„Der Taifun war ein Desaster, aber dieses Krankenhaus ist ein Segen“

23.12.2013
Der 10-jährige Junge Ayron Sanchez war das erste Kind, das im aufblasbaren Operationssaal des Krankenhauses operiert wurde.

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Der 10-jährige Ayron mit seinem Vater Ronilo Sanchez (c) Florian Lems/MSF
Florian Lems/MSF
Guiuan, Philippinen, 12.12.2013: Der 10-jährige Ayron mit seinem Vater Ronilo Sanchez: Ayron war das erste Kind, das im aufblasbaren Operationssaal von Ärzte ohne Grenzen operiert wurde.

Das aus Zelten bestehende Krankenhaus, das die Teams von Ärzte ohne Grenzen nach dem Taifun Haiyan in Guiuan aufgebaut haben, ist derzeit die größte medizinische Einrichtung in der zerstörten Gegend im Osten von Samar. Der 10-jährige Junge Ayron Sanchez war das erste Kind, das im aufblasbaren Operationssaal des Krankenhauses operiert wurde.

„Als Ayron noch ein kleines Kind im Alter von drei Jahren war fiel er von einer Brücke – sein Fuß wurde dabei zwischen Holzplanken eingeklemmt“, erzählt Ruby Sanchez Abendaño, Ayrons Tante. „Seitdem hat er Probleme mit seinem linken Bein.“ Ruby sitzt vor dem aufblasbaren Operationssaal mit Ayrons Vater, einem schüchternen Rikscha-Fahrer, der nervös darauf wartet, seinen Sohn nach der Operation zu sehen. Während die beiden warten, erzählt die 43-Jährige Ruby die Geschichte ihres Neffen.

Ayron drohte Amputation des linken Beins

„Wir waren immer besorgt, dass er sein Bein verlieren könnte“, erinnert sie sich. Als Ayron fünf Jahre alt war, begann sein linker Schenkel anzuschwellen. Seine Eltern reisten mit ihm nach Mindoro um einen Orthopäden zu konsultieren. „Der Arzt empfahl eine Amputation, aber Ayrons Eltern konnten sich diesen Eingriff nicht leisten, also fuhren sie wieder nach Hause“, sagt Ruby. Nach einiger Zeit entzündete sich Ayrons Bein und es bildeten sich Abszesse. Ayron konnte nicht mehr gehen, also begann sein Vater damit, ihn auf seinem Rücken zu tragen. „Das Kind musste sehr leiden. Es bekam Antibiotika, aber sein Bein wurde schlimmer und schlimmer.“

„Dann kam der Taifun und zerstörte unsere Häuser“, erzählt Ruby. Die beiden Familien, die Tür an Tür in einem kleinen Dorf an der Küste der Insel Samar wohnten, suchten Schutz in einem benachbarten Haus. Sie überlebten den Sturm unverletzt, aber er zerstörte ihre Einkommensquelle. „Der Sturm nahm uns unsere Lebensgrundlage. Wir lebten von der Verarbeitung von Kokosnüssen, aber jetzt sind die meisten Palmen zerstört. Wenn wir jetzt beginnen, neue Bäume zu pflanzen, wird es zehn Jahre dauern bis wir von ihnen ernten können.“

Chirurgischer Eingriff im aufblasbaren Operationssaal

Nachdem der Sturm abgeflaute hatte brachte die Familie Ayron nach Guiuan um sein Bein von einem Arzt von Ärzte ohne Grenzen untersuchen zu lassen. Die Organisation bietet kostenlose medizinische Versorgung in einem aus Zelten aufgebauten Spital in Guiuan an sowie in einigen ländlichen Gesundheitszentren in der Umgebung. Ayron wurde sofort stationär aufgenommen. „Die Ärztin sagte, dass er sofort eine Operation benötigte, aber keine Amputation notwendig sei“, so Ruby. „Wir erzählten der Ärztin, dass wir kein Geld hätten um die Operation zu bezahlen – aber sie erklärte uns, dass unser Geld nicht haben wolle. Wir waren so glücklich.“

Drei Wochen später wurde Ayron operiert, nachdem er therapeutische Nahrungsergänzung erhalten hatte um ihn zu kräftigen. Das medizinische Personal, das im aufblasbaren Operationssaal von Ärzte ohne Grenzen arbeitet, füllt derzeit die Lücke des zerstörten Bezirkskrankenhauses – der einzigen Gesundheitseinrichtung in dieser Gegend, die vor dem Sturm chirurgische Eingriffe anbot.

Regeneration nach der Operation

Die Operation war erfolgreich. Die philippinische Chirurgin Rowena Evangelista, die mit dem Team von Ärzte ohne Grenzen in Guiuan arbeitet, räumt Ayron gute Heilungschancen ein und geht davon aus, dass er wieder gehen wird können – doch es wird Zeit brauchen. „Er litt unter einer chronischen Form von Osteomyelitis, einer Entzündung des Oberschenkelknochens. Sie wurde wahrscheinlich durch eine virale Infektion ausgelöst als er fünf Jahre alt war, und nicht unbedingt durch seinen Sturz von der Brücke“, diagnostiziert sie. „Er wird noch mindestens sechs Wochen zur Regeneration bei uns im Krankenhaus bleiben, er wird Antibiotika nehmen müssen und wir werden ihm weiterhin therapeutische Nahrungsergänzung geben damit er stark bleibt. Zu guter Letzt wird Ayron wieder lernen müssen, zu gehen.“ Das wird nicht einfach werden: „Er wird spezielle Schuhe benötigen da sein linkes Bein einige Zentimeter länger ist als sein rechter.“

Ayron und seine Familie sind auf diese Herausforderung vorbereitet, sagt seine Tante. „Wir dachten, dass er sein Bein verlieren würde, aber jetzt wurde es gerettet. Der Taifun war ein Desaster, aber dieses Krankenhaus ist ein Segen.“

Taifun Haiyan hinterlässt Lücken im lokalen Gesundheitssystem

„Vor dem Sturm waren fünf Gemeinden bzw. 110.000 Menschen von diesem Krankenhaus abhängig. Es hatte einen sehr guten Ruf, und einige Teile wurden erst vor Kurzem erneuert“, erklärt Anne Khoudiacoff, Koordinatorin der medizinischen Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen in Guiuan. „Das nächste Krankenhaus für Überweisungen ist in Tacloban, das eine dreistündige Fahrt entfernt liegt und ebenfalls zerstört wurde. Daher haben wir uns dazu entschlossen, ein temporäres Krankenhaus in Guiuan aufzubauen. Wir haben mit nur wenigen Betten begonnen – mittlerweile haben wir 60 Betten und bis zu 100 Aufnahmen pro Woche. Während der ersten Woche führten wir sechs Kaiserschnitte und Operationen für weitere sieben PatientInnen durch.“

Ärzte ohne Grenzen bietet derzeit medizinische und humanitäre Hilfe in den fünf am schwersten betroffenen Gebieten auf insgesamt drei Inseln der Philippinen an. Die Teams unterstützen die Krankenhäuser in Tacloban und Burauen auf der Insel Leyte, Balasan auf der Insel Panay und Guiuan auf der Insel Samar. Ziel ist, die reguläre medizinische Versorgung so rasch wie möglich wieder aufzubauen. Die Unterstützung beinhaltet den Wiederaufbau zerstörter Gebäude, die Versorgung mit medizinischer Ausrüstung sowie Medikamenten und Personal und der Aufbau eines Ambulanzdienstes.