteht eine gute Zusammenarbeit zwischen unseren Teams und lokalen Behörden: Zum heutigen Zeitpunkt werden mehr als die Hälfte aller PatientInnen direkt von Polizeistationen an die Klinik verwiesen.

Aufklärungsarbeit und Gewaltprävention

Nach einem Übergriff brauchen Opfer auch soziale Unterstützung, eine sichere Unterkunft, Kleidung und Nahrung.  Ärzte ohne Grenzen  organisiert daher temporäre Unterkünfte und arbeitet mit einem lokalen Netzwerk zusammen, um den Schutz der Opfer zu stärken. Doch trotz dieser kurzen Atempause bleibt den Opfern oft auf Grund ihrer Armut nichts anderes übrig, als wieder in ihre ursprüngliche Nachbarschaft zurückzukehren, wo sie angegriffen wurden. Deshalb wurde eine Aufklärungskampagne gestartet, um mit Gemeinschaften in einen Austausch zu treten, ihnen die Schwere dieser Gewalttaten und das Leiden der Opfer bewusst zu machen, neue Opfer und ihre Angehörigen zu überzeugen, ihre Stimme zu erheben sowie den Zugang zu medizinischer Versorgung zu verbessern und gewaltpräventive Maßnahmen umzusetzen.

Derzeit arbeitet  Ärzte ohne Grenzen  daran, einen zweiten Krankenwagen mit einem zweiten dauerhaften Team einzusetzen, um den wachsenden Bedürfnissen begegnen zu können – sowohl in Anbetracht der zunehmenden Fälle als auch der regionalen Verbreitung – und so den gesamten Osten von Nairobi und damit eine Bevölkerung von rund 2 Millionen EinwohnerInnen versorgen zu können. Diese Maßnahme würde es Opfern ersparen, mehrere Stunden auf Hilfe warten zu müssen und damit der Gefahr ausgesetzt zu sein, ein weiteres Mal angegriffen zu werden. Weiters ist die Entwicklung eines Trainings- und Aufklärungsprogramms für die Teams des Gesundheitsministeriums in Planung, damit diese ebenfalls Opfer sexueller Gewalt betreuen können.

Eine Patientin erzählt

„Ich bin 31 Jahre alt. An jenem Morgen wachte ich auf und begann meinen Tag wie üblich. Doch an diesem Tag wurde ich von drei Männern vergewaltigt. Ich hatte Schmerzen als ob ich eine Verletzung an meinem Herzen hätte. Ich wollte es niemandem erzählen, da ich Angst hatte, dass man mich auslachen würde. Doch dann nahm ich all meinen Mut zusammen und erzählte es einer Freundin – sie riet mir, in die Klinik von Ärzte ohne Grenzen zu gehen. Dort bekam ich Medikamente und wurde beraten, das hat mir sehr geholfen. Jetzt fühle ich mich wieder wie ein Mensch.“

Im März 2014 behandelten unsere Teams in der 2008 eröffneten „Lavendel-Klinik“ überdies 128 Fälle mit Traumatisierungen und Verletzungen. Die Klinik ist die einzige medizinische Einrichtung, die rund um die Uhr kostenlose medizinische Versorgung in den Slums von Mathare anbietet.

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