Egal, wo auf der Welt sie auch im Einsatz sind - die 60.000 Mitarbeiter:innen von Ärzte ohne Grenzen orientieren sich an gemeinsamen Werten und folgen festen Prinzipien. Sie sind unumstößlich und leiten unseren weltweiten Einsatz für Menschen, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Die Charta von Ärzte ohne Grenzen

Ärzte ohne Grenzen hilft Menschen in Not, Betroffenen von natürlich verursachten oder von Menschen geschaffenen Katastrophen sowie von bewaffneten Konflikten, ohne Diskriminierung und ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, religiösen oder politischen Überzeugung.

Im Namen der universellen medizinischen Ethik und des Rechts auf humanitäre Hilfe arbeitet Ärzte ohne Grenzen neutral und unparteiisch und fordert völlige und ungehinderte Freiheit bei der Ausübung ihrer Tätigkeit.

Unsere Mitarbeiter:innen verpflichten sich, die ethischen Grundsätze ihres Berufsstandes zu respektieren und völlige Unabhängigkeit von jeglicher politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Macht zu bewahren. Als Freiwillige sind sie sich der Risiken und Gefahren ihrer Einsätze bewusst. Sie verzichten auf das Recht, für sich und ihre Angehörigen Entschädigungen zu fordern, außer denjenigen, die Ärzte ohne Grenzen zu leisten imstande ist. 

Die zehn Prinzipien von Ärzte ohne Grenzen

Die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen ist vor allem medizinischer Natur und umfasst Hilfsmaßnahmen für notleidende Menschen. In vielen Ländern ist das Gesundheitssystem nicht funktionsfähig, sei es wegen Krieg, Natur- oder von Menschen verursachten Katastrophen – oder ganz einfach wegen fehlender finanzieller oder logistischer Mittel.

Eines der Hauptziele von Ärzte ohne Grenzen ist es deshalb, sicherzustellen, dass alle Menschen Zugang zu medizinischer Grundversorgung haben. Die medizinischen Tätigkeiten umfassen aber mehr als die Grundversorgung.

Bei einer akuten Krise braucht es manchmal neben der medizinischen Arbeit weitere Hilfsmaßnahmen in Bereichen wie Wasserversorgung, Nahrungsverteilung, Bau von Not-Unterkünften oder Sanitäranlagen.

Der medizinische Tätigkeitsbereich umfasst vorwiegend die medizinische Grundversorgung, aber auch Chirurgie und die Behandlung von bestimmten Krankheiten, die gravierende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben. Dazu gehört zum Beispiel die Tuberkulose, insbesondere deren multiresistente Formen, aber auch die Durchführung von groß angelegten Impfkampagnen gegen Masern, Cholera oder Diptherie.

Dank bedeutender technischer Mittel, der großen Erfahrung und ständiger Präsenz vor Ort spielt Ärzte ohne Grenzen heute auch in Forschung und Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen für vernachlässigte Krankheiten eine wichtige Rolle.

Um auch nach der Überwindung von Krisensituationen medizinische Qualitätsarbeit zu gewährleisten, hat Ärzte ohne Grenzen sich zusätzlich in Bereichen wie der Sanierung und dem Aufbau von Gesundheitseinrichtungen, der medizinischen Ausbildung und der Gesundheitsförderung spezialisiert.

Ärzte ohne Grenzen hat seit Gründung der Organisation stets Handlungs- und Meinungsfreiheit miteinander verbunden. Dabei spielt der Begriff „témoignage“ eine zentrale Rolle. Das französische Wort heißt wörtlich übersetzt “Zeugnis ablegen”. Das bedeutet, dass wir öffentlich oder privat über die Notlage der Menschen berichten, die wir behandeln. 

Das ist vor allem durch die Arbeit unserer Mitarbeiter:innen in den Einsatzländern für Menschen in Not möglich. Ärzte ohne Grenzen sieht es als Pflicht, die Öffentlichkeit auf Krisen aufmerksam zu machen und über die Lebensumstände unserer Patient:Innen zu  berichten. 

Die Organisation möchte die Lebensbedingungen der Menschen weltweit verbessern und ist Sprachrohr für jene, denen kein Gehör geschenkt wird. Wenn unsere Teams schwere Menschenrechtsverletzungen bemerken, kann die Organisation diese Verstöße gegen internationale Abkommen öffentlich bekanntmachen und kritisieren. 

Dazu zählen die gewaltsame Umsiedlung von Bevölkerungsgruppen, die Vertreibung von Flüchtenden, Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen.

Ärzte ohne Grenzen sieht die öffentliche Stellungnahme, die seit den 1970er-Jahren ein wichtiges Instrument darstellt, als moralische Verantwortung. Daneben kann die Berichterstattung auch diskretere, aber genauso wirkungsvolle Formen annehmen – wie z.B. die Lobbyarbeit, die direkt auf politische Entscheidungsträger:innen auf höchster Ebene abzielt. 


In Ausnahmefällen können sich die Mitarbeitenden von Ärzte ohne Grenzen im Interesse der Patient:innen dazu entscheiden, die Öffentlichkeit nicht zu informieren – oder aber auch zu berichten, ohne vor Ort zu helfen. Etwa, wenn humanitäre Hilfe missbraucht und gegen die Bedürftigen eingesetzt wird.

Der Einsatz von Ärzte ohne Grenzen wird unter Achtung der medizinischen Ethik durchgeführt. Dies schließt insbesondere die Pflicht ein, durch die Behandlung niemandem zu schaden (weder einer Einzelperson noch einer Gruppe) und human, unparteiisch und unter Wahrung des Arztgeheimnisses jeder Person in Not zu helfen.

Die Berufspflicht und der medizinische Einsatz werden auch vom humanitären Völkerrecht geschützt, das vorsieht, dass niemand für die Ausübung einer medizinischen Tätigkeit unter Beachtung der Berufsregeln bestraft werden kann, egal zu wessen Gunsten und unter welchen Umständen die Hilfeleistung erbracht wurde.

Es hält auch fest, dass Personen, die medizinische Arbeit leisten, nicht gezwungen werden dürfen, gegen ihre Berufspflicht zu handeln.

Ärzte ohne Grenzen vertritt die Grundsätze der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts. Unter anderem beinhalten diese:

  • Die Pflicht, die Grundfreiheiten jedes Einzelnen zu achten, einschließlich des Rechts auf körperliche und geistige Unversehrtheit, sowie die Gedankenfreiheit und das Recht, sich frei zu bewegen, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 festgehalten wurde;
  • Das Recht der Bedürftigen auf Hilfe sowie das Recht von humanitären Organisationen, unter den folgenden Bedingungen Hilfe leisten zu können: unabhängige Ermittlung der Bedürfnisse, freier Zugang zu den betroffenen Menschen, Kontrolle über die Verteilung der Hilfe, Achtung der humanitären Immunität

Grundlage für die Unabhängigkeit von Ärzte ohne Grenzen ist die geistige Unabhängigkeit. Sie ist Vorbedingung für die Analyse- und Handlungsfreiheit, das heißt, für die unabhängige Auswahl der Einsätze, ihrer Dauer und der Mittel, um sie durchzuführen.

Diese Unabhängigkeit zeigt sich auf der Ebene der Organisation als Ganzes und bei den einzelnen Mitarbeitenden.

Ärzte ohne Grenzen verfolgt eine Politik der strikten Unabhängigkeit gegenüber jeder Institution oder Macht, sei sie politischer, religiöser, wirtschaftlicher oder anderer Natur, und lehnt es ab, von einer Regierung als außenpolitisches Instrument benutzt zu werden.

Da diese Unabhängigkeit auch für die Finanzen gelten soll, bemüht sich Ärzte ohne Grenzen, möglichst viele private Mittel zu sammeln und eine breite Streuung der institutionellen Geldgeber:innen zu erreichen. Ärzte ohne Grenzen behält sich vor, Finanzierungen abzulehnen, welche die Unabhängigkeit der Organisation gefährden könnten.

Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen sind ihrerseits zur Zurückhaltung aufgefordert und müssen durch ihre persönliche Haltung dazu beitragen, die Unabhängigkeit von Ärzte ohne Grenzen zu wahren.

Unparteilichkeit ist die Basis der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen und untrennbar mit Handlungsfreiheit verbunden. Gleichberechtigung und Verhältnismäßigkeit sind die Leitprinzipien der Unparteilichkeit:
Gleichberechtigung in Bezug auf politische Orientierung, Herkunft, Religion, Geschlecht usw.
Angemessene Hilfe, die der Dringlichkeit der Bedürfnisse entspricht. Die Menschen, die am stärksten und am unmittelbarsten in Not sind, haben für Ärzte ohne Grenzen Vorrang.

Ärzte ohne Grenzen ergreift keine Partei bei bewaffneten Konflikten und ist dem Prinzip der Neutralität verpflichtet.

Es gibt jedoch Extremfälle, insbesondere bei schweren Menschenrechtsverletzungen, in denen unsere Hilfe nutzlos ist und der Gang an die Öffentlichkeit das letzte Mittel ist, um den betroffenen Bevölkerungsgruppen zu helfen. Unter solchen Umständen verzichtet Ärzte ohne Grenzen darauf, sich an die strenge Auslegung der Neutralität zu halten und berichtet von den Ereignissen, um die öffentliche Meinung zu mobilisieren und so diesen Missständen Einhalt zu gebieten - und damit die Situation der betroffenen Menschen zu verbessern.

Ärzte ohne Grenzen verpflichtet sich, für Menschen in Not alle zur Verfügung stehenden Mittel und Ressourcen zu mobilisieren. 

Ärzte ohne Grenzen strebt die Maximierung von Qualität und Effizienz an. Die Organisation stellt deshalb sicher, dass die zur Verfügung gestellten Mittel und Fähigkeiten bestmöglich eingesetzt werden und die Hilfe stets unter ihrer direkten Kontrolle bleibt. Die Verteilung der Hilfe wird direkt überprüft und ihre Auswirkungen regelmäßig analysiert. 

Ärzte ohne Grenzen informiert sowohl die unterstützten Bevölkerungsgruppen als auch Spender:innen offen und klar über die Arbeit.

Ärzte ohne Grenzen ist eine Organisation, die sich auf Freiwilligkeit stützt. Dieser Aspekt erfordert vor allem:

  • ein individuelles Engagement für Menschen in Not. Jede Mitarbeitende muss Verantwortung übernehmen; 
  • Uneigennützigkeit, die den gemeinnützigen Charakter des Engagements der Mitarbeitenden unterstreicht.

Freiwilligkeit ist ein entscheidender Faktor im Kampf gegen falsche Kompromisse, Routine und Institutionalisierung.

Das Engagement der Mitarbeitenden für Ärzte ohne Grenzen geht über den individuellen Einsatz hinaus; es schließt auch eine aktive Beteiligung am Vereinsleben der Organisation sowie die Achtung der Charta und der Grundsätze von Ärzte ohne Grenzen ein.

Innerhalb der Strukturen von Ärzte ohne Grenzen hat jede:r Mitarbeitende ein Mitspracherecht, was den Vereinscharakter der Bewegung garantiert und ausdrückt.
Ärzte ohne Grenzen ist auch darum bemüht, ständig neue Mitarbeitende in die Organisation zu integrieren, um so eine gewisse Spontaneität, Innovation und anhaltende kritische Beurteilung der eigenen Arbeit zu gewährleisten.