19.05.2022

Wir erreichten die in Seenot geratenen Boote, nachdem wir von Alarm Phone, der unabhängigen Überwachungsorganisation für das Mittelmeer, und Pilotes Volontaires, einer in Frankreich ansässigen gemeinnützigen Organisation, die das zentrale Mittelmeer aus der Luft beobachtet, alarmiert worden waren. Keines der Boote wurde von den offiziell zuständigen Seenotrettungsleitstellen identifiziert.

Am frühen Morgen des 9. Mai erreichte unser Team zwei in Seenot geratene Schlauchboote mit insgesamt 204 Menschen an Bord. Unter ihnen befand sich ein neun Monate alter Junge namens Mohammed, der gemeinsam mit seiner Mutter aufgebrochen war. Alle Überlebenden auf den Gummibooten wurden auf die Geo Barents gebracht.

Etwas mehr als 24 Stunden später erhielten wir Information über ein weiteres überfülltes Schlauchboot, diesmal mit 59 Menschen an Bord. Die Geo Barents und ein Flugzeug der Pilotes Volontaires machten sich auf den Weg zum Einsatzort und führten die Rettungsaktion durch.

Am späten Abend des 10. Mai landeten zwei neue E-Mail-Warnungen von Alarm Phone in unserem Posteingang, die darauf hinwiesen, dass zwei weitere Boote in der Nähe in Not waren. Die Rettungsschnellboote der Geo Barents wurden also gegen 21 Uhr erneut zu Wasser gelassen, und nach einer intensiven fünfstündigen Suche in der Dunkelheit fand das Team schließlich die beiden Boote, die in der Nähe einer Ölplattform trieben. Die 111 Überlebenden an Bord dieser Boote wurden gerettet und gegen zwei Uhr morgens an Bord der Geo Barents gebracht, womit die längste Rettungsaktion seit Beginn unseres Schiffseinsatzes beendet war.

Am 11. Mai meldete Alarm Phone weitere Boote in Seenot, diesmal in internationalen Gewässern unter der Such- und Rettungszuständigkeit von Malta. Wiederum mit Hilfe von Pilotes Volontaires navigierte die Geo Barents zur genauen Position des ersten Bootes, wo unser Team 67 Menschen in einem Holzboot treibend vorfand, die alle verängstigt, erschöpft und desorientiert wirkten. Einige Stunden später wurden alle Überlebenden an Bord des Rettungsschiffs gebracht.

"Als die Retter kamen, war ich fast bewusstlos", sagte eine 26-jährige Frau aus Syrien. "Ich konnte nicht verstehen, was geschah. Zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits mindestens 48 Stunden auf See. Ich war sicher, dass ich sterben würde."

Der lange Tag der Rettung wurde mit einem weiteren Boot mit 29 Menschen an Bord fortgesetzt, das ebenfalls in der maltesischen Such- und Rettungszone trieb. Auch hier ergriffen die maltesischen Behörden keine Maßnahmen.

Geo Barents staff: Juan Gil

Es ist unverständlich, dass nach den Jahren in denen es immer wieder zu Fluchtversuchen kommt, die viel zu oft tödlich enden, immer noch private Organisationen wie wir die Hauptlast der Rettung von Menschenleben auf See übernehmen.

Juan Gil, Leiter unserer Such- und Rettungsmission

"Mindestens 24.000 Menschen sind seit 2014 offiziell ertrunken oder vermisst, doch Europa verschließt immer noch die Augen vor dem, was an seinen südlichen Grenzen passiert."

Gil weiter: "Wir waren erneut entsetzt über die Untätigkeit der maltesischen und italienischen Behörden, während fast 100 Menschenleben auf dem Spiel standen. Die maltesischen Streitkräfte, die in erster Linie für die Rettung in der maltesischen Such- und Rettungszone zuständig sind, wurden zur gleichen Zeit wie wir informiert, aber sie blieben still und untätig. Sie vernachlässigten damit ihre gesetzliche Verpflichtung, Hilfe zu leisten oder zu koordinieren. Auch unser Ersuchen um einen sicheren Hafen wurde ignoriert. "

Die meisten der Überlebenden an Bord der Geo Barents haben körperliche Misshandlungen verschiedener Art erlebt, darunter sexuelle Gewalt und Zwangsarbeit. Vier von ihnen traten die Reise über das Mittelmeer mit gebrochenen Knochen an, die sie sich während ihrer Zeit in Libyen zugezogen hatten.

Ein Überlebender, der sich derzeit auf der Geo Barents befindet, leidet an Diabetes und ist auf Insulin angewiesen, hat aber wahrscheinlich wochenlang keine lebenswichtigen Medikamente erhalten. Zwei weitere Überlebende haben an Bord psychotische Episoden erlitten. Alle 470 Überlebenden auf der Geo Barents sind entweder physisch oder psychisch gefährdet und müssen so schnell wie möglich an einen sicheren Ort gebracht werden.

Die italienischen Behörden, die auch für die Such- und Rettungsmaßnahmen im Mittelmeer zuständig sind, haben uns nach sieben Tagen und zehn Anfragen Augusta in Sizilien als sicheren Hafen zugewiesen. 

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