Afghanistan

Gesundheitsversorgung für Afghanen oft unerreichbar

Kabul/Wien, 25. Februar 2014. Auch nach zwölf Jahren des internationalen Engagements in Afghanistan haben viele Menschen keinen Zugang zu ausreichender Gesundheitsversorgung. Das geht aus einer Befragung hunderter Patienten durch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) hervor. Die Aussagen belegen, dass Gesundheitseinrichtungen häufig nur auf dem Papier existieren, in der Praxis aber nicht angemessen funktionieren.

„Jeder fünfte befragte Patient hat uns berichtet, dass ein Familienangehöriger oder ein enger Freund im vergangenen Jahr gestorben ist, weil er nicht rechtzeitig medizinische Hilfe erhalten hat“, erklärt Christopher Stokes, Geschäftsführer der Einsatzzentrale von Ärzte ohne Grenzen in Brüssel, von wo aus die Projekte in Afghanistan koordiniert werden. „Von denen, die unsere Krankenhäuser erreicht haben, berichten 40 Prozent von Kämpfen, Minen, Checkpoints oder Bedrohungen auf dem Weg in die Klinik.“

Die meisten Befragten gaben an, dass sie die jeweils am nächsten gelegene Gesundheitseinrichtung nicht erreichen oder dort nicht angemessen behandelt werden konnten. Sie mussten deshalb weit längere Distanzen zurücklegen – was die Risiken und die Kosten vergrößerte. „Die Menschen berichteten von Kliniken ohne Medikamente, qualifiziertes Personal und Elektrizität. Viele machen Schulden, um die Behandlung bezahlen zu können“, erklärt Stokes. „Andere haben uns erzählt, dass sie gezwungen waren, nachts bei schwer kranken oder verletzten Verwandten zu wachen. In der Hoffnung, dass diese bis zum Morgen überlebten, wenn es wieder sicher genug sein würde, um sie ins Krankenhaus zu bringen.“

Der Bericht, der heute in englischer Sprache unter dem Titel „ Between Rhetoric and Reality: The Ongoing Struggle to Access Healthcare in Afghanistan “ veröffentlicht wurde, basiert auf einer Befragung von mehr als 800 Patienten in den vier Krankenhäusern, in denen Ärzte ohne Grenzen arbeitet. Die Kliniken befinden sich in den Provinzen Kabul, Kundus, Khost und Helmand. Der Bericht beschreibt, wie viele Afghanen große – und oft tödliche - Risiken eingehen müssen, um medizinische Hilfe zu erhalten. Auch wenn in den vergangenen zwölf Jahren Fortschritte bei der Gesundheitsversorgung erzielt wurden, ist die Realität weit entfernt von einer Erfolgsgeschichte: Statt dort zu helfen, wo die Hilfe am dringendsten gebraucht wird, haben die am Konflikt beteiligten Regierungen ihre Hilfe in Afghanistan in den vergangenen zwölf Jahren zu oft an politischen Strategien ausgerichtet, um so gegen Aufständische vorzugehen oder Unterstützung der Bevölkerung für den Militäreinsatz zu bekommen. Eine Folge davon ist, dass dringende Bedürfnisse, die durch den anhaltenden Konflikt entstehen, nach wie vor nicht gedeckt werden. Internationale Geber, Hilfsorganisationen und afghanische Behörden müssen die gravierenden Mängel in der Gesundheitsversorgung dringend angehen und die Sorge um das Wohlergehen der Menschen vor alle anderen Überlegungen stellen.

Die Lücken im Gesundheitssystem betreffen vor allem jene Menschen, die in umkämpften Gebieten leben. Der Konflikt und der eingeschränkte Zugang zu den betroffenen Gemeinden für Gesundheitsbehörden und für humanitäre Organisationen, einschließlich Ärzte ohne Grenzen, verhindert aber eine angemessene Reaktion darauf. Um die betroffenen Bevölkerungsgruppen zu erreichen, müssen humanitäre Organisationen ihren Zugang mit allen Konfliktparteien ausverhandeln. Gleichzeitig müssen alle Konfliktparteien noch mehr tun, um eine unparteiische medizinische Versorgung möglich zu machen.

„Das internationale Interesse an Afghanistan nimmt ab. Ärzte ohne Grenzen wird aber Zeuge davon, dass der Konflikt weiterhin in vielen Teilen des Landes wütet. Gleichzeitig werden die zunehmenden medizinischen und humanitären Bedürfnisse nicht gedeckt“, erklärt Stokes. „Während die internationale Gemeinschaft sich auf Rhetorik beschränkt, muss die afghanische Bevölkerung den harten Alltag bewältigen.“

Ärzte ohne Grenzen ist im Krankenhaus „Ahmad Sha Baba“ im Osten Kabuls und im Boost- Krankenhaus in Lashkar Gah in der Provinz Helmand tätig. Im Norden Afghanistans, in Kundus, betreibt die Organisation eine chirurgische Klinik und führt dort lebensrettende Eingriffe durch. Im östlich gelegenen Khost betreibt Ärzte ohne Grenzen eine Frauenklinik. In allen Einrichtungen ist die medizinische Behandlung kostenlos. Die Projekte von Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan werden ausschließlich aus privaten Spenden finanziert. Die Organisation nimmt dafür keine staatlichen Gelder an.

Download:  Between Rhetoric and Reality: The Ongoing Struggle to Access Healthcare in Afghanistan

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