Afghanistan

Kämpfe in Helmand: Ärzte ohne Grenzen behandelte Dutzende Verletzte

Nach heftigen Kämpfen in der südlichen Provinz Helmand hat das Team von Ärzte ohne Grenzen im Boost-Krankenhaus in Lashkar Gah in den vergangenen Wochen Dutzende Verletzte behandelt. Obwohl die Kampfhandlungen zurückgegangen sind, schränkt der Konflikt den Zugang der Bevölkerung zur medizinischen Versorgung weiterhin massiv ein.

Während der intensivsten Kämpfe, die zwischen 21. Juni und 5. Juli im Zentrum und im Norden Helmands stattfanden, behandelte das Team von Ärzte ohne Grenzen 68 Patienten, die bei den Gefechten verletzt worden waren. Kriegsverwundete wurden zuvor hauptsächlich in einem anderen Krankenhaus in Lashkar Gah behandelt, das von der Hilfsorganisation Emergency betrieben wird. Die Einrichtung war vom Zustrom der Verwundeten jedoch derart überfordert, dass viele Patienten in das von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Boost-Krankenhaus überstellt werden mussten. Mit zunehmender Intensität der Kämpfe wurden immer mehr Patienten mit schweren, komplizierten Verletzungen in das Krankenhaus gebracht.

Bis zu fünf Operationen pro Tag

Am Höhepunkt der Kämpfe führten die Chirurgen von Ärzte ohne Grenzen bis zu fünf Operationen pro Tag durch und behandelten täglich bis zu zehn Patienten in der Notaufnahme.

„Die meisten unserer Patienten haben Schusswunden erlitten oder wurden bei Explosionen verletzt“, berichtet Marcus Bachmann, der Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Boost-Krankenhaus. „Wir mussten viele Verletzungen der Weichteile behandeln, unter den Patienten war sogar eine schwangere Frau, die von Granatsplittern verletzt worden war.“

Der Weg in das Krankenhaus war für viele Patienten aufgrund von Sprengsätzen sowie Kreuzfeuer an den Straßen nach Lashkar Gah schwierig und gefährlich. „Mein Bruder wurde durch Granatsplitter verletzt. Wir waren gerade unterwegs in das Krankenhaus, als Kämpfe ausbrachen“, berichtet ein Augenzeuge Ärzte ohne Grenzen . „Es war Nacht, und wir konnten weder vor noch zurück. Wir steckten die ganze Nacht zwischen den Fronten fest. Wir haben das Licht im Auto ausgeschaltet und gewartet. Zum Glück hat mein Bruder überlebt. Erst als die Kämpfe bei Tagesanbruch aufhörten, konnten wir das Krankenhaus erreichen.“

Zugang zur Gesundheitsversorgung massiv eingeschränkt

Durch die Zusammenstöße war es nicht nur für Verletzte schwierig, medizinische Einrichtungen aufzusuchen; auch der Zugang zur allgemeinen Gesundheitsversorgung wurde für die Bevölkerung massiv eingeschränkt. Eine Frau berichtet: „Meine Enkelin Hawa war krank. Doch wegen der Kämpfe konnten wir keinen Fahrer finden, der das Risiko eingehen wollte, uns zum Boost-Krankenhaus zu bringen. Wir mussten einen Aufpreis bezahlen, daher verkauften wir unser Schaf und borgten uns Geld aus – das dauerte allerdings ein paar Tage. Meiner Enkelin ging es immer schlechter und sie hörte auf zu essen. Ich wünschte, wir hätten es früher in das Krankenhaus geschafft.“

Die Gefahr zwingt viele Familien dazu, ihre erkrankten Angehörigen erst dann in ein Krankenhaus zu bringen, wenn sie sich bereits in akuter Lebensgefahr befinden. Marcus Bachmann: „Kinder erreichen uns oft erst in einem sehr späten Stadium ihrer Krankheit, zum Beispiel bei schwerer Mangelernährung, einer Blutvergiftung oder einem septischen Schock.“

Auch wenn die Kämpfe seit dem 5. Juli abgenommen haben und die Straßen wieder passierbar sind, fordert das immense Ausmaß der Gewalt in Helmand weiterhin einen hohen Preis von der Bevölkerung. Die Menschen müssen täglich mit Landminen, Bombardements und Kampfhandlungen leben und sind dem Risiko ausgesetzt, in Kreuzfeuer zu geraten. Laut einer kürzlich von Ärzte ohne Grenzen durchgeführten Umfrage unter den Patienten im Boost-Krankenhaus hatten vier von fünf Befragten wegen des Konflikts Schwierigkeiten, in ein Krankenhaus zu gelangen. Jeder dritte Todesfall von Patienten, die es nicht mehr rechtzeitig in ein Krankenhaus schafften, ist auf den Konflikt zurückzuführen, zeigt die Befragung.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Boost-Krankenhaus in Lashar Gah, der Hauptstadt der Provinz Helmand, seit 2009. Das Team von Ärzte ohne Grenzen arbeitet in der Geburtsstation, der Kinderabteilung, der chirurgischen Abteilung, der internen Abteilung, der Intensivstation und in der Notaufnahme. Im Jahr 2013 wurden insgesamt 66.000 Patienten in der Notaufnahme behandelt und 5.600 Operationen durchgeführt. Gemäß den Grundsätzen der Organisation – Neutralität und Unparteilichkeit – basieren die Aufnahmen ausschließlich auf medizinischen Kriterien.

Die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan werden ausschließlich aus privaten Spenden finanziert. Die Organisation akzeptiert für die Arbeit keinerlei staatlichen Mittel.

Lesen Sie im Einsatzblog die persönlichen Eindrücke des Österreichers Marcus Bachmann von seinem derzeitigen Einsatz als Projektkoordinator in Afghanistan:  "Wenn sich Patienten Betten teilen..."

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