Eindrücke aus Port-au-Prince (Teil 3)

20.01.2010
Isabelle Jeanson von Ärzte ohne Grenzen beschreibt ihre Erlebnisse vom 20.01.2010. Sie beschreib wie ein nächtliches Erdbeben sie aus dem Schlaf reißt.

Themengebiet:

Mittwoch, 20. Jänner, Port-au-Prince

Ich bekam heute morgen den Schreck meines Lebens. Ich hatte gehofft, heute zehn Minuten länger schlafen zu können, weil ich in der vergangenen Woche nachts immer fünf Stunden gearbeitet habe und an meine Grenzen komme. Aber damit hatte ich kein Glück. Ich merkte, wie plötzlich mein Schlafsack auf dem Schlafzimmerfußboden vor und zurück flog. Ich dachte einen Moment, dass ich vielleicht ein wenig benommen sei, weil ich so müde bin. Aber dieser Gedanke dauerte nur kurz, weil das Rütteln stärker wurde.

Ich sprang auf, kroch im fahlen Morgenlicht in meinem Schlafanzug zur Tür und rannte die Treppe runter zur verschlossenen Tür. Ich hatte keinen Schlüssel, aber glücklicherweise sprang mein Kollege bei, öffnete sie und wir beide kamen raus.

Ich zitterte und brach fast in Tränen aus – meinem Kollegen ging es genauso. Er hatte das Erdbeben in der letzten Woche überlebt, und er hatte trotzdem den Mut, zurück ins Haus zu rennen, um unsere anderen beiden Kollegen rauszuholen. Mein Herz raste. Ich habe begriffen, was es bedeutet, verletzbar zu sein und dieser überwältigenden Kraft ausgeliefert.

Das war der heutige Beginn des Tages.

Am Nachmittag habe ich ein paar Stunden in unserem Feldkrankenhaus in Carrefour verbracht. Dort befinden sich dicke graue Plastikvorhänge am Eingang. Sie sind mitten in der Stadt zwischen zwei Bäumen über die Straße gespannt. Durch sie kommt man in den Teil, in dem die Verletzungen der Patienten eingeschätzt werden; es gibt einen Verbandsraum und einen Raum zur stationären Behandlung.

Es tut sehr weh, so viele verletzte Kinder und Erwachsene zu sehen. Einige schreien vor Schmerzen, während ihr Verband von einer Krankenschwester gewechselt wird. Sie haben schwere Verbrennungen, infizierte Wunden, gebrochene Arme, tiefe Kopfwunden und Wundbrand  ....

In den Hof des Krankenhauses kommt man durch eine schmale Tür in einem Gatter. Das ist die Chirurgiestation, die aus einer Reihe von Betten besteht, die unter zwei blauen Planen stehen. Dann gibt es noch einen Baum. Auf der einen Seite befinden sich schwangere Frauen, die gebären oder einen Kaiserschnitt benötigen. Auf der anderen Seite sind drei Betten für Menschen mit schweren Verletzungen, denen teilweise Gliedmaßen amputiert werden müssen.

Unsere Teams führen Operationen zurzeit vor allem deswegen draußen durch, weil die Mitarbeiter zu traumatisert sind, um im Inneren des Krankenhauses zu arbeiten. Trotz dieser Bedingungen führte das Team, in den fünf Stunden, in denen ich dort war, mindestens drei Amputationen durch. Zwei davon bei kleinen Kindern. Sie entfernten abgestorbenes Gewebe am Oberschenkel einer Frau und machten einen Kaiserschnitt.

Unser Team ist müde. Sie haben über viele viele Stunden in der Hitze gearbeitet, unter sehr herausfordernden Bedingungen: Es ist viel Stress, die Menschen drängen sich, und es ist laut. Glücklicherweise haben wir ein ganz neues geräumiges Schulgebäude gefunden, das vom Erdbeben unbeeinträchtigt geblieben ist. Es ist in der gleichen Straße wie unser Krankenhaus. Wir hoffen, in den nächsten Tagen in diese neuen Räumlichkeiten umzuziehen.

Das einzige Licht in all diesem körperlichen und emotionalen Leid ist die Geburt gesunder Babys. Acht gesunde Kleine kamen heute unter unserer blauen Zeltplane zur Welt. Wir brauchen sie alle, um dem Leben und der Hoffung in diesem geschundenen Land neuen Atem einzuhauchen.