Tuberkulose: Ärzte ohne Grenzen fordert bessere Versorgung mit Arzneimitteln

23.03.2011
Neuer Test erleichtert Behandlung medikamentenresistenter Tuberkulose
Nukus, TB hospital No. 2
All uses Not to be published within Uzbekistan.
Nukus, 06.07.2010: Nukus, TB hospital No. 2

Wien/Johannesburg, 23. März 2011 – Ein viel versprechendes neues Diagnoseverfahren ermöglicht es endlich, mehr Menschen auf medikamentenresistente Tuberkulose zu testen. Umso dringender muss nun die Versorgung der Patienten mit bezahlbaren Medikamenten sicher gestellt werden, erklärt die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF). Eine Studie der Organisation zeigt, dass hier große Probleme drohen. Die medikamentenresistente Tuberkulose ist auf dem Vormarsch, aber weniger als sieben Prozent der neu erkrankten Patienten werden behandelt. An der resistenten Tuberkulose sterben laut Weltgesundheitsorganisation jährlich 150.000 Menschen.

Ärzte ohne Grenzen wird das neue Diagnoseverfahren zum Test medikamentenresistenter Tuberkulose in diesem Jahr in 15 Ländern einführen. Das Testergebnis ist dadurch künftig nach zwei Stunden bekannt anstatt, wie bisher, nach drei Monaten. „Der neue Test ist ein großer Fortschritt im Kampf gegen die medikamentenresistente Tuberkulose“, erklärt Franz Neunteufl, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich. „Aber die Lage der Patienten ist dennoch ernst: Schon jetzt stehen nicht genügend bezahlbare Medikamente zur Verfügung. Dabei rechnen wir durch den neuen Test mit noch deutlich mehr Patienten.“

Komplizierte Behandlung

Die Behandlung resistenter Tuberkulose basiert auf alten Antibiotika, von denen viele starke Nebenwirkungen haben, die von Übelkeit bis zu Taubheit reichen. Die Behandlung ist kompliziert: Die Patienten müssen bis zu zwei Jahre lang jeden Tag bis zu 17 Tabletten schlucken. Die Heilungsaussichten sind unsicher. Trotz dieser gravierenden Nachteile gibt es bisher keine besseren Medikamente gegen resistente Formen der Tuberkulose. Eine Studie von Ärzte ohne Grenzen zeigt darüber hinaus, dass bei diesen Medikamenten dauerhafte Versorgungsprobleme drohen und zu hohe Preise notwendige Behandlungen behindern.

In der Studie von Ärzte ohne Grenzen werden alle Medikamente, die zur Behandlung resistenter Tuberkulose eingesetzt werden, auf die Anzahl der Hersteller, die Qualitätskontrolle und den Preis hin untersucht. Das ernüchternde Ergebnis: Für insgesamt vier der empfohlenen Medikamente steht nur jeweils ein qualitativ guter Hersteller zur Verfügung. Die Abhängigkeit von nur einem Hersteller birgt die Gefahr, dass bei Produktionsproblemen und Lieferschwierigkeiten die Behandlung der Patienten unterbrochen werden muss. Beispielsweise war im Jahr 2010 das Medikament Kanamycin zeitweise nicht mehr erhältlich. Außerdem stellt die Studie fest, dass viele Medikamente sehr teuer sind. Der Preis stieg in den vergangenen Jahren um bis zu 800 Prozent. Die zweijährige Behandlung der resistenten Tuberkulose kann dadurch mit etwa 6.300 Euro fast 470 Mal so viel kosten wie die 13,40 Euro zur Behandlung einer normalen, nicht-resistenten Tuberkulose.

Mehr Forschungsmittel nötig

Ärzte ohne Grenzen fordert, endlich mehr Forschungsmittel in Behandlung, Diagnose und Impfung gegen Tuberkulose zu stecken. „Jedes Leben, das wir heute retten können, zählt. Für den wirklichen Durchbruch in der Zukunft brauchen wir aber neue Werkzeuge zur Bekämpfung dieser tödlichen Krankheit“, so Neunteufl.

Ärzte ohne Grenzen und Tuberkulose

2010 hat Ärzte ohne Grenzen 30.00 Tuberkulose-Patienten in 29 Ländern sowie 1.000 Patienten behandelt, die an medikamentenresistenter Tuberkulose litten. Die Programme, in denen Ärzte ohne Grenzen medikamentenresistente Tuberkulose behandelt, reichen von Gefängnissen in Kirgisistan über Projekte in indischen Städten bis zu HIV-Projekten in Swasiland oder Südafrika. Ärzte ohne Grenzen hat Behandlungsstrategien entwickelt, die an die jeweiligen Rahmenbedingungen in den verschiedensten Ländern angepasst sind und unter bestimmten Voraussetzungen auch ambulante Behandlungsmodelle anbieten, um den Patienten einen Teil der Last abzunehmen und die Therapietreue zu fördern.

PatientInnenblogs (Englischsprachig)

2_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 06.07.2010: Ich heiße Misha Friedman und war in Nukus, um das Projekt von Ärzte ohne Grenzen zu multimedikamenten-resistenter und extrem-resistenter Tuberkulose (TB) zu fotografieren.
Fotoslideshow: Tuberkulose Usbekistan 2011
22.03.2011
03_Usbekistan 2011
22.03.2011
04_Usbekistan 2011
22.03.2011
05_Usbekistan 2011
Misha Friedman
07.07.2010: Dies ist ein neunzehnjähriger Patient, der gerade erfahren hat, dass seine multiresistente TB nicht behandelbar ist. Das heißt, dass er anderthalb Jahre Pillen genommen, aber sein Körper nicht reagiert hat.
06_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 02.07.2010: Er wird nun auf eine Station für Patienten verlegt, die nicht mehr behandelbar sind.
07_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 06.07.2010: Was es noch schlimmer und trauriger macht ist, dass seine Mutter vor nicht allzu langer Zeit auf dieser Station an TB gestorben ist.
08_Usbekistan 2011
22.03.2011
09_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 06.07.2010: Hier sehen wir einen 16-jährigen Patienten, dem es besser geht - die Medikamente schlugen an. Er kann zu Hause leben und dort seine Medikamente erhalten. Gleichzeitig besuchen ihn wöchentlich Therapeuten von Ärzte ohne Grenzen. Wegen des Stigmas, das mit TB verbunden ist, bat er uns, nicht mit dem Auto mit Logo und der Flagge von Ärzte ohne Grenzen in die Nachbarschaft zu kommen, sondern diskret zu sein und ein Taxi zu nehmen.
10_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 06.07.2010: Ich habe Patienten getroffen, die bis zu 30 Pillen am Tag nehmen mussten, jeden Morgen, zwei Jahre lang und mit vielen Nebenwirkungen.
11_Usbekistan 2011
22.03.2011
12_Usbekistan 2011
22.03.2011
13_Usbekistan 2011
22.03.2011
14_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 06.07.2010: Sie weint viel, aber sie hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Sie schreibt Gedichte und Lieder und hofft fest, wieder zu genesen.
15_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 06.07.2010: Aber ihr Zustand ist instabil.
16_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 06.07.2010: Auf dem nächsten Bild sehen wir sie an einer Tischtennisplatte, die auf ihrer Station steht. Leider ist sie zu schwach zum Spielen.
17_Usbekistan 2011
22.03.2011
18_Usbekistan 2011
Donald Weber
Nukus, 14.03.2007: Hier ist das Foto eines Patienten, das der Fotograf Donald Weber vor dreieinhalb Jahren gemacht hat. Damals war dieser Patient mit seiner Entwicklung eine Erfolgsgeschichte, sein Zustand verbesserte sich. Er war noch auf der MDR-Station, aber er machte Fortschritte.
19_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 06.07.2010: Unglücklicherweise ist er aber doch nicht gesund geworden. Er erhält eine kleine staatliche Pension, von der er Nahrungsmittel kauft.
20_Usbekistan 2011
Misha Friedman
06.07.2010: Sein Mittagessen besteht aus vier gekochten Eiern. Das ist so ziemlich alles, was er sich von seiner Pension leisten kann.
21_Usbekistan 2011
Misha Friedman
Nukus, 06.07.2010: TB ist eine Krankheit, bei der alles sehr sehr langsam geht. Es ist ein sehr schmerzhafter, schleichender Prozess.
22_Usbekistan 2011
22.03.2011
23_Usbekistan 2011
22.03.2011