Mittelmeer: Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht neuen Bericht "Niemand kam uns zu Hilfe“

In "No one came to our rescue" („Niemand kam uns zu Hilfe“) prangert Ärzte ohne Grenzen die gewaltsamen Praktiken an Europas Grenzen und die bewusste Untätigkeit europäischer Staaten an.
22.11.2023

Das Jahr 2023 hat bereits jetzt einen unrühmlichen Rekord aufgestellt: Fast 2.200 Kindern, Frauen und Männern sind heuer im zentralen Mittelmeer als vermisst oder tot gemeldet worden. Damit ist 2023 auf dieser Migrationsroute das tödlichste Jahr seit 2017.

Im neu veröffentlichten Bericht "Niemand kam uns zu Hilfe", der sich auf medizinische und operative Daten stützt, die von Ärzte ohne Grenzen an Bord des Rettungsschiffs Geo Barents gesammelt wurden, dokumentiert die humanitäre Hilfsorganisation zahlreiche Fälle, in denen europäische Küstenstaaten wissentlich das Leben von Menschen in Gefahr gebracht haben: durch Verzögerung oder schlecht koordinierte Rettungsmaßnahmen und Rückführungen an unsichere Orte. Der Bericht beschreibt auch das extreme Ausmaß an Gewalt, von dem Überlebende den Teams von Ärzte ohne Grenzen an Bord der Geo Barents berichteten.

2023 hat sich die Zahl der Menschen, die über die zentrale Mittelmeerroute an Italiens Küsten ankommen, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt, wobei Tunesien Libyen als Hauptausreiseland abgelöst hat. Dieser erhebliche Anstieg der Abfahrten in Verbindung mit dem Mangel an staatlichen Rettungskapazitäten hat zu mehr Fällen von Seenot und Schiffbrüchen geführt. Seit Anfang des Jahres kamen im zentralen Mittelmeer täglich durchschnittlich acht Menschen ums Leben oder werden vermisst.

Zwischen Jänner und September 2023 hat das medizinische Team von Ärzte ohne Grenzen 3.660 Behandlungen auf der Geo Barents durchgeführt. Die aus Seenot geretteten Menschen litten häufig an gesundheitlichen Problemen, die direkt mit der gefährlichen Überfahrt zusammenhingen, darunter Verbrennungen durch Treibstoff, Treibstoffvergiftungen, Unterkühlung und Dehydrierung.

Viele Überlebende hatten auch Verletzungen oder Krankheiten, die mit den beengten und unmenschlichen Lebensbedingungen während ihrer Gefangenschaft in Libyen zusammenhingen, wie etwa Hautinfektionen und unbehandelte Wunden. Darüber hinaus wiesen 273 Patient:innen schwere gewaltbedingte Traumata auf, darunter Narben von Schusswunden oder brutalen Schlägen, ungewollte Schwangerschaften aufgrund sexueller Gewalt sowie viele psychische Probleme wie Angstzustände, Albträume und Flashbacks.

„Seit mehr als zwei Jahren behandeln die Teams von Ärzte ohne Grenzen an Bord der Geo Barents die physischen und psychischen Folgen der europäischen Migrationspolitik. Die Wunden und Geschichten der Patient:innen spiegeln das Ausmaß an Gewalt wider, der sie in ihrem Herkunftsland und auf ihrer Reise, einschließlich in Libyen und Tunesien, ausgesetzt waren", sagt Juan Matias Gil, verantwortlich für die Seenotrettung bei Ärzte ohne Grenzen.

Gleichgültig gegenüber dem unermesslichen Leid, das sich vor ihren Türen abspielt, haben die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten kontinuierlich in eine gesundheitsgefährdende Migrationspolitik sowie Gesetze und Praktiken investiert, die wenig bis gar keine Rücksicht auf die menschlichen Kosten nehmen. Während die Teams von Ärzte ohne Grenzen im Mittelmeer weiterhin Zeug:innen von Zwangsrückführungen nach Libyen sind, werden neue Abkommen mit Drittländern, wie mit Tunesien in diesem Sommer oder kürzlich mit Albanien, geschlossen, die nicht den Verpflichtungen der Staaten, Schutzsuchenden zu helfen, entsprechen.

Bericht zum Download.