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Geschichte einer humanitären Bewegung
Im Jahr 1971 gründete eine Gruppe junger Ärzte in Paris die Organisation Médecins Sans Frontières (MSF), auf Deutsch Ärzte ohne Grenzen. Die Mediziner waren zuvor mit negativen Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg in Biafra und dem von einer Flutkatastrophe betroffenen Bangladesch zurückgekehrt. Frustriert von den begrenzten Möglichkeiten zu helfen, entschlossen sie sich zu handeln.
Ihre Vision: eine Organisation zu schaffen, die sich erstmals auf medizinische Nothilfe spezialisiert und über nationale Grenzen hinweg Hilfe leistet. Kompetenz, Unabhängigkeit und Schnelligkeit sollten dabei wichtige Kriterien sein.
Die wichtigsten Stationen der Geschichte von Ärzte ohne Grenzen seit der Gründung
1971 - 1979
1971
Am 20. Dezember 1971 schließen sich zwei unabhängige Ärztegruppen und Journalisten zusammen und gründen in Paris Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen. Zu den Ärzten gehören sowohl die Biafra-Pioniere um Bernard Kouchner als auch jene, die anlässlich der schweren Überschwemmungen in Ostpakistan, dem heutigen Bangladesch, medizinische Nothilfe geleistet haben.
1972
Erster Nothilfeeinsatz nach einem verheerenden Erdbeben in Nicaragua. Ärzte ohne Grenzen bereitet daraufhin das erste Projekt vor: zehn Tonnen Medikamente und drei Ärzte.
1974
Nach einem Orkan in Honduras beginnt das erste längerfristige Projekt von Ärzte ohne Grenzen.
1976
- Einer größeren Öffentlichkeit wird Ärzte ohne Grenzen vor allem durch den Einsatz von mehr als 50 Ärzten und Krankenschwestern bekannt, die in einem von christlichen Milizen eingeschlossenen schiitischen Viertel Beiruts im Libanon arbeiten. Während ihres siebenmonatigen Einsatzes behandeln sie mehr als 5.000 Verletzte.
- In Thailand beginnt das erste große Hilfsprogramm für Flüchtlinge aus Vietnam und Kambodscha.
1978
Die Flüchtlingszahlen steigen weltweit dramatisch an. Der sich verschärfende Ost-West-Konflikt findet Ausdruck in den Stellvertreterkriegen der sogenannten Dritten Welt, wo riesige Flüchtlingslager entstehen. Ärzte ohne Grenzen beginnt mehrere Projekte in der Westsahara, in Djibouti, Sudan und dem ehemaligen Zaire (der heutigen Demokratischen Republik Kongo).
1979
- Spaltung von Ärzte ohne Grenzen: Bernard Kouchner und seine Mitstreiter verlassen die Organisation und gründen Médecins du Monde (MDM).
- Ärzte ohne Grenzen entsendet 100 Ärzte und Krankenschwestern in die thailändischen Flüchtlingslager an der Grenze zu Kambodscha.
1980 - 1989
1980
- Zum ersten Mal nimmt Ärzte ohne Grenzen öffentlich die Funktion des Sprachrohrs für Völker in Not wahr und organisiert den auch intern sehr umstrittenen "Marsch für das Überleben Kambodschas". Diese Demonstration wird von Persönlichkeiten wie Joan Baez, Liv Ullmann, Elie Wiesel u.a. unterstützt. Ärzte ohne Grenzen protestiert damals gegen die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes durch die vietnamesischen Besatzer sowie gegen das Verbot, den Kambodschanern im Landesinneren humanitäre Hilfe zukommen zu lassen. Zwar gelingt es der Organisation zu jener Zeit, internationales Aufsehen zu erregen, doch die medizinischen Teams können nicht nach Kambodscha einreisen. Erst 1989 kann Ärzte ohne Grenzen Mitarbeiter nach Kambodscha entsenden.
- Erste Projekte in Afghanistan, im iranischen Kurdistan und in Honduras. In Somalia versorgen Mitarbeiter der Organisation die Kriegsflüchtlinge des Ogaden-Kriegs in Somalia.
- Die belgische Sektion von Ärzte ohne Grenzen wird gegründet. In den folgenden Jahren eröffnet die Organisation weitere Büros innerhalb und außerhalb Europas.
1981
- Ärzte ohne Grenzen beginnt, eine effiziente Logistik aufzubauen, die die Versorgung mit Hilfsgütern und deren Transport sowie die Funkkommunikation auf eine professionelle Basis stellt. Fortan können sich die Ärzte auf ihre eigentlichen medizinischen Aufgaben konzentrieren, für die die Logistiker die Voraussetzungen schaffen.
- In der Türkei werden ein Arzt und eine Krankenschwester von Ärzte ohne Grenzen acht Monate lang in einem Gefängnis festgehalten.
- Afghanistan: Bereits einige Monate nach der sowjetischen Invasion überqueren heimlich Ärzte und Krankenschwestern die Grenze, um nach tage- und wochenlangen Ritten die Bergregionen der Mudschaheddin zu erreichen. Diese Helfer sind für einige Zeit die einzige Unterstützung für die zivile Bevölkerung, die in den von den Rebellen gehaltenen Gebieten lebt. Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sind es in den folgenden Jahren auch, die die internationale Öffentlichkeit darüber informieren, dass die sowjetische Armee gezielt Krankenhäuser und andere zivile Einrichtung bombardiert. Sie helfen auch, Journalisten ins Land zu bringen, um eine unabhängige Berichterstattung zu ermöglichen.
1982
- Trockenheit, Bürgerkrieg und Flüchtlingsbewegungen im Tschad: Ärzte ohne Grenzen alarmiert die Öffentlichkeit.
1984
- Hungersnot in Äthiopien. Ärzte ohne Grenzen startet ein umfangreiches Ernährungsprogramm.
1985
- Nachdem die französische Sektion von Ärzte ohne Grenzen die Unterschlagung der humanitären Hilfe sowie die Zwangsumsiedlung der Bevölkerung durch das Mengistu-Regime in Äthiopien öffentlich kritisiert hat, wird diese Sektion des Landes verwiesen. Doch der durch die internationale Aufmerksamkeit erfolgte Druck bewirkt, dass die wichtigsten Geberländer ihre Gelder sperren wollen, wenn die Zwangsumsiedlungen nicht gestoppt werden. Anfang 1986 gibt das Mengistu-Regime nach.
1986
- Nach einem Erdbeben in El Salvador setzen Teams von Ärzte ohne Grenzen die zerstörte Trinkwasserversorgung wieder instand.
1988
- Ärzte ohne Grenzen startet eine große Kampagne, um auf den drohenden Hungertod der Dinka im Südsudan aufmerksam zu machen.
- Irak: Ärzte ohne Grenzen bezeugt öffentlich, dass die Truppen Saddam Husseins die irakischen Kurden mit Giftgas angegriffen haben. 5.000 Menschen sterben.
- Armenien: Nothilfeeinsatz nach dem großen Erdbeben.
1989
- Ärzte ohne Grenzen entwickelt zum ersten Mal Projekte für osteuropäische Länder, wie z.B. Armenien und Rumänien.
- Im Südsudan wird ein Flugzeug der "Piloten ohne Grenzen" von einer Rakete abgeschossen, vier Menschen sterben, darunter auch zwei Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation verlässt daraufhin den Südsudan.
1990 - 1994
1990
- Erste Projekte im vom Bürgerkrieg geschüttelten Liberia.
- Ein Logistiker von Ärzte ohne Grenzen wird in Afghanistan ermordet, woraufhin die Organisation die Aktivitäten im Land unterbricht.
1991
- Bürgerkrieg in Somalia: Anfang Januar schickt Ärzte ohne Grenzen erste Teams und medizinisch-chirurgisches Material sowie logistische Güter.
- Kurdenkrise im Nahen Osten: Ärzte ohne Grenzen ist in allen Ländern aktiv, die in die Krise verwickelt sind: Syrien, Türkei, Iran, Jordanien, Irak. Im Frühjahr leistet Ärzte ohne Grenzen den bis dahin größten Einsatz: Die aus dem Nordirak geflohenen Kurden werden in der Türkei und im Iran betreut: 57 Flugzeuge bringen 2.000 Tonnen Hilfsmaterial und 150 Mitarbeiter vor Ort.
- Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien: Bei der Evakuierung der Verletzten aus einem Krankenhaus im belagerten Vukovar (Kroatien) werden zwei Krankenschwestern von Ärzte ohne Grenzen bei einem Anschlag schwer verletzt. Die 150 Kranken, die Ärzte ohne Grenzen nicht evakuieren kann, werden später von den serbischen Truppen ermordet.
1992
- Wiederaufnahme der Projekte im Südsudan und in Afghanistan.
- Immer mehr Menschen sterben in Somalia aufgrund des Bürgerkrieges und der Hungersnot. Ärzte ohne Grenzen verstärkt die Aktivitäten vor Ort und alarmiert die internationale Öffentlichkeit über die Lage im Land.
- Im Herbst kritisiert Ärzte ohne Grenzen die sogenannten ethnischen Säuberungen in Bosnien und die durch serbische Truppen verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
1993
- Irakisches Kurdistan: Die Nichtregierungsorganisationen werden zur Zielscheibe. Nach der Ermordung eines Mitarbeiters von Handicap International stoppt Ärzte ohne Grenzen sämtliche Aktivitäten.
- Nach dem Staatsstreich in Burundi und der Ermordung des ersten demokratisch gewählten Präsidenten setzt sich eine Flüchtlingswelle in Bewegung. Ärzte ohne Grenzen leistet medizinische Nothilfe für 600.000 burundische Flüchtlinge in Ruanda, Tansania und Burundi selbst. Innerhalb weniger Wochen befinden sich 180 internationale Mitarbeiter im Krisengebiet im Einsatz.
- Ärzte ohne Grenzen wird für seinen Einsatz für Flüchtlinge auf der ganzen Welt mit der Nansen-Medaille ausgezeichnet, die durch ein Komitee unter dem Präsidium des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) vergeben wird.
- Ärzte ohne Grenzen prangert die Vorgehensweise der Vereinten Nationen in Somalia öffentlich an, da genau jene humanitären Prinzipien verletzt werden, die der Intervention in Somalia zugrunde liegen. So wird beispielsweise das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen durch amerikanische Truppen bombardiert.
- Ärzte ohne Grenzen entsendet chirurgische Teams nach Srebrenica, Gorazde, Tuzla und Sarajewo.
1994
- Bosnien: In der von den Serben unter Beschuss genommenen Enklave Gorazde ist Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) die einzige neutrale Informationsquelle über die humanitäre Situation in der Stadt.
- Das Attentat vom 6. April auf ein Flugzeug des Präsidenten Ruandas führt innerhalb weniger Wochen zu einem Völkermord an bis zu einer Million Tutsi und oppositionellen Hutu. Zum ersten Mal ruft Ärzte ohne Grenzen zu einer militärischen Intervention auf, um dem Völkermord Einhalt zu gebieten, denn "ein Genozid kann nicht mit einer Handvoll Ärzte gestoppt werden".
- Massenflucht nach Goma: Aus Angst vor Repressalien der siegreichen Rebellentruppen flieht die ruandische Bevölkerung ins benachbarte Zaire. Als die Cholera ausbricht, läuft eine der größten Hilfsaktionen von Ärzte ohne Grenzen mit zeitweise 400 internationalen Mitarbeitern und Tausenden nationalen Helfern an. Einige Monate später verlässt Ärzte ohne Grenzen unter Protest die Lager, da sie von den ehemaligen ruandischen Machthabern und Milizen, den Tätern des Völkermords, kontrolliert werden: Flüchtlinge, die nach Ruanda zurückkehren wollen, werden gewaltsam daran gehindert, unter Druck gesetzt oder getötet, Hilfslieferungen abgezweigt und Helfer bedroht.
- Am 11. Dezember 1994 beschließt Boris Jelzin nach dreijähriger Blockade, russische Truppen in die autonome Republik Tschetschenien zu entsenden. Drei Monate später besteht die tschetschenische Hauptstadt nur noch aus Ruinen. Tausende tschetschenische Zivilisten, Widerstandskämpfer, aber auch russische Soldaten werden durch Bomben, Granaten und Heckenschützen getötet. Mehr als 420.000 Tschetschenen ergreifen die Flucht und suchen vor allem in den Nachbarländern Inguschetien und Dagestan Zuflucht. Ärzte ohne Grenzen entwickelt Hilfsprogramme für Grosny und den Süden des Landes sowie für die Nachbarländer.
1995 - 1999
1995
- Ärzte ohne Grenzen ist die einzige private Hilfsorganisation, die nach den schweren Überschwemmungen in Nordkorea tätig werden kann. 143 von 200 Distrikten der Region sind betroffen, Hunderte von Häuser sind zerstört, Lebensmittel werden knapp, Krankheiten breiten sich aus. Zum ersten Mal in der Geschichte hat Nordkorea selbst um internationale Hilfe gebeten.
- Nach mehr als zwei Jahren Tätigkeit in Ruanda wird die französische Sektion von Ärzte ohne Grenzen zusammen mit 37 weiteren humanitären Organisationen des Landes verwiesen. Zuvor hatte Ärzte ohne Grenzen öffentlich das durch ruandische Truppen verursachte Blutbad im Vertriebenenlager Kibeho sowie die unhaltbaren Zustände in den ruandischen Gefängnissen kritisiert.
- Bosnien: Im Juli fällt die UN-Sicherheitszone Srebrenica in die Hände der bosnischen Serben. Zwischen 5.000 - 8.000 Zivilisten werden ermordet, Zehntausende werden aus Srebrenica deportiert. Ärzte ohne Grenzen ist die einzige Organisation, die bis zum Fall der Enklave in Srebrenica tätig ist.
- Der Bürgerkrieg in Sierra Leone erreicht einen neuen, gewalttätigen Höhepunkt. Zivilisten werden systematisch ermordet oder grausam verstümmelt. Ärzte ohne Grenzen entsendet chirurgische Teams und alarmiert die Weltöffentlichkeit.
1996
- In einer großangelegten Gelbfieber-Impfkampagne in Liberia werden in drei Wochen mehr als eine Million Menschen geimpft. Im April müssen alle Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen kurzfristig aufgrund der erneuten brutalen Auseinandersetzungen in Monrovia das Land verlassen. Bereits einige Tage später kann jedoch ein dringend benötigtes chirurgisches Team entsandt werden. Im September eröffnet Ärzte ohne Grenzen ein Ernährungsprogramm in Tubmanburg, da die Bevölkerung dort unter schwerer Unternährung leidet.
- China: Ärzte ohne Grenzen hilft den Erdbebenopfern der Provinz Yunnan und entsendet nach den heftigen Regenfällen und sich daran anschließenden Überschwemmungen medizinische Teams in die betroffenen Regionen ins Landesinnere.
- Trotz der Machtübernahme der Taliban-Milizen in Afghanistan kann Ärzte ohne Grenzen die Projekte im Süden, Westen und Norden des Landes sowie in Kabul fortsetzen.
- Ärzte ohne Grenzen entsendet rund 20 internationale Mitarbeiter sowie mehrere Tonnen medizinisches Material in den Iran, um rund 50.000 kurdische Flüchtlinge zu versorgen, die sich entlang der iranischen Grenze in Flüchtlingslagern gesammelt haben.
1997
- In Afghanistan kämpft Ärzte ohne Grenzen erfolgreich darum, den Ausschluss von Frauen von medizinischer Versorgung in Kabul aufzuheben. Der Zugang zu Krankenhäusern bleibt für Frauen jedoch schwierig.
- Im April nimmt Ärzte ohne Grenzen die Arbeit in dem von der Außenwelt weitgehend abgeschnittenen Nordkorea auf. In drei Provinzen verteilen die Teams Medikamente an Gesundheitszentren und Krankenhäusern und bauen Ernährungszentren auf.
- Nachdem die Flüchtlingslager im ehemaligen Zaire Ende 1996 von Rebellenführer Laurent Kabila aufgelöst werden, flüchten Hunderttausende ins Landesinnere. Ärzte ohne Grenzen setzt sich nachdrücklich dafür ein, dass die ruandischen Flüchtlinge Zugang zu humanitärer Hilfe erhalten.
1998
- Im Februar und Mai ereignen sich schwere Erdbeben im Nordosten Afghanistans. Ärzte ohne Grenzen ist eine der ersten Organisationen vor Ort und leistet medizinische Nothilfe.
- Im Südsudan startet Ärzte ohne Grenzen ein Nothilfeprogramm für die Opfer der Hungerkatastrophe in der Region Bahr el Gazal. Bis zum Ende des Jahres werden in 18 Ernährungszentren mehr als 12.000 schwer unterernährte Kinder versorgt.
- Die Situation für die Zivilbevölkerung im Kosovo verschlechtert sich zunehmend: Die Menschen werden aus ihren Dörfern verjagt, Häuser werden verbrannt und geplündert. Ärzte ohne Grenzen versucht, die Menschen mit mobilen Kliniken zu erreichen.
- Im Oktober stellt Ärzte ohne Grenzen die Projekte in Nordkorea ein, obwohl dringend medizinische Hilfe und Lebensmittel benötigt werden. Die Regierung Nordkoreas weigert sich, die akute Not der Bevölkerung anzuerkennen und behindert massiv die humanitäre Hilfe.
- Am letzten Oktoberwochenende fegt ein Hurrikan mit gewaltiger Kraft über Zentralamerika hinweg: Honduras, Nicaragua und Guatemala werden besonders stark zerstört. Tausende verlieren ihr Leben. Ärzte ohne Grenzen verstärkt die Hilfsprogramme, die bereits in der Region laufen und bringt rund 100 Tonnen Medikamente und medizinisches Material in die betroffenen Länder.
1999
- Der Grenzkrieg zwischen Äthiopien und Eritrea, der 1998 begann, flammt im Februar erneut auf. Ärzte ohne Grenzen arbeitet bereits in verschiedenen Landesteilen Äthiopiens und wird auch in der umkämpften Grenzregion aktiv. Erste Kontakte zu den eritreischen Autoritäten werden geknüpft.
- Ende 1998 erreicht der Bürgerkrieg in Sierra Leone einen blutigen Höhepunkt, in dessen Folge sich die Teams von Ärzte ohne Grenzen kurzfristig zurückziehen müssen. Im Februar kehren fünf Ärzte in die Hauptstadt zurück, später werden die Projekte landesweit wieder aufgenommen.
- Während des Kosovo-Krieges müssen sich die Teams von Ärzte ohne Grenzen aus Sicherheitsgründen zurückziehen, werden aber in den Nachbarländern Mazedonien, Albanien und Montenegro aktiv. Dort versorgen sie Hunderttausende Flüchtlinge. Ärzte ohne Grenzen plädiert wiederholt für eine strikte Trennung von militärischen und humanitären Aktivitäten, um die Unabhängigkeit der Hilfe sicherzustellen. Nach dem Ende des Krieges werden in verschiedenen Regionen Kosovos Projekte gestartet, um die rückkehrende Bevölkerung zu versorgen.
- Im August erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7,4 auf der Richterskala die Türkei. Bis zu 40.000 Menschen kommen ums Leben. Ärzte ohne Grenzen entsendet vier Teams in die Erdbebenregion, darunter auch Nierenspezialisten, die das sogenannte Crush-Symptom behandeln. Es tritt bei Erdbebenopfern besonders oft auf.
- Im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen um die Unabhängigkeit in Ost-Timor wird Ärzte ohne Grenzen Anfang September des Landes verwiesen. Zeitgleich mit der Ausweisung beginnen die Vorbereitungen zur Rückkehr. Zwei Wochen später gelingt es einem ersten Team, Zugang zu den Bürgerkriegsopfern zu erhalten. Nach und nach werden verschiedene Projekte in Ost-Timor gestartet.
- Im Oktober gibt das Nobelkomitee in Oslo bekannt, dass der Friedensnobelpreis 1999 an Ärzte ohne Grenzen verliehen werden soll. Am 10. Dezember wird der Preis übergeben.
2000 - 2002
2000
- Im südlichen Afrika werden zu Jahresbeginn infolge von heftigen Regenfällen und Wirbelstürmen ganze Landstriche überschwemmt. Am schlimmsten trifft es Mosambik, wo die Fluten derart steigen, dass Hunderttausende obdachlos werden und Tausende nur noch per Hubschrauber von Dächern und Bäumen gerettet werden können. Ärzte ohne Grenzen schickt mehrere Teams vor Ort.
- Ärzte ohne Grenzen ruft die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf, die Stationierung einer Beobachtermission für Tschetschenien zu veranlassen. Einer Untersuchung von Ärzte ohne Grenzen zufolge sind viele Gesundheitseinrichtungen schwer beschädigt, und es besteht ein akuter Mangel an Medikamenten und medizinischem Material. Trotz des großen Bedarfs ist der Zugang für humanitäre Organisationen aus Sicherheitsgründen nur begrenzt möglich.
- Im Norden Ugandas kommt es zu einem Ebola-Ausbruch. Da es keine Behandlung für Ebola gibt, konzentrieren sich die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen darauf, die Bevölkerung über die Übertragungswege der Krankheit zu informieren sowie Infizierte aufzusuchen und zu isolieren. Darüber hinaus wird das nationale Gesundheitspersonal im Umgang mit Patienten geschult.
- Anlässlich des 25-jährigen Jahrestages der Unabhängigkeit Angolas kritisiert Ärzte ohne Grenzen, dass die Bevölkerung des Landes wieder zur Zielscheibe der Gewalt durch die Konfliktparteien wird. Die Organisation beruft sich dabei auf Zeugenberichte, die ihre Mitarbeiter in verschiedenen Provinzen gesammelt haben.
- Der Weltsicherheitsrat kündigt Ende Dezember Sanktionen gegen Afghanistan an, falls die Taliban den Terroristen Osama bin Laden nicht ausliefern. Aus Sicherheitsgründen ziehen sich daraufhin die UN-Organisationen zurück. Durch den Abzug der UN verzögert sich die Versorgung der Bevölkerung vor allem in der westlichen Provinz Herat sowie in den Nachbarprovinzen. Seit Juni 2000 sind Zehntausende vor den anhaltenden Kämpfen nach Herat geflohen, wo sie u.a. von Ärzte ohne Grenzen versorgt werden.
2001
- Im Januar und Februar ereignen sich schwere Erdbeben in El Salvador und Indien. Ärzte ohne Grenzen schickt medizinische Teams und Hilfsgüter in beide Regionen.
- Im Süden Guineas spitzt sich die Flüchtlingstragödie weiter zu. Es wird geschätzt, dass rund 400.000 Menschen vor den Bürgerkriegen in Sierra Leone und Liberia nach Guinea geflohen sind. Ärzte ohne Grenzen leistet medizinische Nothilfe, wo immer der Zugang zu den Flüchtlingen möglich ist.
- Zwei Entführungen gehen glimpflich aus. In Kolumbien wird ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen nach sechs Monaten unversehrt freigelassen, in Tschetschenien geht die Entführung eines Mitarbeiters nach einem Monat zu Ende. Beide Mitarbeiter befinden sich in guter gesundheitlicher Verfassung.
- Innerhalb von sechs Wochen unterzeichnen über 300.000 Menschen und 131 Organisationen aus 132 Ländern eine Petition von Ärzte ohne Grenzen, die die Pharmafirmen zur Rücknahme ihrer Klage gegen die südafrikanische Regierung aufruft. Aufgrund massiver weltweiter Proteste ziehen im April 39 Pharmaunternehmen ihre seit drei Jahren anhängige Klage bedingungslos zurück. Damit kann das 1997 von der südafrikanischen Regierung verabschiedete Gesetz in Kraft treten, das den Import kostengünstiger Arzneimittel und den Gebrauch von erschwinglichen Generika (Nachahmerpräparaten) erlaubt.
- Im Juli kritisiert Ärzte ohne Grenzen die Konfliktparteien in Angola scharf. Die Organisation wirft der Regierung und den UNITA-Rebellen vor, für die Vertreibung von Zehntausenden Menschen verantwortlich zu sein und gleichzeitig den Menschen in den von ihnen kontrollierten Gebieten keine Hilfe zu gewähren. Nach UN-Angaben lebt zudem etwa eine halbe Million Angolaner in Regionen, die für humanitäre Hilfe völlig unzugänglich sind.
- Ärzte ohne Grenzen versucht erneut die internationale Aufmerksamkeit auf die humanitäre Katastrophe in Afghanistan zu lenken. Doch erst die Terroranschläge in den USA und die darauf folgenden Bombenangriffe auf Afghanistan rücken das Land wieder ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Während fast alle internationalen Mitarbeiter wegen der Sicherheitslage in Afghanistan aus den Projekten evakuiert werden müssen, laufen währenddessen viele Projekte mit Hilfe der nationalen Mitarbeiter weiter.
2002
- Ärzte ohne Grenzen macht mehrfach auf die Nahrungsmittelkrise in Afghanistan aufmerksam und versorgt in neun Provinzen des Landes unterernährte Menschen in Ernährungszentren. Die Mitarbeiter unterstützen in vielen Teilen des Landes Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen und stellen mit mobilen Kliniken die medizinische Versorgung der Bevölkerung sicher.
- Obwohl UN-Truppen anwesend waren, wurde 1995 in Srebrenica ein Massenmord an bosnischen Männern begangen. Ärzte ohne Grenzen nimmt die Veröffentlichung eines Berichts des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD) zum Anlass, die internationale Gemeinschaft dazu aufzurufen, die damalige Rolle des Einsatzes der holländischen UN-Soldaten in der bosnischen Enklave Srebrenica sorgfältig zu analysieren. Nur so kann die Voraussetzung dafür geschaffen werden, dass es zukünftig nicht mehr zu einer solchen Katastrophe kommen kann und Menschen in akuten Konfliktsituationen angemessen geschützt werden.
- Nach dem Waffenstillstandsabkommen in Angola Anfang April erhält Ärzte ohne Grenzen erstmals Zugang zu Gebieten, die über mehrere Jahre von humanitärer Hilfe abgeschnitten waren. Zeugenaussagen belegen, dass die Zivilbevölkerung während der Kriegsjahre in Angola extremer Gewalt ausgesetzt war. Die Mitarbeiter berichten von Tausenden hungernden und kranken Menschen, die dringend Hilfe benötigen. Die Krankheits- und Sterblichkeitsraten sind so hoch wie nirgends sonst seit der Hungersnot im Sudan 1998. In kurzer Zeit wird der Einsatz in Angola für Ärzte ohne Grenzen zur größten Hilfsaktion weltweit.
- In einem Bericht macht die internationale Organisation Ärzte ohne Grenzen alle Konfliktparteien im Sudan für die hohe Zahl der Todesfälle unter der Zivilbevölkerung in der südwestlichen Provinz Western Upper Nile (WUN) verantwortlich. Ärzte ohne Grenzen zufolge greifen alle Kriegsfraktionen zunehmend Zivilisten und medizinische Einrichtungen an. Ärzte ohne Grenzen fordert die sudanesische Regierung, die Rebellenorganisation SPLA sowie Milizen auf, alle Angriffe auf Zivilisten, medizinisches Personal und medizinische Einrichtungen zu stoppen.
- Im August wird in Dagestan ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen entführt. Arjan Erkel war dort als Landeskoordinator für Ärzte ohne Grenzen tätig. Die Aktivitäten in Dagestan und Tschetschenien werden daraufhin ausgesetzt, in Inguschetien nimmt Ärzte ohne Grenzen die Projektarbeit nach einigen Wochen wieder auf. Ärzte ohne Grenzen fordert die unbekannten Täter auf, Arjan Erkel sofort und bedingungslos freizulassen. Der Kollege kommt schließlich im April 2004 frei.
2003 - 2004
2003
- Seit Beginn des US-geführten Kriegs gegen den Irak befindet sich ein sechsköpfiges Team von Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Die Mitarbeiter unterstützen das Personal des "Al-Kindi"-Krankenhauses. Nach dem Ende des Kriegs arbeitet Ärzte ohne Grenzen vor allem in den Vierteln eines armen Gebietes in Sadr Stadt, in dem es an jeglicher Gesundheitsversorgung fehlt.
- G8-Treffen in Evian: Ärzte ohne Grenzen fordert die Regierungen dazu auf, ihren finanziellen Zusagen für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria nachzukommen. Allein in diesem Jahr fehlen dem Fonds 1,4 Milliarden US-Dollar. Die deutsche Regierung hat bis zu diesem Zeitpunkt lediglich zwölf Millionen US-Dollar in den Fonds einbezahlt. Damit stellt Deutschland das Schlusslicht unter den G8-Staaten dar.
- Bereits im Mai kommt es im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo zu schweren Unruhen. Ärzte ohne Grenzen nimmt trotz angespannter Lage die Arbeit in der Stadt Bunia (Region Ituri) wieder auf.
- Im Sommer spitzt sich die Lage in Liberia und vor allem auch in der Hauptstadt Monrovia zu. Die Situation für die Bevölkerung in der umkämpften Stadt ist dramatisch. Nachdem das letzte öffentliche Krankenhaus evakuiert werden musste, errichtet Ärzte ohne Grenzen auf dem Gelände der Organisation provisorische Notkliniken. Aber auch außerhalb der Stadt wird gekämpft: Aus Montserrado County strömen Tausende Vertriebene nach Monrovia, wo sie Zuflucht im Samuel Doe Stadion suchen. Dort sind bereits 20.000 Vertriebene untergebracht.
- Diskriminierung, Gewalt und Zwangsarbeit haben in den Jahren 1991-1992 eine Massenflucht von mehr als 250.000 muslimischen Rohingya aus Myanmar (Birma) ausgelöst. Heute leben noch rund 19.000 Rohingya in zwei Flüchtlingslagern in Bangladesch nahe Cox Bazar. Nachdem das Gesundheitsministerium von Bangladesch und der UNHCR dort die medizinische Versorgung übernommen haben, beendet die Organisation ihre elfjährige medizinische Arbeit in den Lagern.
- Allein im Oktober 2003 kommen 600 Flüchtlinge auf der süditalienischen Insel Lampedusa an. Viele der von Libyen aus über das Meer fliehenden Menschen sterben bei der Überfahrt nach Europa. Ärzte ohne Grenzen fordert die italienische Regierung dazu auf, ihrer Verantwortung für das Schicksal dieser Menschen gerecht zu werden. Nach wie vor ist die Aufnahme der Flüchtlinge nicht organisiert, sie erhalten kaum Unterstützung und keinerlei Auskünfte über ihre Rechte.
2004
- Wenige Tage vor Jahresbeginn 2004 erschüttert im Iran ein schweres Erdbeben die Stadt Bam. Ärzte ohne Grenzen ist bereits am gleichen Tag vor Ort und schickt u.a. Dialysegeräte in das Chafa-Krankenhaus in Kerman. Nierenspezialisten helfen dort bei der Behandlung des so genannten Crush-Syndroms, das infolge einer Verschüttung entstehen kann.
- Die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und den Rebellen der "Lord´s Resistance Army" (LRA) im Norden Ugandas führen zu brutalen Angriffen auf Hunderttausende Zivilisten. Ärzte ohne Grenzen startet dort ein Nothilfeprogramm für Zehntausende Vertriebene, die vor den Gewaltakten fliehen.
- Seit Februar 2003 ist die Region Darfur im Westen des Sudans Schauplatz eines Konflikts zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen leben dort im März 2004 bereits 700.000 Vertriebene, 170.000 sind in das Nachbarland Tschad geflohen. Ärzte ohne Grenzen warnt vor der sich verschlimmernden Ernährungslage und fordert mehr internationale Hilfe für die Menschen in Darfur. Für die Organisation bleibt der Einsatz im Sudan während des Jahres 2004 einer der größten in ihrer Geschichte.
- Ärzte ohne Grenzen kündigt die Beendigung aller Projekte in Afghanistan an, nachdem am 2. Juni fünf Mitarbeiter der Organisation erschossen wurden. Sie starben, als ihr Fahrzeug in der nordwestlichen Provinz Badghis gezielt angegriffen wurde. Dieser gezielte Mordanschlag ist beispiellos in der Geschichte der Organisation, die seit über 24 Jahre in Afghanistan tätig war. Bis zur Ermordung der fünf Mitarbeiter arbeitete Ärzte ohne Grenzen mit 80 internationalen sowie 1.400 afghanischen Mitarbeitern in 13 Provinzen des Landes.
- Ärzte ohne Grenzen befragte Anfang 2004 Menschen, die als Vertriebene in Tschetschenien leben oder nach Inguschetien geflohen sind nach der Geschichte ihrer Vertreibung, nach ihren Lebensumständen sowie nach ihrem allgemeinen, psychischen und gesundheitlichen Befinden. Im August wird der Bericht mit dem Titel "The Trauma of ongoing War in Chechnya" veröffentlicht. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass sowohl bei den Vertriebenen als auch bei den Flüchtlingen Unsicherheit und unterdurchschnittlich schlechte Lebensbedingungen vorherrschen.
2005 - 2006
2005
- Wenige Tage vor Jahresbeginn 2005 erschüttert am 26. Dezember 2004 ein schweres Seebeben Südasien. Die ersten Teams von Ärzte ohne Grenzen erreichen die betroffenen Gebiete innerhalb von 24-48 Stunden nach der Katastrophe. Sie bringen Hilfsgüter, helfen bei der Wasser- und Sanitärversorgung und leisten medizinische sowie psychosoziale Hilfe. Im Laufe des Jahres konzentrieren sich die Aktivitäten vor allem auf die Provinz Aceh in Indonesien sowie auf Indien. Das Nothilfeprogramm in Sri Lanka wird im April 2005 geschlossen, und in Thailand entwickelt sich aus der Hilfe nach dem Tsunami ein Projekt zur Unterstützung der Wanderarbeiter aus Myanmar.
- Ärzte ohne Grenzen verstärkt die Hilfsprogramme in Niger, um auf die Ernährungskrise zu reagieren, von der insbesondere Kinder stark betroffen sind. Die Anzahl unterernährter Kinder in den Programmen der Organisation steigt im Vergleich zum Vorjahr drastisch an. Die internationalen Maßnahmen reichen auch im Laufe des Jahres nicht aus, um der Lage angemessen zu begegnen. Die Teams behandeln rund 60.000 schwer unterernährte Kinder und verteilen Nahrungsmittel an Familien von unterernährten Kindern.
- Ärzte ohne Grenzen wirft der Führung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor, sich nicht genug für eine Verbesserung des Zugangs zu erschwinglichen Medikamenten in ärmeren Ländern einzusetzen. Im Juni 2005 unterstützt die Organisation einen Appell, in dem die Entwicklung neuer Medikamente, Diagnosetests und Impfungen gegen Krankheiten gefordert werden, die vor allem ärmere Länder betreffen. Die Unterzeichner fordern die politische Führungsriege auf, Prioritäten für die Forschung zu setzen und finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Forschung und Entwicklung sollen auch dadurch gefördert werden, dass Barrieren durch beispielsweise geltendes Patentrecht reduziert werden.
- Angesichts zunehmender Gewalt in Haitis Hauptstadt Port au Prince fordert Ärzte ohne Grenzen alle bewaffneten Gruppen auf, die Sicherheit der Zivilbevölkerung zu respektieren und Verwundeten sofortigen Zugang zu medizinischer Versorgung zu gewähren. In dem Operations- und Behandlungszentrum, das Ärzte ohne Grenzen seit Dezember 2004 in Port au Prince betreibt, haben die Mediziner, darunter auch Chirurgen, über 3.100 Patienten versorgt.
- Ärzte ohne Grenzen ist alarmiert über das Ausmaß an Gewalt, unter dem afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa in Marokko leiden. Die Organisation betreut Einwanderer aus dem subsaharischen Afrika in Marokko. Medizinische Daten und Zeugenaussagen belegen, dass etwa ein Viertel der ärztlichen Behandlungen durch direkte oder indirekte Gewaltanwendung nötig wurden. Im Oktober 2005 stößt ein Team von Ärzte ohne Grenzen in der Wüste im Süden Marokkos auf 500 Einwanderern aus dem subsaharischen Afrika und leistet medizinische Hilfe. Die Menschen berichten, die marokkanische Polizei habe sie in die Wüstengegend 600 Kilometer südlich von Oujda gebracht, nachdem sie von der spanischen Polizei abgeschoben worden waren.
- Ärzte ohne Grenzen leistet nach dem schweren Erdbeben am 8. Oktober 2005 in Kaschmir sowohl im pakistanischen als auch im indischen Teil Hilfe, zudem in der pakistanischen Nord-West-Provinz. Die Teams konzentrieren sich vor allem auf die Hilfe für die Überlebenden in abgelegenen Bergdörfern. Als Hilfe für den Winter verteilen die Teams Zelte, Decken und Kits mit Baumaterialien - darunter Bleche, Plastikplanen und Werkzeuge. Zudem leisten sie medizinische und psychosoziale Hilfe.
2006
- Obwohl der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo offiziell beendet ist, hat sich die Situation der Bevölkerung in einigen Landesteilen nicht verbessert. Die Programme in der D.R. Kongo gehören zu den größten der Organisation. Im März arbeiten allein in Katanga mehr als 50 internationale und fast 1.000 nationale Mitarbeiter.
- Zehntausende Menschen sind von der schlimmsten Choleraepidemie in der Geschichte Angolas betroffen. Die Organisation wird bis Juni 2006 26.000 Menschen versorgen und rund 400 Tonnen medizinische und logistische Hilfsgüter vor Ort bringen.
- Auf das Erdbeben auf Java am 26. Mai 2006 reagieren lokale Nothilfeteams schnell, kümmern sich um die Schwerstverletzten und führen innerhalb der ersten Tage nach der Katastrophe rund 5.000 chirurgische Behandlungen durch. Dennoch sind die Krankenhäuser durch die immense Zahl von Patienten völlig überfordert. Daher leistet Ärzte ohne Grenzen medizinische Hilfe.
- Am 12. Juli 2006 beginnen schwere Kämpfe zwischen der Hisbollah und Israel, in deren Verlauf es zu großen Zerstörungen im Libanon kommt: Rund eine Millionen Libanesen werden zu Vertriebenen im eigenen Land. Viele von ihnen haben auf ihrer Flucht kaum Zugang zu medizinischer Versorgung und Trinkwasser. Während der einmonatigen Kampfhandlungen können durch Ärzte ohne Grenzen insgesamt mehr als 60.000 Vertriebene mit Hilfsgütern versorgt werden.
- Wachsende Sicherheitsprobleme bei zurückgehender internationaler Hilfe verschärfen die schwierige Lage der Bevölkerung in der sudanesischen Krisenregion Darfur. Nach drei Jahren des Konfliktes, in dem Millionen von Vertriebenen täglich mit Gewalt und Krankheiten zu kämpfen haben, gestaltet sich der Zugang zu den Menschen schwieriger als je zuvor. Mehr als 2.000 internationale und sudanesische Mitarbeiter arbeiten in den drei Provinzen der Region. Mit einem geplanten Volumen von fast 20 Millionen Euro für 2006 gehören die Projekte in Darfur zu den wichtigsten der medizinischen Hilfsorganisation weltweit.
- In der zweiten Novemberhälfte kommt es im Grenzgebiet zwischen Somalia und Kenia nach heftigen Regenfällen zu schweren Überflutungen. So sind z.B. die Stadt Dadaab und ihre Umgebung betroffen, und dort vor allem Lager, in denen bis zu 140.000 Flüchtlinge aus Somalia untergebracht sind. Von Dadaab aus sind für Ärzte ohne Grenzen Helikopter im Einsatz, um Hilfsgüter zu verteilen.
2007 - 2008
2007
- Im März 2007 ruft Ärzte ohne Grenzen andere Akteure auf, mehr für die Vertriebenen im Osten des Tschad zu tun. In der Regionalhauptstadt Goz Beida sind zwar einige Hilfsorganisationen präsent, in vielen ländlichen Regionen ist Ärzte ohne Grenzen aber die einzige Hilfsorganisation und kann den enormen Hilfsbedarf allein kaum bewältigen. Trotz angespannter Sicherheitslage bleiben die Teams dort, weil die humanitären Bedürfnisse riesig sind. Ärzte ohne Grenzen versorgt 60.000 Vertriebene mit medizinischer Hilfe, Trinkwasser und Hilfsgütern.
- Nachdem Zehntausende Menschen vor der erneuten Gewaltwelle in Mogadischu flüchten mussten, weist Ärzte ohne Grenzen äußerst besorgt auf die humanitäre Lage in Somalia hin. Die instabile Sicherheitslage rund um Mogadischu behindert dringend benötigte Hilfeleistungen. In Mogadischu hatten in den vergangenen Wochen viele durch den gewaltsamen Konflikt Vertriebene Zuflucht gesucht. Nach den jüngsten Kämpfen versuchen die Menschen, in andere Landesteile zu flüchten - so etwa in die Lower Shabelle-, Hiiran-, Galgaduud- und Bay-Region. Doch dort fehlen Gesundheitseinrichtungen und Unterkünfte.
- Am 11. Juni 2007 wird im Nordwesten der Zentralafrikanischen Republik ein Auto von Ärzte ohne Grenzen beschossen. Bei dem tragischen Zwischenfall kommt die französische Mitarbeiterin Elsa Serfass ums Leben, die als Logistikerin für die Organisation arbeitet. Ärzte ohne Grenzen verurteilt den Mord, für den die Rebellengruppe "Volksarmee zur Wiederherstellung der Republik und der Demokratie" (APRD) öffentlich die Verantwortung übernimmt. Die Teams stellen vorübergehend sämtliche mobile Aktivitäten in diesem umkämpften Teil des Landes ein, in dem Gewalt und Repressionen gegen Zivilisten sowie Geiselnahmen, Drohungen und Einschüchterungen gegen humanitäre Helfer zum Alltag gehören.
- Im August überreicht Ärzte ohne Grenzen dem Schweizer Pharmakonzern Novartis eine Petition mit 420.000 Unterschriften gegen den Versuch des Konzerns, das Patentgesetz in Indien zu verschärfen. Kurz zuvor war eine Patentrechtsklage des Konzerns vom Gerichtshof in Chennai (Indien) zurückgewiesen worden. Ein Entscheid zugunsten von Novartis hätte die Produktion kostengünstiger Generika in Indien und damit die Versorgung von Patienten in ärmeren Ländern drastisch eingeschränkt. Im Juni 2007 hatte Ärzte ohne Grenzen auch anlässlich des G8-Treffens in Deutschland mit Aktionen auf das Zugangsproblem zu bezahlbaren Medikamenten aufmerksam gemacht.
- Im Herbst 2007 startet Ärzte ohne Grenzen eine Ernährungskampagne, mit der die Organisation einen Strategiewechsel im Kampf gegen Mangelernährung bei Kindern fordert. Um die Zahl der fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren zu reduzieren, die jährlich an Mangelernährung sterben, muss mehr therapeutische Fertignahrung eingesetzt werden. Bislang konzentriert sich die Hilfe vor allem darauf, den Hunger zu stillen und nicht darauf, die Folgen von Mangelernährung zu behandeln. Ärzte ohne Grenzen ruft die Geberländer und die Vereinten Nationen dazu auf, sich für die schnellere Einführung therapeutischer Fertignahrung einzusetzen und deren Gebrauch auszuweiten.
- Ende des Jahres weist Ärzte ohne Grenzen auf die alarmierende Situation im Osten der Demokratischen Republik Kongo hin. In der Konfliktregion Nordkivu leiden die Menschen an Cholera und Mangelernährung. Die immer schwereren Kämpfe in der Provinz führen zu immer neuen Vertreibungen. Die humanitäre Situation verschlechtert sich, Tausende Menschen bleiben ohne Hilfe. An den Orten, an denen Teams von Ärzte ohne Grenzen in den Bezirken Masisi und Rutshuru arbeiten, sind sie häufig die einzigen internationalen Helfer.
2008
- Im Januar werden zwei Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen, die im Dezember des Vorjahres in der somalischen Region Puntland entführt wurden, wieder freigelassen. Doch im Februar muss Ärzte ohne Grenzen alle internationalen Mitarbeiter aus Somalia abziehen: Bei einem Anschlag in der Stadt Kismayo werden drei Mitarbeiter der Organisation getötet. Bei dem Angriff scheint es sich um einen organisierten Anschlag zu handeln. Vor dem Rückzug der internationalen Kollegen arbeiteten rund 90 internationale und mehr als 800 nationale Mitarbeiter in Somalia. Später kehren an einige Orte, in denen die Sicherheitsbedingungen tragbar erschienen, internationale Mitarbeiter zurück. Doch das Projekt in Kismayo wird im April geschlossen.
- In Darfur/Sudan zwingen im Februar Luftangriffe und Überfälle Tausende zur Flucht in den Tschad - Ärzte ohne Grenzen fordert Zugang zur zurückbleibenden Zivilbevölkerung. Auch im Mai versorgt Ärzte ohne Grenzen nach heftigen Kämpfen in der sudanesischen Stadt Abyei aus der Stadt Geflüchtete. In Abyei und Umgebung lebten vor dem Gewaltausbruch rund 130.000 Menschen.
- Im Mai verwüstet ein verheerenden Zyklon Myanmar (Birma). Ärzte ohne Grenzen beginnt innerhalb von 48 Stunden nach Nargis mit der Hilfe für die Überlebenden. Insgesamt erreichten die Teams mehr als 550.000 Menschen. Rund 750 Mitarbeiter arbeiten im Nothilfeeinsatz, ein Großteil von ihnen nationale Kräfte. Die Teams führen mehr als 87.400 medizinische Konsultationen durch, untersuchen fast 36.300 Menschen auf Mangelernährung und betreuen knapp 21.600 Menschen psychologisch. Sie verteilen Nahrungsmittel, mehr als 145.000 Plastikplanen zum Bau provisorischer Unterkünfte sowie andere Hilfsgüter wie Moskitonetze, Decken und Hygiene-Sets. Außerdem reparierten sie 670 Brunnen und knapp 570 andere Wasserquellen.
- Die humanitären Krise in Somalia bleibt während des ganzen Jahres ein Thema. Ärzte ohne Grenzen macht immer wieder darauf aufmerksam, dass die Menschen dort dringend lebensrettende medizinische Hilfe brauchen. Allein im Mai behandeln Teams von Ärzte ohne Grenzen in Hawa Abdi und Afgooye, zwei Außenbezirken von Mogadischu, mehr als 2.500 akut mangelernährte Kinder. Bereits im April hatte sich die Zahl der Aufnahmen in die Ernährungsprogramme der Organisation gegenüber dem Vormonat verdoppelt. Im Mai stieg die Zahl noch einmal um 100 Prozent. Die Rate der Mangelernährten liegt in Somalia seit einem Jahr über den Grenzwerten für eine Ernährungskrise. Doch die externe Hilfe nimmt wegen der großen Unsicherheit im Land und vermehrter Angriffe auf humanitäre Helfer ab.
- Im Juni ruft Ärzte ohne Grenzen zu einem besseren Schutz und mehr Hilfe für die in der Konfliktregion Mount Elgon in Kenia lebenden Menschen auf. Die Bevölkerung in der Region erleidet nun fast zwei Jahre lang willkürliche Gewalt durch einen Konflikt um Landverteilung. Seit August 2006 sind die Menschen am Mount Elgon zwischen der Gewalt der Milizen der Sabaot Land Defence Force (SLDF) und der kenianischen Ordnungsbehörden gefangen. Zehntausende mussten bereits ihr Zuhause verlassen. Viele von ihnen haben Grausamkeiten und Verluste erlebt.
- Im September werden 29 Leichen an der Küste Jemens angeschwemmt. Sie waren Opfer einer gefährlichen Überfahrt über den Golf von Aden geworden. Den Angaben von Überlebenden zufolge stammen sie vom Horn von Afrika und waren auf der Flucht vor Konflikten und extremer Armut in der Region. Auf der Reise sollen bis zu zehn weitere Menschen gestorben sein. Ärzte ohne Grenzen bietet seit September 2007 medizinische und humanitäre Hilfe für Flüchtlinge an der Südküste Jemens an. Die Organisation hat dort im Jahr 2008 für mehr als 3.800 Menschen Hilfe geleistet, allein 580 im September.
2009
2009
- Bei heftigen Kämpfen im Zuge der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen werden Ende 2008/Anfang 2009 Hunderte Menschen getötet und über 5.000 verletzt. Während zunächst nur wenige internationale Einsatzkräfte nach Gaza einreisen können, versorgen lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen während der Kampfhandlungen Bedürftige in ihren Wohnvierteln. Ein chirurgisches Team trifft am 17. Jänner in Gaza ein und operiert in einem schnell errichteten, aufblasbaren Krankenhaus.
- Anfang März verlangen die sudanesischen Behörden die sofortige Ausweisung zweier Sektionen von Ärzte ohne Grenzen. Ärzte ohne Grenzen ist entsetzt über diesen Beschluss. Humanitäre Hilfe ist für die Bevölkerung vielfach lebensnotwendig. Die in Darfur verbleibenden Sektionen von Ärzte ohne Grenzen versuchen ihr Bestes, die medizinische Hilfe in den Gebieten, in denen sie arbeiten, aufrecht zu erhalten.
- Im so genannten „Meningitis-Gürtel“ im südlichen Afrika bricht in der ersten Jahreshälfte die schwerste Meningitisepidemie seit Jahren aus. Ärzte ohne Grenzen behandelt zahlreiche Infizierte und führt die größte Impfkampagne in der Geschichte der Organisation durch und impft mehr als sieben Millionen Menschen gegen die unbehandelt häufig tödlich verlaufende Krankheit.
- Anfang Juni veröffentlicht Ärzte ohne Grenzen den Bericht „Kein Asyl, keine Beachtung: Medizinische und humanitäre Bedürfnisse von Simbabwern in Südafrika" und warnt darin, dass das Leben Tausender simbabwischer Flüchtlinge in Südafrika von Gewalt, sexuellem Missbrauch, inakzeptablen Lebensbedingungen und mangelndem Zugang zu medizinischer Hilfe bestimmt wird. Grundlage des Berichts sind die Erfahrungen von Patienten der Hilfsprogramme von Ärzte ohne Grenzen für Flüchtlinge aus Simbabwe in dem Grenzort Musina und in Johannesburg.
- In Südostasien und im Südpazifik ereignen sich im Oktober innerhalb kurzer Zeit mehrere schwere Naturkatastrophen: Ein Erdbeben der Stärke 7.6 erschüttert am 30. September die Umgebung der Stadt Padang an der Westküste der indonesischen Insel Sumatra, mehrere Tropenstürme verwüsten Teile der Philippinen und die Insel Samoa wird von einem Erdbeben mit darauf folgendem Tsunami getroffen.Hilfsteams von Ärzte ohne Grenzen leisten an zahlreichen Einsatzorten medizinische Nothilfe, verteilen Hilfsgüter und stehen Überlebenden mit psychologischen Hilfsprogrammen zur Seite.
Links
Verhältnis zwischen Bernard Kouchner und Ärzte ohne Grenzen: Eine notwenige Klärung
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