IAC 2010: Jüngste Forschungsergebnisse aus den Projekten von Ärzte ohne Grenzen belegen bemerkenswerte Vorteile neuer Therapieansätze

Wien, 22. Juli 2010. Forschungsergebnisse aus dem Feld, die heute von Ärzte ohne Grenzen/Médecins sans Frontières (MSF) auf der internationalen Aids Konferenz in Wien präsentiert wurden, liefern einen weiteren Beweis dafür, dass ein früher Therapiebeginn und verbesserte Medikamente der ersten Behandlungslinie die Sterblichkeitsraten signifikant senken und die Therapietreue für Patienten in entlegenen Regionen vereinfachen. Der Patient steht auf dieser Konferenz nicht mehr im Mittelpunkt, wo Botschaften überwiegen, die in Zeiten der Wirtschaftskrise zu mehr finanzieller Effizienz in der Behandlung aufrufen.

In einer zweijährigen Studie mit 1.128 Patienten aus dem ländlichen Lesotho, wo die Regierung die neuen Richtlinien der WHO übernommen hat, hatten Patienten, die früher mit der Therapie begannen (bei einem CD4-Stand von weniger als 350), ein 70 Prozent geringeres Risiko zu sterben, eine 40 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, die Therapie nicht abzubrechen, und eine über 60 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, stationär aufgenommen werden zu müssen, im Vergleich zu jenen Patienten, bei denen erst mit der Therapie begonnen wurde, als ihre Krankheit bereits weiter fortgeschritten war (CD4-Stand unter 200).

„Die Menschen zu behandeln, bevor sie sehr krank sind, ist besser für die Patienten, für die Gemeinschaft  und belastest auch das Gesundheitssystem weniger“ erklärt Dr. Helen Bygrave, HIV-Ärztin von Ärzte ohne Grenzen in Lesotho. „In all diesen Diskussionen um Effizienz geht der Patient verloren.“

Ärzte ohne Grenzen hat auch Ergebnisse von seinen Projekten in Mosambik präsentiert, wo antiretrovirale Medikamente innerhalb der Gemeinschaft über selbst organisierte Gruppen von Betroffenen verteilt wurden. Dieser vereinfachte Ansatz zeigt, dass Patienten in entlegenen und ressourcenarmen Regionen gesund und therapietreu bleiben können und nur eingeschränkt von Gesundheitsstrukturen abhängen. Dies sind ähnliche Resultate wie in klinik-basierten Programmen.

Die Ausweitung von Therapien ist aber durch unzureichende finanzielle Ressourcen und steigende Medikamentenpreise bedroht. Die Kosten für die von der WHO empfohlenen Medikamente der ersten Behandlungslinie und die zunehmend benötigten Medikamente der zweiten Linie gehen nur langsam zurück, und der Patentschutz limitiert den Generika-Wettbewerb bei neueren Medikamenten.

Eine weitere Studie aus Lesotho zeigt auf, dass die neue von der WHO empfohlene Kombination erster Linie mit Tenofovir nicht zur zu einem besseren Gesundheitszustand führt, sondern dass die Therapie damit bei einer weiteren 30-prozentigen Reduktion des Medikamentenpreises unter Berücksichtigung von Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität gleich teuer ist wie bei der alten toxischeren Linie (mit Stavudine).

„Die Pharmafirmen wurden puncto ihrer Preispolitik auf dieser Konferenz nicht gefordert, und der Vorsitzende einer großen Stiftung hat sogar erklärt, dass die Medikamentenpreise bereits tief genug seien und nach Effizienz anderswo gesucht werden muss“ erklärt Tido von Schön-Angerer. „Was wir wirklich brauchen, ist eine Effizienz, die den Patienten zugute kommt. Das heißt, die Medikamentenpreise müssen wesentlich stärker herabgesetzt, die Therapien für die Patienten vereinfacht, und es müssen mehr Ressourcen bereitgestellt werden, um einen frühen Therapiebeginn möglichst vielen Patienten zur Verfügung zu stellen.“

Fairer Beitrag Österreichs wären 180 Millionen Dollar

Laut einem heute bei der Internationalen Aids Konferenz vorgestellten Bericht läge ein fairer Beitrag von Österreich zum „Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose“ für die Periode von 2011 bis 2013 bei 180 Millionen US Dollar. Das von Vertretern und Vertreterinnen der Zivilgesellschaft aus verschiedenen Ländern veröffentlichte Ranking stellt Österreich im Kampf gegen Aids ein glattes „Nicht genügend“ aus und verweist es damit auf den letzten Platz. „Jetzt wissen wir, was ein angemessener Beitrag für Österreich wäre und wir erwarten, dass auch die Bundesregierung das zur Kenntnis nimmt und entsprechend handelt“, sagt Franz Neunteufl, Geschäftsführer der österreichischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF).

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