Die aktuelle Situation in Libyen

In 2021 haben wir unsere reguläre medizinische und humanitäre Hilfe in zwei Internierungslagern in Tripolis vorübergehend eingestellt, nachdem wir wiederholt Zeugen gewalttätiger Übergriffe auf dort inhaftierte Menschen wurden. Ende September haben wir, nach Gesprächen mit der libyschen Direktion zur Bekämpfung illegaler Migration, unsere Arbeit wiederaufgenommen. Während des Austausches wurde uns u.a. zugesichert, dass für einige Grundvoraussetzungen in den Haftanstalten gesorgt wird, sodass wir unsere Unterstützung in Einklang mit den humanitären und medizinisch-ethischen Prinzipien fortführen können. Uns wurde u.a. zugesagt, dass die Anwendung von Gewalt gegen inhaftierte Menschen verhindert werden soll und die Sicherheit unserer Teams gewährleistet wird.

Anfang Oktober haben Sicherheitskräfte der libyschen Regierung nun willkürlich 5.000 Migrant:innen und Geflüchtete festgenommen. Sie wurden in Internierungslagern untergebracht, die vollkommen überfüllt sind. In den beiden Zentren, die wir besuchen konnten, ist die Lage dramatisch. In Zellen des einen Lagers können die Menschen aufgrund von Platzmangel beispielsweise nur stehen. Unsere Teams fanden sogar einige Männer bewusstlos vor, die dringend medizinische Hilfe benötigten. Die Ereignisse stellen für uns einen klaren Bruch der im September beschlossene Einigungen dar. Wir erneuern unsere Forderungen eindringlich, die Lager zu schließen, die dort festgehaltenen Menschen freizulassen und ihnen humanitäre Hilfe und Schutz zukommen zu lassen. 

Wie wir in Lybien helfen

Der bewaffnete Konflikt in Libyen eskalierte 2020 weiter, die Wirtschaft sowie das Gesundheitssystem brachen zusammen und Covid-19 verbreitete sich im ganzen Land. Gleichzeitig durchqueren regelmäßig Hunderttausende Menschen das Land auf der Suche nach Schutz vor Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen, bewaffneten Konflikten oder extremer Armut. Ihr Weg führt sie dabei oft auf das Mittelmeer. Dort werden sie immer wieder von der libyschen Küstenwache aufgegriffen und in Internierungslager überführt, in denen katastrophale Bedingungen herrschen. Eine unmenschliche Maßnahme, die von der EU finanziert wird.  

Wir versorgen in Libyen Menschen in Internierungslagern mit einer medizinischen Grundversorgung und psychosozialer Unterstützung. Besonders gefährdete Patient:innen, die eine spezielle Behandlung benötigen, überweisen wir an Krankenhäuser im Land. Abseits der Arbeit in den Internierungslagern betreiben wir zusammen mit dem libyschen Gesundheitsministerium ein COVID-19-Testzentrum in Tripolis, wo wir auch Schulungen anbieten. Die Behandlung von Tuberkulose (TB) ist ein weiterer Schwerpunkt unserer Aktivitäten - unsere Teams arbeiten in drei TB-Einrichtungen.

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2011

Beginn der Arbeit

6,8

Mio. EUR

Ausgaben (Vorjahr)

153

Einsatz­kräfte

Länder-Vergleich

Ländervergleich Österreich & Libyen

AT
LY
83.80
76.00

Lebens­erwartung Frauen

in Jahren

Quelle: WHO, data.worldbank.org

AT
LY
79.40
70.10

Lebens­erwartung Männer

in Jahren

Quelle: WHO, data.worldbank.org

AT
LY
3.00
10.00

Säuglings­sterblichkeit

je 1000 Geburten

Quelle: WHO, data.worldbank.org

AT
LY
5.20
2.10

Ärzt:innen

je 1000 Einwohner­:innen

Quelle: WHO, data.worldbank.org

Unsere Hilfe in Libyen 2020

  • 16.800 ambulante Sprechstunden
  •  
  • 3.030 vorgeburtliche Untersuchungen 
  •  
  • 250 Tuberkulose-Neubehandlungen

Ein Kreislauf aus Gewalt und Flucht

Fast alle Männer, Frauen und Kinder, die versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, waren zuvor in Libyen. Nicht wenige mussten die lebensgefährliche Flucht wiederholt riskieren, da sie von der libyschen Küstenwache zurückgezwungen wurden. In Libyen sind Migrant:innen und Geflüchtete nahezu rechtlos. Die überwiegende Mehrheit der schätzungsweise 650.000 Migrant:innen, die sich in Libyen aufhalten, lebt auf der Straße. Die Menschen sind willkürlichen Verhaftungen und Inhaftierungen, Menschenhandel, Ausbeutung und schwerer Gewalt bis hin zu Folter ausgesetzt oder landen auf dem Sklavenmarkt. Unsere Teams in Libyen arbeiteten daran, ihnen einen besseren Zugang zu Wasser und anderen grundlegenden Dienstleistungen zu ermöglichen und die Covid-19 Hygienemaßnahmen zu verstärken.

Hilfe für jene, die aus Libyen fliehen konnten

Weil es in Libyen nur eingeschränkte Möglichkeiten gibt, Geflüchteten und Migrant:innen selbst zu begegnen, erfahren wir über die katastrophale Lage im Land viel von jenen, denen die Flucht geglückt ist. Bei unseren Einsätzen in Niger und der Sahelzone sowie auf dem Mittelmeer behandeln unsere Mitarbeiter:innen häufig Gerettete mit Schuss- oder Stichverletzungen, Knochenbrüchen oder infizierten Wunden. Wir sehen Patient:innen, die unter chronischen Erkrankungen leiden, die jahrelang nicht versorgt wurden. 

Nahezu alle Patient:innen leiden psychisch unter dem, was ihnen in Libyen widerfahren ist. Doch schon die Beweggründe, die sie zur Flucht veranlasst und dorthin geführt haben, waren oftmals traumatisch. Die notwendige psychologische Hilfe können wir den Menschen oftmals erst spät, nach einer geglückten Flucht aus Libyen, bieten.

Geheime Gefängnisse

Als wir in Libyen ankamen, wurden wir direkt verkauft. Nach einigen Monaten kam die Polizei, die uns freilassen sollte. Stattdessen steckten sie uns einfach in ein Gefängnis in Tripolis. Ich zahlte über 2.000 Euro, um freigelassen zu werden, und versuchte dann letztes Jahr, auf dem Seeweg zu entkommen. Aber die libysche Küstenwache fing uns ab und steckte uns wieder ins Gefängnis. Die Wärter schlugen den Leuten auf den Kopf, während sie auf dem Boden lagen. Sie wurden auch gezwungen, die Beine in die Luft zu strecken. Dann schlugen sie weiter, bis sie bluteten und bluteten. Das ist Folter!

- 26-jährige nigerianische Frau

Geflüchtete und Migrant:innen sind in Libyen immer wieder gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Im Februar 2020 verlor ein 26-jähriger Eritreer sein Leben, als in dem überfüllten Haftzentrum Dhar al-Jebel in Sintan ein Feuer ausbrach und am 28. Juli versorgten unsere Teams Betroffene, nachdem bei einer Schießerei in al-Chums drei Teenager starben.  

Unseren Kolleg:innen sind nur unregelmäßige Besuche in den wenigen offiziellen Haftanstalten für Migrant:innen in und um die Hauptstadt Tripolis gestattet: Dort sind Ungeziefer wie Läuse, Krätze und Flöhe weit verbreitet. Die Menschen erhalten weder ausreichend Nahrungsmittel noch Trinkwasser. Sie schlafen auf dem Boden und teilen sich zu Hunderten wenige verdreckte Toiletten. 

Die meisten Inhaftierten befinden sich aber in geheimen Gefängnissen, die von Menschenschmugglern betrieben werden. In der nördlichen Stadt Bani Walid z.B., die zwei Stunden von Tripolis entfernt ist, organisierten unsere Teams Krankentransporte und behandelten Geflüchtete und Migrant:innen, die aus der Gefangenschaft entkommen waren. Außerdem begleiteten wir Überlebende von Folter und Menschenhandel mit psychologischer Unterstützung.

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