Verhaltensleitlinien & Umgang mit nicht angemessenem Verhalten

17.06.2018

Als humanitäre Organisation toleriert Ärzte ohne Grenzen keinerlei Form von Missbrauch und Diskriminierung, einschließlich Machtmissbrauch und Belästigung. Die Integrität unserer Organisation wird durch das gute Verhalten aller Mitarbeiter:innen aufrechterhalten – an jedem Ort und unter voller Achtung der Menschen, für die wir arbeiten.

Die Führung von Ärzte ohne Grenzen hat sich unmissverständlich dazu verpflichtet, Missbrauch zu bekämpfen sowie Mechanismen und Verfahren zu stärken, um Fehlverhalten vorzubeugen und dagegen vorzugehen. Dies beinhaltet die Verbesserung von Beschwerdemöglichkeiten auf allen Ebenen der Organisation sowie die Unterstützung von Betroffenen und anonymen Hinweisgebern („Whistle-blower“).

Wir erwarten von allen Mitarbeiter:innen, dass sie ihrer Rolle entsprechen, Menschen in Not zu helfen, sich an die in unserer Charta festgelegten Leitprinzipien halten und ihr Berufsethos einhalten.

Das bedeutet, dass wir kein Verhalten von Mitarbeiter:innen tolerieren, welches die Verletzlichkeit anderer ausnutzt oder ihre Position zu ihrem persönlichen Nutzen missbraucht. Wir tolerieren keinen physischen oder psychischen Missbrauch von Personen, keine sexuelle Belästigung, sexuelle Beziehungen mit Minderjährigen oder jegliches Verhalten, das die Menschenwürde nicht respektiert.

Bedauerlicherweise kann aber auch Ärzte ohne Grenzen ein Fehlverhalten Einzelner nicht ausschließen. Uns ist wichtig zu betonen, dass jeder Fall von Ausbeutung und Missbrauch ein Fall zu viel ist und in keiner Weise zu tolerieren ist. Deswegen richten wir unsere Aufmerksamkeit stark auf Bemühungen aus, unsere Präventions-, Melde- und Abfolgemechanismen zu verbessern, die im Folgenden beschrieben sind:

Unsere Beschwerdemechanismen

Bei Ärzte ohne Grenzen gibt es seit langem Verfahren, um Fehlverhalten, Belästigung oder Missbrauch aller Art vorzubeugen, zu identifizieren, zu melden und darauf entschieden zu reagieren. Durch verschiedene persönliche und anonyme Beschwerde- und Hinweismechanismen werden alle Mitarbeiter:innen ermutigt, unangemessenes Verhalten und Missbrauch zu melden – entweder über ihre Vorgesetzten oder über spezielle Berichtswege außerhalb jeglicher hierarchischer Strukturen, mit eigens dafür eingerichteten E-Mail-Adressen. Auch Opfer oder Zeug:innen aus der Bevölkerung werden gebeten, Fehlverhalten an uns zu melden.

Der erste Schritt: Bewusstsein schaffen

Seit mehreren Jahren führt Ärzte ohne Grenzen eine breit angelegte Sensibilisierungskampagne durch, um alle Mitarbeiter:innen über die Mechanismen zu informieren, die ihnen zur Meldung von Missbrauch zur Verfügung stehen. Diese Informationen werden auf verschiedenen Wegen, unter anderem in Mitarbeiter:innenleitfäden, verbreitet und auch durch Briefings, Projektbesuche und Schulungen vermittelt. In unseren Projekten organisieren wir regelmäßig spezielle Sensibilisierungsveranstaltungen. Darüber hinaus aktualisieren und verbessern wir regelmäßig elektronische Briefings und Lernmodule zum Verhalten im Projekteinsatz und zum Umgang mit Missbrauch.

In all diesen Bereichen wurden in den letzten Jahren weitere Maßnahmen ergriffen. Die verantwortlichen Teams wurden personell aufgestockt. Zudem wurden neue Instrumente zur Verbesserung des Bewusstseins, der Prävention und der Aufdeckung von inakzeptablem Verhalten entwickelt. Darüber hinaus wurde die Datenerfassung und der Austausch im gesamten internationalen Netzwerk von Ärzte ohne Grenzen optimiert. Wir gehen davon aus, dass eine stärkere öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Thema höchstwahrscheinlich auch zu einer stärkeren Sensibilisierung und Berichterstattung beigetragen hat.

Die Coronavirus-Pandemie hat dazu geführt, dass weniger Face-to-Face-Aktivitäten zur Prävention von unangemessenen Verhalten stattfinden konnten, auch die Besucherzahlen von Veranstaltungen zur Sensibilisierung diesbezüglich haben abgenommen. Ärzte ohne Grenzen setzte daher verstärkt auf virtuelles Training, was im Endeffekt dazu führte, dass mehr Personal bezüglich unangemessenem Verhalten geschult wurde, als 2019. 

Die vertrauliche Behandlung von Hinweisen

Wenn ein Fehlverhalten gemeldet wurde, haben die Sicherheit und Gesundheit der Opfer und des Hinweisgebenden für Ärzte ohne Grenzen oberste Priorität. Die Unterstützung der Betroffenen erhält unsere sofortige Aufmerksamkeit. Dies kann beispielsweise beinhalten, dass wir sie psychologisch und medizinisch versorgen und sicherstellen, dass sie rechtliche Hilfe erhalten.

Ärzte ohne Grenzen möchte sichergehen, dass derartige Situationen mit höchster Vertraulichkeit für die Betroffenen und Zeug:innen behandelt werden. Dies ist äußerst wichtig für die Betroffenen und Zeug:innen, die in eine Untersuchung von Anschuldigungen durch Ärzte ohne Grenzen einwilligen. Soweit nötig werden Untersuchungen eingeleitet, um die Fakten zu ermitteln, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, Sanktionen zu verhängen und geeignete Präventivmaßnahmen für die Zukunft zu ergreifen. Mögliche Konsequenzen für die betreffenden Mitarbeiter:innen sind unter anderem offizielle Abmahnungen und verpflichtende Schulungen oder eine vorübergehende oder endgültige Beendigung des Arbeitsverhältnisses.

Ärzte ohne Grenzen respektiert immer die Entscheidung des Opfers, eine Angelegenheit vor Gericht zu bringen oder nicht. Im Falle von sexuellem Missbrauch gegen Minderjährige besteht die Richtlinie von Ärzte ohne Grenzen darin, den Fall den Justizbehörden abhängig davon zu melden, was im besten Interesse des Kindes ist und welche rechtlichen Verfahren verfügbar sind.

Entscheidend: Barrieren zur Meldung von Vorfällen abbauen

Obwohl seit 2017 die Anzahl der Meldung von inakzeptablem Verhalten angestiegen ist, nehmen wir an, dass sie immer noch erheblich unterschätzt wird. Dies ist vermutlich auf die Herausforderungen im Zusammenhang mit der lückenhaften Dokumentation und Datenerfassung zurückzuführen. Wir hoffen jedoch, dass diese Zahlen ein Indiz dafür sind, dass ein verstärkter Fokus auf das Thema mehr Menschen ermutigt hat, sich zu melden und das Bewusstsein über die Möglichkeit zur Beschwerde durch gesetzte Maßnahmen größer geworden ist. Auch zwischen 2019 und 2020 ist die Gesamtzahl der Berichte um 22 Prozent gestiegen.

Im Jahr 2020 arbeiteten mehr als 63.000 Mitarbeiter:innen in unserem internationalen Netzwerk, rund 90 Prozent davon im Feld. Ingesamt wurden 444 Beschwerden eingereicht, 389 davon vom Feld und 55 aus den diversen Büros von Ärzte ohne Grenzen weltweit. 

Beschwerden aus den Einsätzen 

  • 389 der 444 eingereichten Beschwerden kamen aus den Einsätzen, also vom Feld (im Vergleich zu 318 im Vorjahr).
  • 150* dieser Beschwerden wurden nach einer Untersuchung entweder als Fälle von Missbrauch oder als unangemessenes Verhalten bestätigt (im Vergleich zu 156 im Jahr 2019). Dies schließt 82 Fälle ein, die als Missbrauch eingestuft wurden, verglichen mit 106 bestätigten Fällen von Missbrauch im Jahr 2019 (dies umfasst viele Formen von Missbrauch: sexueller Missbrauch, Belästigung und Ausbeutung; Machtmissbrauch; psychische Belästigung; Diskriminierung; körperliche Gewalt). Insgesamt 37 Mitarbeiter:innen wurden 2020 wegen jeglicher Form von Missbrauch gekündigt (im Vergleich zu 55 Entlassungen im Jahr 2019) Je nach Fall wurden auch andere Sanktionen verhängt, wie Suspensionen, Degradierungen oder formell schriftliche Abwarnungen. 
  • Bei den 82 Fällen von Missbrauch handelt es sich bei 55 Fällen um sexuelle Belästigung, Belästigung oder Ausbeutung (im Vergleich zu 63 im Jahr 2019). Als Folge wurden 28 Mitarbeiter:innen im Jahr 2020 gekündigt, im Vergleich zu 40 im Vorjahr.
  • Die anderen Fälle von Missbrauch waren Formen von psychischer Belästigung (14 Fälle), Machtmissbrauch (8 Fälle), körperliche Gewalt (3 Fälle) und Diskriminierung (2 Fälle) 
  • Unsere Teams haben 2020 auch 68 bestätigte Fälle von unangemessenem Verhalten registriert (im Vergleich zu 50 Fällen im Jahr 2019). Unangemessenes Verhalten umfasst: Unangemessenes Führungsverhalten ebenso wie unangemessene Beziehungen, unangemessenes Verhalten, das nicht dem gesellschaftlichen Standard entspricht oder den Zusammenhalt des Teams beeinträchtigt, sowie den Gebrauch von verbotenen Substanzen. 

Es ist ermutigend zu sehen, dass die Zahl der Beschwerden von Gruppen, die besonders unterrepräsentiert waren, weiterhin leicht gestiegen ist - auch wenn in diesem Bereich noch einiges an Arbeit zu tun ist: 

  • Die Zahl der Beschwerden des lokalen Personals stieg erneut von 144 im Jahr 2019 auf 172 im Jahr 2020. Dies ist ein Erfolg und zeigt in die richtige Richtung, dennoch muss - in Anbetracht der Tatsache, dass lokales Personal 80 Prozent der Arbeitskräfte von Ärzte ohne Grenzen ausmachen - noch viel getan werden.
  • Die Zahl der Beschwerden von Patient:innen und ihren Verwandten hat sich ebenfalls leicht erhöht, von 20 im Jahr 2019 auf 23 im Jahr 2020 (ein Anstieg von 46 Prozent). In Anbetracht der Tatsache, dass Ärzte ohne Grenzen unzählige medizinische Konsultationen in über 80 Projekten weltweit und auch auf andere Art mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Kontakt kommt, ist es wahrscheinlich, dass hier die Anzahl von nicht gemeldeten Vorfällen signifikant ist. Bereits bestehende Beschwerdemechanismen müssen weiter adaptiert und verbessert werden, um Patient:innen und deren Verwandte in unseren verschiedenen Einsätzen besser zu erreichen - vor allem auch aufgrund der verletzlichen Position, in denen sich viele unserer Patient:innen befinden.

Beschwerden aus den Büros weltweit

2020 ist das erste Jahr, in dem Ärzte ohne Grenzen Beschwerdezahlen aus den weltweiten Bürso zusammengefasst hat, daher sind hier noch keine Zahlen aus Vorjahren zum Vergleich verfügbar.

  • Ärzte ohne Grenzen beschäftigte 2020 5.596 Mitarbeiter:innen in 37 Standorten, die insgesamt 10 Prozent aller Arbeitskräfte ausmachten. Aus den Büros weltweit wurden 2020 55 Beschwerden eingereicht - entweder durch das Management oder bürospezifische Beschwerdemechanismen. 
  • 38 dieser Beschwerden wurden nach Untersuchung entweder als Missbrauch (20 Fälle) oder als unangemessenes Verhalten (18 Fälle) bestätigt. 
  • Basierend auf diesen Fällen, wurden 20 Personen entweder entlassen oder je nach Schwere des Falls auf andere Weise sanktioniert, zum Beispiel offiziell verwarnt. 

Ärzte ohne Grenzen ist bemüht, alle Barrieren abzubauen, die Menschen von einer Meldung von Missbrauch abhalten könnten. Wir setzen uns kontinuierlich dafür ein, das Bewusstsein für die Mechanismen zur Meldung von Missbrauch in der gesamten Organisation sowie die Beschwerdemechanismen selbst zu erhöhen.

Wir vermuten, dass die Gründe für die unzureichende Meldung von Missbrauchsfällen vermutlich dieselben sind wie jene, die wir derzeit in der gesamten gesellschaftlichen Debatte über dieses Thema erleben. Dazu gehören die Angst der Betroffenen, dass einem nicht geglaubt wird, die Furcht vor Stigmatisierung und vor möglichen Repressalien. Dies ist umso akuter in vielen Krisengebieten, in denen Ärzte ohne Grenzen tätig ist. Dort gibt es oftmals keine allgemeinen Schutzmechanismen für Missbrauchsopfer und ein hohes Maß an Gewalt und Straflosigkeit. Außerdem ist die Bevölkerung teilweise stark von externer Hilfe abhängig. Die hohe Anzahl und die Diversität unserer Mitarbeiter:innen, sowie ihr ständiger Wechsel in den Projekten erfordern kontinuierliche Bemühungen, um alle über die Richtlinien von Ärzte ohne Grenzen in Bezug auf Belästigung und Missbrauch sowie die Beschwerdemechanismen zu informieren und sensibilisieren.

Die Schaffung und Aufrechterhaltung eines Arbeitsumfelds, das frei von Missbrauch und Belästigung ist, ist ein fortlaufendes Unterfangen, für das wir alle verantwortlich sind. Wir verpflichten uns dazu, verletzlichen Menschen, denen wir Hilfe leisten, keinen Schaden zuzufügen.

Wir ersuchen unser Personal, unsere Patient:innen und jeden, der mit Ärzte ohne Grenzen in Kontakt kommt, weiterhin, jegliches beobachtetes oder erlebtes unangemessene Verhalten zu melden.

 

* 15 Fälle waren während der Erstellung dieses Berichts noch nicht vollständig abgeklärt.