22.10.2026
Nach der jüngsten militärischen Eskalation im Jemen sind immer mehr Menschen mangelernährt, es mangelt an Medikamenten und Infektionskrankheiten breiten sich aus.

Die militärische Eskalation im Jemen verschärft die humanitäre Krise im Land. Mehr als 230.000 Menschen wurden seit September von der Westküste vertrieben. Viele von ihnen sind von Mangelernährung betroffen. Cholera breitet sich aus. Ärzte ohne Grenzen baut sein Hilfsangebot in Vertriebenenlagern aus.

Die anhaltenden Kampfhandlungen zwischen den Ansar-Allah-Streitkräften und der international anerkannten, von Saudi-Arabien unterstützten Regierung des Jemen sorgen für weitere Engpässe in der chronisch unterfinanzierten Gesundheitsversorgung. Mehr als 230.000 Menschen wurden von der Westküste des Jemen vertrieben und suchen möglichst weit von der Frontlinie entfernt Zuflucht. Für viele ist es nicht das erste Mal, dass sie seit Kriegsbeginn 2015 fliehen müssen. Sie leben unter schwierigen Bedingungen in informellen Siedlungen und Vertriebenenlagern.

„Wir sehen schwangere Frauen, die keine einzige Vorsorgeuntersuchung hatten und an unzureichend ausgestatteten und unhygienischen Orten entbinden mussten; wir überweisen weiterhin akut mangelernährte Kinder in Krankenhäuser, die bereits an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen; und wir sehen, wie medizinische Komplikationen aufgrund des eingeschränkten Zugangs zur Gesundheitsversorgung zunehmen“, sagt Itta Helland-Hansen, Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen im Jemen.

Ärzte ohne Grenzen weitet die medizinische Hilfe in den Vertriebenenlagern aus. Das Lager Atira wurde erweitert, um 150 neu vertriebene Familien aufzunehmen. Heute leben dort rund insgesamt 310 Familien auf wüstenartigem Land, das viele Kilometer von jeglicher Infrastruktur entfernt und der brennenden Sonne ausgesetzt ist. Für die neu in Atira Angekommenen gibt es noch keine Latrinen, was das Risiko einer Ausbreitung von Cholera erhöht. Die Fälle haben sich laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den vergangenen drei Wochen verdreifacht.
Seit Mitte September hat die Ärzte ohne Grenzen in mobilen Kliniken in den Verwaltungsbezirken Aden und Lahdsch mehr als 1.000 Behandlungen durchgeführt. Die häufigsten Erkrankungen, die mit den schlechten Lebensbedingungen zusammenhängen, waren Infektionen der oberen Atemwege, Harnwegsinfektionen und Gastritis.

Viele Vertriebene mit chronischen Erkrankungen haben nur noch kaum noch Medikamentenvorräte. „Unsere Teams sehen Patient:innen mit leeren Medikamentenpackungen gegen Epilepsie, Bluthochdruck und Diabetes, die verzweifelt um Nachschub bitten“, so Helland-Hansen.
In Mokka im Westen des Jemen bleibt die Lage instabil. Die Kämpfe halten an. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen versorgen weiterhin Kinder, Schwangere und junge Mütter im allgemeinen Krankenhaus. Zusätzlich unterstützen sie ein Primärgesundheitszentrum in Chocha, 50 Kilometer nördlich von Mokka. Außerdem konnte die Versorgung im Primärgesundheitszentrum von Mafraq al Mokka, 40 Kilometer nordöstlich von Mokka, nach zweiwöchiger gewaltbedingter Unterbrechung wieder aufgenommen werden.

Humanitäre und medizinische Akteure haben Schwierigkeiten, Hilfe zu leisten, und der Zugang zu Hilfsgütern wie therapeutischer Fertignahrung für mangelernährte Kinder wird immer schwieriger. In Chocha haben sich die Fälle von akuten Durchfallerkrankungen   in der vergangenen Woche fast verdoppelt.
Laut WHO wurden bisher nur 3,78 Millionen US-Dollar der benötigten 31 Millionen US-Dollar für einen 90-tägigen Noteinsatz im Jemen gesichert. Schon vor der jüngsten militärischen Eskalation waren die Maßnahmen, die allgemeine humanitäre Krise im Jemen zu bewältigen, stark unterfinanziert: Nur 22 Prozent der erforderlichen Mittel waren gesichert.

Patient:innen berichten

Maher, 19, war Fischer in Mokka, bevor er letzten Monat gemeinsam mit fünf weiteren Familien fliehen musste. „Wir sind wie durch ein Wunder entkommen; die Straßen waren schon gesperrt. Es war eine weite Strecke; wir waren eineinhalb Tage zu Fuß unterwegs und sind dann mit einem Bus gefahren“, erzählt er. Er lebt derzeit im Vertriebenenlager Atira im Verwaltungsbezirk Lahdsch, rund 250 Kilometer von Mokka entfernt. „Wir haben im Lager Zuflucht gesucht, aber es gab keine Zelte“, sagt Maher. „Fast eine Woche lang haben wir im Wind unter den Bäumen gelebt, bis man uns ein Zelt geben konnte.“

Fatima floh mit ihren acht Kindern wegen des Beschusses nachts und in aller Eile aus Mokka. Sie erreichte das Lager Atira mit fast nichts in den Händen. „Unser Hauptproblem hier ist der Zugang zu Trinkwasser. Ich habe kein Geld, um Wasserflaschen zu kaufen, und meine Kinder haben Durst. Das Wasser in den Tanks ist salzig“, sagt sie. „Ich bin sehr erschöpft und leide an Herzproblemen und Bluthochdruck. Mein Kind, das im Rollstuhl sitzt, musste ich über weite Strecken schieben.“
 

Werner Reiter

Werner Reiter

Press Officer