30.01.2026
Nach monatelangen erfolglosen Verhandlungen mit den israelischen Behörden und mangels Zusicherungen hinsichtlich der Sicherheit unserer Mitarbeitenden und der unabhängigen Durchführung unserer Einsätze ist Ärzte ohne Grenzen zu dem Schluss gekommen, dass unsere Organisation unter den gegenwärtigen Umständen keine Liste ihrer palästinensischen und internationalen Mitarbeitenden an die israelischen Behörden weitergeben wird.

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Trotz wiederholter Bemühungen wurde in den vergangenen Tagen deutlich, dass es uns nicht gelungen ist, mit den israelischen Behörden eine Einigung über die erforderlichen konkreten Zusicherungen zu erzielen. Dazu gehörten: 

  • dass alle Informationen über die Mitarbeitenden ausschließlich für die angegebenen administrativen Zwecke verwendet werden.
  • dass daraus keine Gefahr für die Kolleg:innen entsteht, deren Namen geteilt wurden.
  • dass Ärzte ohne Grenzen die volle Autorität über alle Personalangelegenheiten und die Verwaltung der medizinischen Hilfsgüter behält.
  • dass alle Veröffentlichungen eingestellt werden, die Ärzte ohne Grenzen diffamieren und die Sicherheit der Mitarbeitenden gefährden. 

Infolgedessen und mangels dieser klaren Zusicherungen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir unter den gegenwärtigen Umständen keine Daten von Mitarbeitenden weitergeben werden. Im Rahmen dieses Verfahrens wurden keine Mitarbeiter:innendaten an die israelischen Behörden weitergegeben. 

Im März 2025 hatten die israelischen Behörden angekündigt, dass Organisationen, die eine Registrierung beantragen, sensible Daten ihrer Mitarbeitenden vorlegen müssen. Ärzte ohne Grenzen äußerte von Anfang an ernsthafte Bedenken hinsichtlich dieser Forderung. Denn in den besetzten Palästinensischen Gebieten wurden medizinische und humanitäre Helfer:innen immer wieder eingeschüchtert, willkürlich inhaftiert und angegriffen. Seit Oktober 2023 sind 1.700 Mitarbeitende des Gesundheitswesens getötet worden, auch 15 unserer Kolleg:innen.  

Am 30. Dezember 2025 gaben die israelischen Behörden bekannt, dass die bisherige Registrierung von Ärzte ohne Grenzen abgelaufen sei und die Organisation daher innerhalb von 60 Tagen ihre Arbeit einstellen müsse. In dem Bestreben, alle möglichen Optionen – so begrenzt sie auch sein mögen – zu prüfen, um weiterhin lebenswichtige medizinische Versorgung leisten zu können, teilten wir den israelischen Behörden am 23. Jänner mit, dass wir als Ausnahmemaßnahme bereit seien, eine definierte Liste mit den Namen palästinensischer und internationaler Mitarbeiter:innen unter klaren Bedingungen weiterzugeben, wobei die Sicherheit unserer Mitarbeitenden im Mittelpunkt stehe. Diese Position wurde nach Rücksprache mit unseren palästinensischen Kolleg:innen festgelegt, wobei klar war, dass keine Informationen ohne die ausdrückliche Zustimmung der betroffenen Personen weitergegeben werden würden. 

Inmitten der anhaltenden humanitären Katastrophe im Gazastreifen und der extremen Gewalt gegen Mitarbeitende des Gesundheitswesens zwingen die israelischen Behörden humanitäre Organisationen zu einer unmöglichen Entscheidung. Sie müssen sich zwischen der Weitergabe sensibler Daten ihrer Mitarbeitenden und der Aufrechterhaltung der lebenswichtigen medizinischen Versorgung entscheiden. 

Wenn Ärzte ohne Grenzen aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland verdrängt wird, hätte dies verheerende Auswirkungen, denn die Palästinenser:innen sehen inmitten zerstörter Häuser und dringender humanitärer Bedürfnisse einem brutalen Winter entgegen. Die humanitären Bedingungen sind nach wie vor extrem: Seit Oktober wurden trotz Waffenstillstand fast 500 Menschen getötet, grundlegende Versorgungsleistungen wie Nahrung, Wasser, Unterkünfte, Gesundheitsversorgung, Treibstoff und Lebensgrundlagen wurden weitgehend zerstört. Das Gesundheitssystem ist fast funktionsunfähig, da viele spezialisierte Leistungen, wie etwa die Versorgung von Verbrennungen, nicht mehr verfügbar sind. Im Jahr 2025 führte Ärzte ohne Grenzen 800.000 Behandlungen durch, leistete bei jeder dritten Geburt Hilfe und unterstützte jedes fünfte Krankenhausbett. Diese Dienstleistungen können nicht ohne Weiteres ersetzt werden. 

Ärzte ohne Grenzen ist weiterhin offen für einen Dialog mit den israelischen Behörden, damit unsere lebenswichtige medizinische Hilfe im Gazastreifen und im besetzten Westjordanland aufrechterhalten werden und sichergestellt werden kann, dass unsere Teams weiterhin lebensrettende medizinische Versorgung für Menschen in Not leisten können. 

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer