Myanmar: Schlechter Zugang zu Gesundheitsversorgung

31.05.2021

Vier Monate nach der Machtübernahme des Militärs in Myanmar ist die öffentliche Gesundheitsversorgung unzureichend. Viele öffentliche Krankenhäuser wurden geschlossen oder vom Militär besetzt. Diejenigen, die geöffnet sind, bieten nur eingeschränkte Leistungen an. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben kaum Möglichkeiten, Patient:innen für eine spezialisierte medizinische Behandlung zu überweisen.
 
Sollte Myanmar eine Welle neuer COVID-19-Infektionen treffen, wäre das eine Katastrophe für die öffentliche Gesundheit. Die Kapazität des Landes, Menschen auf das Virus zu testen, sie zu behandeln oder Impfungen gegen COVID-19 durchzuführen, ist nur noch ein Bruchteil dessen, was sie vor der Machtergreifung des Militärs war.
 
In der Regel müssen sich die Patient:innen entscheiden, ob sie eine private medizinische Einrichtung aufsuchen, die sie sich oft nicht leisten können, oder in ein vom Militär kontrolliertes Krankenhaus gehen, in dem ihre Sicherheit gefährdet ist. Das ist vor allem ein Risiko, wenn sie an Protesten beteiligt waren. Es gibt zwar vereinzelt Kliniken von Nichtregierungsorganisationen, diese decken aber nicht den gesamten medizinischen Bedarf und wurden zuletzt von den Militärbehörden in ihrer Arbeit eingeschränkt.
 
„Die Patient:innen machen sich Sorgen, ob sie eine Klinik erreichen, um Medikamente zu bekommen", berichtet ein Arzt von Ärzte ohne Grenzen im Bundesstaat Kachin. „Und wenn die Sicherheitskräfte an den Checkpoints die Patient:innen nicht durchlassen, kann das medizinische Personal ihnen nicht helfen." Gerade für Patient:innen mit Krankheiten, die eine regelmäßige und langfristige Versorgung erfordern, wie HIV, Tuberkulose und Hepatitis C, könnten die anhaltende Unsicherheit und die Verzögerungen beim Zugang zu Medikamenten lebensbedrohliche Folgen haben.

Angriffe auf Gesundheitspersonal

Ärzt:innen und Krankenpflegepersonal werden in Myanmar gezielt angegriffen. Mitarbeiter:innen von medizinischen Einrichtungen, die Ärzte ohne Grenzen unterstützt, berichten beispielsweise, dass Kolleg:innen festgenommen wurden. Nach Angaben der WHO gab es seit der militärischen Machtübernahme 179 Angriffe auf Gesundheitspersonal und medizinische Einrichtungen. 13 Menschen wurden dabei getötet. Medienberichte zeigen, wie Rettungskräfte beschossen wurden, als sie am Rande friedlicher Proteste Verwundete versorgten. Auch medizinisches Material wurde zerstört.
 
Nicht nur das Gesundheitssystem verschlechtert sich, auch die Wirtschaft des Landes steht vor dem Zusammenbruch. Bargeld ist immer schwerer zu bekommen, vor den nur selten gefüllten Geldautomaten bilden sich lange Schlangen. Die Entwertung des Kyat gegenüber dem Dollar treibt die Preise für Importe und für Waren wie Öl, Reis und Bezin in die Höhe.
 
Nach Angaben des UNHCR wurden seit der Machtübernahme des Militärs am 1. Februar schätzungsweise 60.000 Menschen in Myanmar innerhalb des Landes und weitere 10.000 in die Nachbarländer vertrieben. Dies ist größtenteils auf das Wiederaufflammen von Konflikten in Myanmars Grenzgebieten zurückzuführen, besonders in den Bundesstaaten Chin, Kachin und Kayin. Luftangriffe und Granatenbeschuss zwingen die Menschen, aus ihren Häusern zu fliehen und haben zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Ärzte ohne Grenzen musste aufgrund der Kämpfe Mitarbeiter:innen aus einer Stadt in Kachin abziehen, was zu einer vorübergehenden Unterbrechung der Hilfe führte.
 
Ärzte ohne Grenzen ist seit 1992 in Myanmar tätig. Die Hilfsprojekte sind seither stark gewachsen. Derzeit sorgen mehr als 1.100 Mitarbeiter:innen über ein Netzwerk von Gesundheitseinrichtungen und mobilen Kliniken für eine hochwertige medizinische Versorgung in Teilen des Landes.

Patricia Otuka-Karner

Leiterin Pressestelle