13.03.2023
Mehr als 50.000 Menschen leben unter grausamen Bedingungen und in ständiger Unsicherheit im Al-Hol-Lager im Nordosten Syriens. Der Tod zweier Kinder, die auf medizinische Notversorgung warteten, ist nur einer von vielen tragischen Geschichten, die wir aus dem Lager hören. Lesen Sie mehr:

Im Februar 2021 wurde ein siebenjähriger Junge mit Verbrennungen zweiten Grades im Gesicht und an den Armen unsere Klinik in Al-Hol gebracht. Die lebensrettende medizinische Versorgung war nur eine Autostunde entfernt, doch es dauerte zwei Tage, bis die Lagerbehörden seine Verlegung genehmigten. Der Junge starb auf dem Weg ins Krankenhaus unter bewaffneter Bewachung, getrennt von seiner Mutter.

Nur wenige Monate später, im Mai desselben Jahres, wurde ein fünfjähriger Junge von einem Lastwagen angefahren und in unsere Klinik eingeliefert. Unsere Mitarbeiter:innen drängten darauf, ihn für eine Notoperation in ein größeres Krankenhaus zu verlegen. Trotz der Dringlichkeit dauerte es Stunden, bis seine Verlegung genehmigt wurde. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus, bewusstlos und allein.

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Kinder sind hier nicht sicher

Al-Hol ist praktisch ein riesiges Freiluftgefängnis. Die Mehrheit dort sind Kinder, die dort geboren, ihrer Kindheit beraubt und zu einem Leben in Gewalt verurteilt wurden.

Martine Flokstra, unsere derzeitige Einsatzleiterin in Syrien

Im vergangenen Jahr starben 79 Kinder im Internierungslager Al-Hol in Syrien. Im Jahr 2021 waren 35 Prozent der im Lager Al-Hol verstorbenen Kinder unter 16 Jahren.

64

%

aller Bewohner:innen des Al-Hol-Camps sind Kinder.

36

%

aller 2021 im Camp Verstorbenen waren Kinder.

50

%

aller Bewohner:innen des Camps sind unter 12 Jahre alt.

Stimmen aus dem Camp

"Es gibt hier keine Sicherheit, wir fühlen uns nicht sicher. Ich habe drei Söhne und bin immer in Sorge. Wir wissen nicht, wann es zum nächsten Mord kommt. Vor drei Jahren ging einer meiner Söhne eines Nachmittags auf den Markt und kam nicht mehr zurück." 

"Al-Hol ist der gefährlichste Ort der Welt, weil es hier so viele Mordfälle gibt. Vor vier Monaten ging ich mit einem Freund bei Sonnenaufgang spazieren und wir sahen eine Decke. Darin befand sich eine Leiche."

"Jeder hier hat eine andere Geschichte, nicht jeder gehört dem IS an. Mein Mann folgte dem IS und hat meine Kinder mitgenommen. Ich war gezwungen, ihm zu folgen - meine Tochter war ja bei ihm. Was hätte ich sonst tun sollen? Ich musste meine Tochter beschützen."

"Es ist ein furchtbarer und grausamer Ort. Es ist ein großes Gefängnis. Das einzige, was wir wollen, ist nach Hause gehen zu können."

So kann es nicht bleiben

Das Lager war einst dazu gedacht, Zivilist:innen, die durch den Konflikt in Syrien und Irak vertrieben wurden, eine sichere, vorübergehende Unterkunft und humanitäre Dienstleistungen zu bieten. Die Art und der Zweck von Al-Hol haben sich jedoch längst gewandelt. Al-Hol wurde zunehmend zu einem unsicheren Freiluftgefängnis, nachdem zunehmend Menschen im Dezember 2018 aus den von der Gruppe Islamischer Staat (IS) kontrollierten Gebieten dorthin gebracht wurden.

Al-Hol Camp - Eastern Al Hasakah Governorate
Ricardo Garcia Vilanova

Man geht davon aus, dass fast 60 Länder Staatsangehörige in Al-Hol und anderen damit zusammenhängenden Gefangenenlagern in Syrien haben, darunter das Vereinigte Königreich, Australien, China, Spanien, Frankreich, die Schweiz, Tadschikistan, die Türkei, Schweden und Malaysia. Nach einigen Rückführungen und Repatriierungen beläuft sich die Gesamtzahl der Menschen in dem Lager nun auf etwa 53.000, von denen etwa 11.000 ausländische Staatsangehörige sind.

Bericht "Zwischen Gefahr und Verzweiflung in Syriens Al-Hol-Camp"

Weitere Fakten rund um das Al-Hol-Camp finden Sie in unserem Bericht (auf Englisch) hier:

"Die Mitglieder der "Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat*" sowie andere Länder, deren Staatsangehörige in Al-Hol und anderen Haftanstalten und Lagern im Nordosten Syriens festgehalten werden, haben ihre Bürger im Stich gelassen. Sie müssen Verantwortung übernehmen und alternative Lösungen für die in dem Lager festgehaltenen Menschen finden. Stattdessen haben sie die Rückführung ihrer Bürger:innen oft verzögert oder verhindert. In einigen Fällen wurde ihnen sogar die Staatsbürgerschaft entzogen, um sie damit staatenlos zu machen", sagt unsere Einsatzleiterin Flokstra.


*Die Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat wurde gebildet, um die terroristisch agierende sunnitisch-islamistische Miliz Islamischer Staat (IS) zu bekämpfen. Der Koalition gehören einige westliche und arabische Staaten sowie die Türkei an.

Bidoibidi
Frederic NOY/COSMOS

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