COVID-19: Unzureichende Versorgung mit medizinischem Sauerstoff

10.05.2021

In dem heute veröffentlichten Bericht „Gasping For Air“ betont die internationale medizinische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen/ Médecins Sans Frontières (MSF) die Wichtigkeit der Versorgung mit medizinischem Sauerstoff im Kampf gegen COVID-19. Da Impfstoffe in den meisten Ländern weltweit noch nicht verfügbar sind, werden die Menschen weiterhin an COVID-19 erkranken. Es muss daher umgehend auch in eine ausreichende Versorgung mit medizinischem Sauerstoff investiert werden.

„Sauerstoff ist die wichtigste Medizin für Patient:innen mit schwerem oder kritischem COVID-19-Krankheitsverlauf. Dabei ist die Versorgung mit medizinischem Sauerstoff oft unzureichend. Der Aufbau einer Infrastruktur wurde in Ländern mit schwachem oder mittlerem Einkommen über Jahre vernachlässigt“, betont Marc Biot, Leiter der Einsätze von Ärzte ohne Grenzen im Einsatzzentrum Brüssel. „Bereits vor der Pandemie haben wir immer wieder Patient:innen, die an schwerer Lungenentzündung, Malaria oder einer Sepsis erkrankt waren und viel zu viele frühgeborene Babys sterben sehen, weil zu wenig Sauerstoff vorrätig war. Aber seit dem Corona-Ausbruch ist der Mangel stark im Fokus. Unzureichende Sauerstoffversorgung tötet.“
 
In den einkommensschwachen Ländern, in denen Ärzte ohne Grenzen arbeitet, sind Spitäler und Gesundheitszentren oft auf unsichere und teure Versorgungsketten mit medizinischem Sauerstoff angewiesen. Während Krankenhäuser in reichen Nationen ihre eigenen Sauerstoffanlagen haben und dadurch die Krankenbetten direkt mit hochkonzentriertem Sauerstoff versorgen können, müssen sich Patient:innen in  Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen auf sperrige, teure und schnell leere Sauerstoffflaschen oder kleine Sauerstoffkonzentratoren verlassen,  die für Patient:innen in kritischem Zustand nicht ausreichen.

"Menschen kommen zwei Mal zu kurz"

„Die Menschen kommen zwei Mal zu kurz“, sagt Marc Biot. „Sie stehen nicht nur ganz am Ende der Warteschlange in der weltweiten Impfstoffversorgung, sondern erhalten auch nicht die bestmögliche Versorgung, wenn sie an Corona erkranken.“ Ein aktuelles Beispiel dafür ist die katastrophale Situation in Indien. Aber auch die Lage in der Stadt Aden im Jemen zeigt die furchtbaren Konsequenzen von mangelndem medizinischem Sauerstoff. Das von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Krankenhaus war in den letzten Tagen über 100 Prozent ausgelastet. 600 Sauerstoffflaschen wurden pro Tag verbraucht. Währenddessen mussten dennoch Patient:innen abgewiesen werden, weil nicht genug Sauerstoff vorrätig ist.
 
„Die Zahlen stabilisieren sich wieder, aber wir müssen davon ausgehen, dass eine weitere Welle kommt, und es wird wieder zu viele schwerkranke Patient:innen geben und zu wenig Sauerstoff. Als Arzt ist es eine Katastrophe, immer wieder mitansehen zu müssen, dass Menschen aufgrund fehlender Medikamente nicht behandelt werden können“, so Marc Biot.

Kreative Lösungen bei unzureichender Versorgung mit medizinischem Sauerstoff

Wo die Versorgung mit medizinischem Sauerstoff unzureichend ist, arbeiten die Teams von Ärzte ohne Grenzen an kreativen Lösungen, um die dringende Versorgung ihrer Patient:innen sicherzustellen. So wurden in Südafrika mehrere kleine Sauerstoffkonzentratoren, die einzeln nicht stark genug wären, um schwer an COVID-19 erkrankte Menschen mit Sauerstoff aus der Luft zu versorgen, zusammengeschlossen, um ihre Leistung zu erhöhen. In der Demokratischen Republik Kongo wurden Sauerstoffflaschen verbunden und dadurch eine zentrale Sauerstoffanlage eingerichtet. Gesundheitspersonal wird in der richtigen Anwendung von medizinischer Sauerstofftherapie geschult.
 
„Zeit ist ein kritischer Faktor. Die praktischen Lösungen, die unsere Teams im Einsatz anwenden, retten Leben, aber es reicht nicht. Mehr Sauerstoffkonzentratoren müssen bereitgestellt werden, vor allem in ländlichen Regionen, wo es keine Sauerstoffanlagen gibt. Die Preise für medizinischen Sauerstoff müssen geregelt und ausreichende Lager und Versorgungswege eingerichtet werden, damit Gesundheitseinrichtungen verlässlichen Nachschub erhalten“, sagt Marc Biot. „Die unmittelbare Versorgung mit Sauerstoff muss sichergestellt werden, während die Regierungen auch die strukturellen Herausforderungen lösen, damit keine Patient:innen mehr nach Luft ringen müssen.“

Bericht „Gasping For Air“ zum Download

Patricia Otuka-Karner

Leiterin Pressestelle