Afghanistan

Afghanistan: Umwege auf dem Weg ins Unfallspital

Bibi Aisha klammert sich an ein Metallgeländer in der Frauenabteilung des Unfallspitals in Kundus. Die 18-Jährige lernt langsam, wieder zu gehen. Ihre Schwägerin Oura hält unterstützend ihren Ellbogen, die orthopädische Chirurg Javed von Ärzte ohne Grenzen beobachtet sie genau. Nach zehn zögernden Schritten ist Bibi erschöpft, und Javed bringt sie zurück zu ihrem Bett.

Vor zehn Tagen wurde Bibi im Unfallkrankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus im Norden von Afghanistan stationär aufgenommen. In ihrem Bauch waren zwei Schusswunden.

Schwere Kämpfe zwingen Menschen zur Flucht

Seit mehr als drei Wochen erschüttern schwere Kämpfe die Provinz Kundus: „Wir konnten nachts nicht schlafen und hörten, wie unsere Nachbardörfer getroffen wurden“, so Oura. Vor zehn Tagen flüchtete sie, so wie tausende andere Familien, mit neun Verwandten aus ihrem Zuhause, um in Kundus-Stadt Unterschlupf zu suchen. Sie reisten in einem Anhänger, der an einem Lastwagen befestigt war, inmitten von Säcken voller Mehl, Reis und Kleidung – und konnten sich nicht ausmalen, wann sie jemals ihr Zuhause wiedersehen würden.

Auf der Straße aus ihrem Dorf gerieten sie in einen Schusswechsel. Sie duckten sich voller Panik, doch Bibi wurde von einem Streifschuss erwischt, der knapp über der Hüfte ihren Bauch traf und auf der anderen Seite wieder austrat. Statt direkt nach Kundus zu fahren und medizinische Hilfe aufzusuchen, musste der LKW-Fahrer einen Umweg durch den benachbarten Bezirk Chardara fahren, da der direkte Weg zu gefährlich war. „Wir wussten, dass die Straße nach Kundus vermint ist“, erzählt Oura. „Also fuhren wir so schnell wie möglich nach Chardara.“

Notversorgung nach zwei Stunden

In Chardara wurde Bibi zu einem Boot gebracht, um über den Fluss nach Kundus zu gelangen. „Bibi weinte, aber sie blutete nicht mehr, also dachten wir, es wäre in Ordnung“, so Oura. In diesem Moment hebt Bibi ihre Brauen und spricht zum ersten Mal im Krankenhaus: „Es tat so furchtbar weh, ich konnte nicht einmal mehr schreien.“

Zwei Stunden nach dem Schusswechsel erreichen sie endlich das Unfallkrankenhaus in Kundus. Bibis Bauch war perforiert und sie hatte innere Blutungen. „Wir stabilisierten sie sofort und brachten sie eine Minute später in den Operationssaal“, so Troels, Chirurg von Ärzte ohne Grenzen. „Sie hatte ein großes Loch in ihrem Bauch, das wir nähen mussten. Wir reinigten auch die beiden Schusswunden und verschlossen sie.“ Nach der Anästhesie wurde Bibi in die Intensivstation verlegt, wo sie sechs Tage lang versorgt wurde, bevor sie in die Frauenabteilung überstellt werden konnte.

Bibi wird wieder gesund werden – doch der Konflikt hält an

Die junge Bibi macht gute Fortschritte: „Es stimmt mich zuversichtlich, zu sehen, dass sie wirklich versucht, zu gehen“, so Troels. „Sie kann sogar schon wieder essen; sie wird sich wieder ganz erholen.“ Oura ist erleichtert. Sie werden bald wieder nach Hause können – trotz der schweren Kämpfe, die weiterhin in ihrem Wohngebiet wüten. Nach den zehn Tagen, die sie bei Verwandten in Kundus-Stadt verbracht haben, hat die Familie bereits wieder gepackt, um in ihren Bezirk zurückzukehren. „Wir haben hier fast nichts“, so Oura. „Wir sollten lieber wieder zu unseren Hühnern zurückkehren.“

Lesen Sie hier mehr über unsere Hilfe in Afghanistan: "Ärzte ohne Grenzen versorgt Verwundete in Kundus während schwerer Kämpfe im Norden"

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