Gaza: Das ist kein Waffenstillstand! – Hilfsorganisationen fordern: Österreich muss aktiv werden

08.10.2026
Ärzte ohne Grenzen und Caritas appellieren an Außenministerin Meinl-Reisinger: Österreich muss Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht in Gaza entschlossen entgegentreten.

Vor einem Jahr, am 10. Oktober 2025, ist ein Waffenstillstand in Gaza in Kraft getreten. Doch die israelischen Streitkräfte greifen weiterhin fast täglich Ziele im Gazastreifen an. In den vergangenen zwölf Monaten wurden etwa 1.400 Palästinenser:innen getötet und mehr als 4.600 verletzt – darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit verschlechtert sich die humanitäre Lage. Gewalt, Vertreibung und humanitäre Blockade dauern an. Ärzte ohne Grenzen und Caritas appellieren an die österreichische Außenministerin, gegen die genozidalen Vorgehensweisen aktiv zu werden.

Mit einer Kundgebung vor dem Außenministerium wenden sich Ärzte ohne Grenzen und Caritas an die österreichische Bundesregierung und insbesondere an Außenministerin Beate Meinl-Reisinger. Zwar hat das offizielle Österreich im Rahmen der UN-Generalversammlung im September klare Worte zu den Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht in Gaza und im Westjordanland gefunden. Doch das allein reicht nicht. Österreich muss konkrete und konsequente Maßnahmen für die Wahrung der Rechte und der Würde der Menschen in den besetzten palästinensischen Gebieten setzen und schon im Vorfeld der Übernahme des UN-Sicherheitsratssitzes aktiv werden.

Große Teile des Gazastreifens sind von der israelischen Armee besetzt. Die Menschen leben dicht zusammengedrängt unter katastrophalen Bedingungen auf nur noch rund 35 Prozent der Gesamtfläche. Das Gesundheitssystem, die Wasserinfrastruktur und andere lebensnotwendige zivile Einrichtungen werden weiter zerstört..

Angriffe auf das Gesundheitswesen und Blockade von Hilfsgütern

Aktion "Gaza: Das ist kein Waffenstillstand!"
MSF / Tina Götz

Vor dem Außenministerium unterstreichen zwei Objekte die Notwendigkeit zum Handeln: Ein rostiges Krankenbett mit einem blutigen Laken steht für die Angriffe auf das Gesundheitswesen, während Hilfspakete hinter einer Schranke die andauernde Blockade lebensnotwendiger Hilfsgüter symbolisieren. Einfuhrbeschränkungen bei Motoröl und Ersatzteilen legen zudem die kritische Infrastruktur lahm, die zum Betrieb von Krankenhäusern oder Systemen der Wasserversorgung nötig ist. (Mehr Bilder)

Ärzte ohne Grenzen: Menschen systematisch von Gesundheitsversorgung abgeschnitten

„Die Menschen im Gazastreifen leben unter Bedingungen, die krank machen. Ärzte ohne Grenzen versorgt weiterhin Menschen mit Verletzungen infolge von Luftangriffen, Explosionen und Schusswaffengebrauch. Unsere Teams behandeln immer mehr Menschen mit vermeidbaren Atemwegsinfektionen, Hautkrankheiten und Durchfallerkrankungen. Die Menschen sind enormen psychischen Belastungen ausgesetzt, bei denen wir sie unterstützen. Diese Entwicklungen sind keine unvermeidbare Folge des Krieges, sie sind das Ergebnis einer Politik, die den Menschen systematisch die Versorgung abschneidet. Österreich darf dieses Vorgehen der israelischen Führung nicht länger decken. Außenministerin Meinl-Reisinger muss Konsequenzen ziehen”, so Leo Ho, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Österreich.

Caritas: Drohende Hungerkrise und Wassermangel als Folge der Blockade

„Humanitäre Hilfslieferungen werden weiterhin behindert, was zur Folge hat, dass die Menschen in Gaza unter Mangelernährung und Wasserknappheit leiden. Kinder sind am stärksten betroffen. Sie haben zu wenig zu essen und werden krank. Die meisten Kinder können nicht die Schule besuchen. Nur 40 Prozent der für 2026 erforderlichen humanitären Mittel sind eingelangt. Wir appellieren heute wiederholt und eindringlich an die nationale und internationale Politik, sich unmissverständlich für einen Waffenstillstand einzusetzen, der diesen Namen auch verdient. Wir fordern die österreichische Regierung auf, klar Position zu beziehen und eine gemeinsame, klare Haltung und Konsequenzen in der EU zu unterstützen. Dazu gehört auch, dass Österreich seinen künftigen Sitz im UN-Sicherheitsrat nutzt und sich für die konsequente Einhaltung des humanitären Völkerrechts einsetzt,“ erklärt Alexander Bodmann, Vize-Präsident der Caritas Österreich.

Besondere Rolle Österreichs als künftiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats

Die Maßnahmen der israelischen Regierung behindern die grundlegende Versorgung der Menschen. Dies hat einen tödlichen Kreislauf aus extremer Entbehrung, Leid und Tod geschaffen. Ärzte ohne Grenzen und Caritas fordern Außenministerin Meinl-Reisinger auf, alles zu unternehmen, um diese Entwicklung zu stoppen und die Verantwortlichen für Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zur Rechenschaft zu ziehen. Als künftiges nichtständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats hat Österreich hier eine besondere Verantwortung und auch entsprechendes Gewicht.


So helfen Ärzte ohne Grenzen und Caritas in den palästinensischen Gebieten

Ärzte ohne Grenzen ist in den palästinensischen Gebieten mit knapp 1.600 Mitarbeitenden im Einsatz. Die Organisation betreibt oder unterstützt medizinische Einrichtungen an 13 Standorten im Norden, Süden und Zentrum des Gazastreifens. Im Westjordanland ist Ärzte ohne Grenzen mit mobilen Teams im Einsatz und bietet unter anderem Basisgesundheitsversorgung und psychosoziale Unterstützung an. Zudem verteilt die Hilfsorganisation Trinkwasser im Gazastreifen. Im August 2026 waren es täglich etwa 2,1 Millionen Liter.

Die Caritas Österreich hilft durch die Caritas Jerusalem und CRS (Catholic Relief Services) bei den laufenden Aktivitäten in Gaza und im Westjordanland in Form von finanzieller Soforthilfe, Hilfsgütern, medizinischer Versorgung, Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln, Materialien für Unterkünfte und Winterausrüstung wie Decken, Matratzen, Zelte, Planen. Auch Hilfe durch Notunterkünfte für intern vertriebene Personen wird geleistet. Ein wichtiger Bestandteil ist auch die psychosoziale Unterstützung. Angesichts des Trinkwassermangels, von dem 91 Prozent der Haushalte im Gazastreifen betroffen sind, spielt auch die Bereitstellung von Trinkwasser eine wesentliche Rolle.

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer