Libyen: Ärzte ohne Grenzen muss aufgrund massiver Gewalt Hilfe aussetzen

23.06.2021

„Diese Entscheidung fällt uns nicht leicht, denn sie bedeutet, dass wir nicht in jenen Lagern sein werden, von denen wir wissen, dass die Menschen dort täglich leiden", erklärt die Einsatzleiterin von Ärzte ohne Grenzen in Libyen, Beatrice Lau. „Der anhaltende Einsatz von Gewalt und schwere Verletzungen von Flüchtlingen und Migrant:innen sowie das Sicherheitsrisiko für unsere Mitarbeiter:innen haben jedoch ein Niveau erreicht, das wir nicht länger akzeptieren können. Bis die Gewalt aufhört und sich die Bedingungen verbessern, kann Ärzte ohne Grenzen in diesen Einrichtungen keine humanitäre und medizinische Hilfe mehr leisten."

Seit Februar dieses Jahres haben Misshandlungen und Gewalt gegen Menschen, die in diesen Internierungslagern festgehalten werden, kontinuierlich zugenommen. Innerhalb von nur einer Woche wurden die Teams von Ärzte ohne Grenzen Zeugen von mindestens drei gewalttätigen Vorfällen, die zu schweren physischen und psychischen Schäden führten.

Während eines Besuchs am 17. Juni im Internierungslager Mabani, in dem Schätzungen zufolge mindestens 2.000 Menschen in stark überfüllten Zellen festgehalten werden, wurden die Teams von Ärzte ohne Grenzen Zeugen von Gewalttaten durch das Wachpersonal: Menschen, die versuchten, ihre Zellen zu verlassen, um von Ärzt:innen von Ärzte ohne Grenzen behandelt zu werden, wurden willkürlich verprügelt.

Das Team von Ärzte ohne Grenzen erhielt Berichte über erhöhte Spannungen in der vorangehenden Nacht, die in massiver Gewalt gipfelten. Sowohl Migrant:innen und Flüchtlinge als auch Wachleute wurden dabei verletzt: Ärzte ohne Grenzen behandelte 19 Patient:innen mit Verletzungen, die durch die Schläge verursacht wurden, darunter Frakturen, Schnittwunden, Schürfwunden und stumpfe Verletzungen. Ein unbegleitetes Kind konnte nicht mehr gehen, nachdem es schwere Verletzungen an den Knöcheln erlitten hatte. Andere sprachen von körperlichen und verbalen Misshandlungen durch Wachleute. 

Mit Schusswaffen auf Geflüchtete geschossen

Zu Beginn derselben Woche, am 13. Juni, wurde mit Maschinengewehren auf Menschen im Abu-Salim-Gefangenenlager geschossen, was Berichten zufolge mehrere Opfer forderte. Nach dem Vorfall wurde den Teams von Ärzte ohne Grenzen sieben Tage lang der Zugang zum Internierungslager verweigert.

Die Zunahme der Gewalt seit Anfang 2021 geht einher mit dem gleichzeitig deutlichen Anstieg der Zahl von Geflüchteten, Migrant:innen und Asylsuchenden, die von der EU-finanzierten libyschen Küstenwache auf See abgefangen, zwangsweise nach Libyen zurückgeführt und in Internierungslagern eingesperrt werden. Bis zum 19. Juni wurden heuer über 14.000 Menschen abgefangen und nach Libyen zurückgeführt, was bereits die Gesamtzahl der Zwangsrückführungen im gesamten Jahr 2020 übersteigt.

Dies hat zu einer starken Überbelegung und einer Verschlechterung der ohnehin desolaten Bedingungen innerhalb der Lager geführt. In den meisten fehlt es an Belüftung und natürlichem Licht; einige sind so überfüllt, dass sich bis zu vier Personen einen Quadratmeter Platz teilen müssen, was die Menschen dazu zwingt, sich in Schichten hinzulegen und zu schlafen. Die Menschen haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen.

Außerdem erhalten die Migrant:innen und Flüchtlinge zu wenig Nahrungsmittel. Sie bekommen nur ein oder zwei kleine Mahlzeiten am Tag, meistens ein kleines Stück Brot mit Käse oder einen Teller Makkaroni, den sie sich mit vielen anderen teilen müssen. Ärzt:innen  von Ärzte ohne Grenzen haben beobachtet, dass die Menschen angesichts des Nahrungsmangels manchmal ihre Medikamente gegen den Hunger einnehmen. Der Mangel an ausreichend nahrhaften Lebensmitteln hat dazu geführt, dass einige Frauen keine Muttermilch mehr produzieren. Eine Frau berichtetete den Teams von Ärzte ohne Grenzen, dass sie so verzweifelt war, ihr fünf Tage altes Baby zu ernähren, dass sie versuchte, ihre Ration an fester Nahrung ihrem Säugling zu geben, damit er nicht verhungert.

Ärzte ohne Grenzen fordert ein Ende der Gewalt und eine Verbesserung der Bedingungen für Flüchtlinge und Migrant:innen, die in den Lagern Mabani und Abu Salim festgehalten werden. Ärzte ohne Grenzen wiederholt außerdem seine Forderung nach einem Ende der langjährigen Praxis der willkürlichen Inhaftierungen in Libyen und nach der sofortigen Evakuierung von Flüchtlingen, Asylsuchenden und Migrant:innen aus Libyen, die dort lebensbedrohlichen Risiken ausgesetzt sind.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 2016 in Internierungslagern in Libyen und betreut die Menschen medizinisch und psychologisch. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen identifizieren außerdem gefährdete Menschen und überweisen Patient:innen, die eine Spezialbehandlung benötigen, an Krankenhäuser in ganz Libyen. In der ersten Jahreshälfte 2021 versorgten die Teams, die in Internierungslagern in Tripolis arbeiteten, 8.920 Patienten medizinisch, führten 9.248 medizinische Untersuchungen durch und führten die Überweisung von 405 Patient:innen an Krankenhäuser in der Stadt durch.

Eva Hosp

Media & Events