Ruanda

Fallstudien von Ärzte ohne Grenzen beleuchten humanitäres Dilemma während des Völkermordes in Ruanda

Wien, 2. April 2014 – 20 Jahre nach dem Genozid in Ruanda veröffentlicht Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) im Rahmen des Projekts „Speaking Out“ erstmals Fallstudien, die sich ausführlich mit den damaligen Ereignissen und den internen Diskussionen der Organisation beschäftigen. Die erste Fallstudie „Genocide of Rwandan Tutsi 1994“ – veröffentlicht auf der Website speakingout.msf.org – schildert die Reaktion von Ärzte ohne Grenzen auf die systematische Auslöschung der Tutsi in Ruanda zwischen April und Juli 1994. Schätzungen zufolge starben innerhalb von 100 Tagen 800.000 Menschen. Die langsame Reaktion des UN-Sicherheitsrates, das Massaker als „Genozid“ zu bezeichnen, führte zu einer 10-wöchigen Verzögerung der Intervention, die dem Morden ein Ende setzen sollte.

„Diese Fallstudie thematisiert die Dilemmata, die Hindernisse und die internen Fragestellungen, mit denen die Teams im Feld und in den Einsatzzentralen in einem der schwierigsten Momente in der Geschichte der medizinisch-humanitären Arbeit von Ärzte ohne Grenzen konfrontiert waren“, erklärt Dr. Joanne Liu, die internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen . „Die Studie zeigt die Bemühungen der Organisation auf, angemessen mit der Situation umzugehen, indem sie öffentlich darauf reagierte.“

„Ärzte können keinen Völkermord stoppen"

Ärzte ohne Grenzen hat mehrmals öffentliche Statements abgegeben, um die internationale Staatengemeinschaft dazu zu bewegen, der Auslöschung der Tutsi ein Ende zu setzen und die „Hilfe“ nicht mehr als Alibi für die eigene Tatenlosigkeit zu verwenden. Am 17. Juni 1994 rief Ärzte ohne Grenzen zu einer militärischen Intervention auf und erklärte: „Ärzte können keinen Völkermord stoppen."

Die Fallstudien beinhalten interne Berichte aus dem Feld, Zeitungsartikel, Zeugenaussagen von Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen , die damals auf Einsatz waren, sowie Filmmaterial von Ärzte ohne Grenzen und Medien. Sie beleuchten die Dynamik, die Dilemmata und Meinungsverschiedenheiten in Zusammenhang mit der Reaktion von Ärzte ohne Grenzen auf die Krise in Ruanda. Die schwierigsten Fragen, die sich damals stellten: Ist es für Ärzte ohne Grenzen als humanitäre Organisation akzeptabel, angesichts eines Genozids zu schweigen? Ist es akzeptabel, zu einer militärischen Intervention aufzurufen, um Leben zu retten? Zu einem Akt, der zum Verlust von Menschenleben führt?

1994-1997: Humanitäre Folgen des Völkermordes

In Kürze werden drei weitere Fallstudien veröffentlicht, die den Zeitraum von 1994 bis 1997 und die humanitären Auswirkungen des Völkermordes untersuchen. Sie dokumentieren die Katastrophe, die sich in den Flüchtlingslagern im damaligen Zaire und Tansania entfaltete – als mehr als eine Million Menschen unter der strengen Kontrolle von „Flüchtlingsanführern“ standen, die auch für den Genozid verantwortlich waren. Thematisiert werden auch die Übergriffe des neuen ruandischen Regimes während und nach dem Völkermord sowie die Jagd auf ruandische Flüchtlinge durch Rebellen in Zaire, die von Ruandas Armee unterstützt wurden. „Die Fallstudien zu Ruanda untersuchen die Dynamik innerhalb der Organisation und die operationellen Herausforderungen angesichts des Genozids. Sie erinnern uns aber auch an all die menschlichen Verluste und an hunderte ruandische Kollegen, die wir verloren haben“, sagt Liu.

Download:  Genocide of Rwandan Tutsi 1994  [PDF] 

Die Fallstudien wurden im Rahmen des Projekts „Speaking Out“ veröffentlicht, das erstmals einen Einblick in die Entscheidungen von Ärzte ohne Grenzen während der größten humanitären Krisen der vergangenen 40 Jahre gibt : speakingout.msf.org

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