50 Jahre Ärzte ohne Grenzen: Appell an die Bundesregierung

21.12.2021

Anlässlich des 50. Jahrestags der Gründung von Ärzte ohne Grenzen morgen, am 22. Dezember, fordert die medizinische Nothilfeorganisation deutliche politische Kurskorrekturen von der neuen Regierung unter Bundeskanzler Karl Nehammer. „Österreichs Regierung hat die historische Chance, ganz konkret zur weltweiten Eindämmung der Pandemie beizutragen, indem sie eine temporäre Aussetzung von COVID-19-Patenten ermöglicht. In der Flüchtlings- und Migrationspolitik ist es das Gebot der Stunde, den menschlichen Umgang mit Schutzsuchenden ins Zentrum der Bemühungen zu stellen”, fordert Leo Ho, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Österreich.
 
„Am 50. Jahrestag unseres Bestehens wäre es sicherlich am einfachsten, uns zurückzulehnen und zurückzublicken, was wir in fünf Dekaden erreicht haben. Das ist aber nicht die Art, wie Ärzte ohne Grenzen funktioniert: Wir möchten die Aufmerksamkeit lieber auf das Unrecht lenken, das vielen unserer Patient:innen aktuell widerfährt. Denn genau das ist der Kern unserer Arbeit – wir sind nicht nur medizinische Nothelfer:innen, sondern auch Sprachrohr“, so Leo Ho, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Österreich.

Konkret fordert Ho im Namen der weltweit tätigen medizinischen Nothilfeorganisation einen deutlich konstruktiveren Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung durch Österreich. „Es ist im Interesse von uns allen, dass möglichst viele Menschen weltweit Zugang zu COVID-19-Impfstoffen bekommen, nur so kann die Wahrscheinlichkeit von weiteren Mutationen wie Omikron verringert werden“, sagt Ho, der selbst zuletzt in der Slowakei einen COVID-19-Einsatz von Ärzte ohne Grenzen koordinierte. „Dennoch blockiert Österreich eine Lösung, die genau dies ermöglicht: die temporäre weltweite Aussetzung von Patenten auf Impfstoffe, Medikamente, Diagnostika und Hilfsmittel wie Beatmungsgeräte. Wir fordern von der Regierung, und speziell von Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck ein rasches Umdenken, damit hier nicht wie bei der HIV/Aids-Pandemie ein Fehler wiederholt wird.“

Mit Blick auf die dramatische Situation in Libyen, am Mittelmeer, auf den griechischen Inseln und generell an den Außengrenzen der EU, etwa in Polen, mahnt Leo Ho mehr Menschlichkeit im Umgang mit Geflüchteten und Migrant:innen ein. „Es ist untragbar, dass Menschen an den Außengrenzen der EU erfrieren, dass sie misshandelt werden, im Mittelmeer ertrinken oder unter unmenschlichen Bedingungen in gefängnisähnlichen Lagern interniert werden. Statt zu einer nachhaltigen Lösung hat Österreich in den vergangenen Jahren aktiv zu einer europäischen Flüchtlingspolitik beigetragen, die Abschottung statt Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Die gesundheitlichen Folgen davon sind real und gravierend. Es liegt in der Hand der Regierung, dies nun zu ändern und den Fokus auf die menschliche Behandlung von Notleidenden zu legen, statt auf ihre Abschreckung und Kriminalisierung.“

Zwölf französische Ärzte und Journalisten haben Ärzte ohne Grenzen am 22. Dezember 1971 gegründet. Heute sind weltweit rund 63.000 Mitarbeiter:innen für die medizinische Nothilfeorganisation tätig. In den Jahren 2020 sowie 2021 hat die Spendenfreudigkeit der Menschen in Österreich für Ärzte ohne Grenzen nicht nachgelassen, sondern ist weiterhin auf einem hohen Niveau. Nur so können die Teams medizinische Nothilfe dort leisten, wo sie am meisten gebraucht wird – unabhängig, unparteiisch und neutral.