03.05.2024
Ärztin Priscille Cupidon erzählt über die Gewalt in Haiti. Und darüber, wie sie um die Gesundheit der Patient:innen kämpft.

Die Auseinandersetzungen haben schon vor ein paar Jahren begonnen. Aber in den letzten Wochen wurden sie immer heftiger. Fast wie im Krieg. Seit bekannt ist, dass die Wahlen bis August 2025 verschoben werden, haben sich bewaffnete Gruppen gegen die Regierung zusammengeschlossen und staatliche Einrichtungen angriffen. 

Gewalt wirkt sich aus

Die Gewalt breitet sich nun wie ein Lauffeuer aus. Sie bedroht uns alle. Sie zwingt immer mehr Menschen zur Flucht: Häuser werden niedergebrannt oder geplündert. Die Stadt leert sich zunehmend. Tausende Menschen haben Zuflucht in Schulen oder Kirchen gesucht. 

Andere bleiben in kaum noch bewohnbaren Häusern. Dort sind sie täglich dem Kreuzfeuer und weiteren Plünderungen ausgesetzt. Selbst der Zugang zu Trinkwasser ist ein Problem, weil die Wassertransporter nicht mehr liefern können. 

Ich leite eine mobile Klinik und versorge mit meinem Team Menschen in besonders betroffenen Stadtteilen. Wir sehen, wie sich die Gewalt auf die Gesundheit unserer Patient:innen auswirkt: Auf Erwachsene, die mit chronischen Krankheiten wie Diabetes zu kämpfen haben, und Kinder mit Fieber und Durchfall. Extremer Stress verursacht oft psychische Traumata oder Bluthochdruck. Viele Menschen haben Hautinfektionen, weil es an Wasser für die Hygiene fehlt.

Am 19. März haben wir ein Viertel im Stadtzentrum besucht, das wir seit Ende Februar nicht erreichen konnten. Die medizinischen Bedürfnisse sind enorm, weil Gesundheitseinrichtungen kaum noch zugänglich sind.

Haiti: Brand auf der Straße
Corentin Fohlen/Divergence
Im Stadtzentrum von Port-au-Prince finden viele Kämpfe statt. Zerstörungen und Brände prägen das Stadtbild.

Für Frauen ist die Lage prekär

Die Frauen, die wir in den letzten Monaten in unseren mobilen Kliniken gesehen haben, sind oft Überlebende von sexualisierter Gewalt. Viele sprechen kaum darüber, was sie erleben mussten - teils aus Angst, teils wegen der Stigmatisierung. Wir tun alles, um Sicherheit und Unterstützung zu bieten. In unserer Klinik können die Frauen über ihre Erlebnisse sprechen und erhalten die nötige Hilfe.

Immer weniger Ärzt:innen

Haitis Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps. Seit Jahren arbeitet das Gesundheitspersonal hier in einem schwierigen Umfeld. Wie andere Berufsgruppen sind auch sie Zielscheibe von Gewalt. Viele Ärzt:innen haben das Land bereits verlassen. Diejenigen, die geblieben sind, kämpfen täglich darum, ihre Arbeit fortzusetzen. Jetzt gibt es nicht mehr viele von uns.

Die Gewalt hindert Patient:innen und Personal daran, die medizinischen Einrichtungen täglich zu erreichen. Krankenhäuser sind an den Grenzen ihrer Kapazität oder funktionieren nicht mehr. Das kann für Frauen mit Risikoschwangerschaften tödlich enden.

Haitis wichtigster Hafen und Flughafen sind nun geschlossen. Und die Dominikanische Republik hat die Beschränkungen an der Grenze zwischen den beiden Ländern verschärft. Die Unruhen der letzten Wochen könnte die Ausreise von Fachkräften, inklusive Ärzt:innen und anderem Gesundheitspersonal, beschleunigen, sobald Ausreisen wieder möglich sind.

Haiti: Stadtteil Delmas 18 in Port-au-Prince ist verwüstet
Corentin Fohlen/Divergence
Nach Kämpfen zwischen bewaffneten Gruppen und die Polizei bleiben zerstörte Straßen zurück.
Zerstörung im Stadtteil Bel Air in Port-au-Prince, Haiti
Corentin Fohlen/Divergence
Straßen sind im Stadtteil Bel Air in Port-au-Prince verwüstet.
Physiotherapie in Haiti
Réginald Louissaint Junior
Jimmy ist 32 Jahre alt, und wurde angeschossen. Er erhält physiotherapeutische Behandlung.
Operation nach Gewalt
Réginald Louissaint Junior
Unser Team verarztet einen Patienten, der am Fuss angeschossen wurde.
Notaufnahme im Krankenhaus von Cité Soleil
Corentin Fohlen/Divergence
Ein Blick in die Notaufnahme im Krankenhaus von Cité Soleil. Hier werden viele Betroffene von Gewalt behandelt.

Einen Weg finden

Diejenigen von uns, die noch in Haiti sind, tun ihr Bestes um der Bevölkerung zu helfen. Aber wir brauchen selbst Hilfe, vor allem psychologische Unterstützung, weil wir so viel Gewalt und Grausamkeit erleben. Wir wollen wieder ein Stück der Ruhe gewinnen, die wir vor einigen Jahren noch hatten. Wir wollen uns nicht einsperren müssen, wenn wir nach der Arbeit nach Hause kommen. Wir wollen unser Leben leben. Das ist ein Recht, das wir verloren haben. 

Wir hoffen gemeinsam einen Weg zurück in ein friedliches Leben zu finden.